Eine große Rolle spielten dabei die Plattformlogiken von Instagram und Tiktok, wie Heesen ausführt. Diese lenkten die Verbreitung auf Grundlage von Faktoren wie Emotionalisierung, Sensationalismus, Streit, und nicht nach redaktionell geprüften Qualitätskriterien.
Beim aktuellen Boom der Fruchtvideos ist aus Sicht der Forscherin noch nicht mal klar, ob die hohen Zugriffszahlen teils durch KI-Bots zustande kämen. «Die erwarteten zumindest kurzzeitig hohen Zugriffszahlen sind sicher auch die Motivation zur Erstellung der Videos, mit denen auf diese Weise viel Geld verdient werden kann».
Jugendschutz.net: Videos oft moralisch fragwürdig
Der Plattform Jugendschutz.net zufolge arbeitet die KI bei solchen Clips nicht «kreativ», sondern kopiere gesellschaftliche Klischees, wie sie bereits im Netz existierten. Nach den Beobachtungen der Organisation treten die Videos für deutsche Nutzer etwa seit Jahresanfang auf, vermehrt seit Februar und März.
Kürzlich hatte sie einen Hinweis auf ihrer Internetseite zu den viralen Fruchtstorys veröffentlicht. Dort heißt es: «Was wie ein harmloser Trend wirkt, entpuppt sich oft als moralisch fragwürdig, sexistisch oder rassistisch. Auch Inhalte, die blutige Gewaltszenen gegen Frauen zeigen, finden sich darunter». Die Plattform warnt davor, bei Kindern und Jugendlichen könne eine Normalisierung und Werteverschiebung stattfinden, wenn sie diese unreflektiert als unterhaltsamen Content konsumierten.
Die gehäufte Darstellung von problematischen Verhaltensweisen könne dazu führen, dass sich die Wahrnehmung dessen, was «normal» in einer Beziehung oder im Umgang mit dem anderen Geschlecht sein solle, verschiebe, schreibt sie auf Anfrage. In einem Video ist etwa zu sehen, wie ein Mann in Form einer Banane seine Birnen-Frau mit drastischen Worten dazu auffordert, abzunehmen. Dann betrügt er sie mit einer schlanken Erdbeere.
Forscherin: Wissen nichts über Motive, sich diese Videos anzusehen
Forscherin Heesen betont mit Blick auf die Wirkung solcher Inhalte aber auch: «Auch wenn ein Unterhaltungsformat eine gewisse Anziehung hat, heißt das noch nicht, dass diese Verhaltensweisen übernommen werden. So einfach funktioniert Medienwirkung nicht». Man wisse nichts über die Motive, sich diese Videos anzuschauen. «Den meisten Nutzerinnen und Nutzern wird klar sein, dass die dominanten Bananenmänner und die anschmiegsamen Erdbeerfrauen kein Rollenmodell für ihren Alltag sind.»
Dennoch könnten Rollenmodelle natürlich durch fiktionale Inhalte und Unterhaltungsformate geprägt werden, so die Wissenschaftlerin. Das treffe auf Schlagershows, Krimis und eben auch auf KI-Videos zu. «Der Unterschied ist jedoch, dass fiktionale KI-Inhalte in weit höherem Maße extrem und grenzüberschreitend sein können.»