Immer wieder kommen Maria M.* (Name geändert) die Tränen, wenn sie an ihre Beziehung denkt. "Er hatte mich in der Hand", sagt die junge Frau über den Mann, der ihr Leben mit Macht und Kontrolle beherrschte. "Zuhause war nur noch Geschrei. Er war aggressiv, er hatte keine Geduld mit den Kindern. Sie mussten funktionieren. Ich war am Ende." Nur durch den Zuspruch einer Freundin fand sie schließlich den Mut, ihn zu verlassen. Im Frauenhaus Bamberg kann Maria durchatmen und ihr Leben neu sortieren.

Schloss an der Wohnungstüre ausgetauscht

Mit ihrer zehnjährigen Tochter und zwei Kleinkindern wohnt die Mutter in einem eigenen Zimmer. Es ist hell und freundlich eingerichtet. An den Wänden hängen Bilder, es gibt Spielsachen, die Kleidung ist fein säuberlich im Schrank gestapelt. Maria wollte mit persönlichen Gegenständen ein schönes Zuhause für den Übergang schaffen. "Aber mein Mann hat mir den Zugang zur Wohnung verweigert. Er wollte nichts herausgeben, obwohl ich alles bezahlt hatte. Er hat einfach das Schloss ausgetauscht, obwohl ich noch im Mietvertrag stehe."

In der geschützten Umgebung des Frauenhauses blickt sie zurück auf das, was ihr in den vergangenen Jahren widerfahren ist. Nach einer Essstörung und Therapie als Jugendliche rappelte sie sich wieder hoch, absolvierte eine Ausbildung und ging einer geregelten Arbeit nach. Mit 17 lernte sie ihren damaligen Freund kennen und wurde schwanger. Nach der baldigen Trennung brachte Maria sich und das Kind alleine durch.

Die Beziehung begann mit einer Lüge

Die Beziehung mit ihrem späteren Mann begann mit einer Lüge. "Er hat sich deutlich jünger gemacht. Sein wahres Alter konnte man ihm nicht ansehen." Zunächst behandelte er sie und ihre Tochter freundlich. Als Maria schwanger wurde, schien das Glück perfekt. Doch bald wurde ihr klar, dass ihr Mann zwei Gesichter hat. "Meine große Tochter hat nur Einser in der Schule geschrieben. Aber sie konnte machen, was sie wollte, er hatte kein gutes Wort mehr für sie." Maria wurde erneut schwanger und wollte das Kind behalten, obwohl die Lage zu Hause immer schlimmer wurde. "Ich wollte so sehnlich eine heile Familie und habe daran geglaubt, dass es wieder besser wird", sagt Maria.

Sie hat seine alten Schulden beglichen, nach außen hin Harmonie vorgetäuscht. Immer wieder versprach er ihr, sich zu ändern. "Aber das hat er nicht gemacht. Ständig haben sich liebevolles Verhalten und Drohungen abgewechselt." Ein gutes Wort zog hundert böse nach sich. Er wurde den kleinen Kindern gegenüber handgreiflich. "Sie waren ihm ein Klotz am Bein", sagt Maria. "Er hat sich nie um sie gekümmert. Ich hatte sie immer im Schlepptau, ich konnte nichts mehr alleine machen. Auch Freunde durfte ich nicht treffen."

Besuchsverbot bei der Mutter

Seine Verbote gingen so weit, dass er ihr die letzte Lebensphase mit ihrer schwer erkrankten Mutter nicht gönnte. "Sie hat doch jetzt ihre Pflegerinnen", sagte ihr Ex-Partner stattdessen. Kurz darauf starben auch ihre einzigen Großeltern. Maria weint. Es war die schlimmste Zeit in ihrem Leben. Ihr Mann muss gespürt haben, dass sie sich von ihm abwendet. "Ich wollte immer wieder gehen, aber dann hat er irgendwelche Knöpfe gedrückt. Du verlässt mich nicht, hat er immer gedroht."

Die Tochter konnte nicht mehr

Gleichzeitig lief es auch mit der Arbeit nicht gut. Maria wurde als Filialleiterin versetzt und hatte jetzt täglich 160 Kilometer zu fahren, musste die Kinderbetreuung neu organisieren. Zuhause gab es nur noch Streit. "Er war immer laut und aggressiv. Meine große Tochter hat es nicht mehr ausgehalten. Wir haben beide geheult, weil es einfach nicht mehr ging." Als das Kind fragte: "Soll ich ihm sagen, dass wir gehen?" war Maria klar, dass sie handeln muss. Dass sich das Mädchen einer solchen Verantwortung stellen wollte, dass sie sagte, ein Schulwechsel wäre in Ordnung und sie sicher woanders neue Freunde finden würde: "Da habe ich gesehen, wie groß ihre Not ist."

Die heile Familie war kaputt

Eine gute Freundin machte Maria immer wieder Mut. "Ohne sie hätte ich es nicht geschafft." Sie gab ihr die Nummer vom Frauenhaus und half ihr, den Absprung zu planen. Im August fuhr Maria mit den Kindern ohne ihren Mann zum Zelten. "Ich konnte nicht noch mal auf heile Familie machen", sagt sie. Vor der Abreise trennte sie sich von ihrem Mann. Er nahm es nicht ernst, doch Maria kehrte nach dem Urlaub nicht zu ihm zurück. Sie zog mit den Kindern ins Frauenhaus.

Auch ohne blaues Auge ins Frauenhaus

"Bei häuslicher Gewalt denken alle immer an Schläge", sagt Maria. "Psychische Gewalt wird unterschätzt." Das bestätigt Bettina Hainke, Leiterin des Frauenhauses. "Viele Frauen werden von ihren Partnern massiv unter psychischen Druck gesetzt. Wenn sie das nicht mehr aushalten und bei uns anrufen, fragen manche, ob sie auch ohne blaues Auge ein Fall fürs Frauenhaus sind."

Ein Frauenhaus: Gelegenheit, sich zu erholen und das Leben zu organisieren. Auch Maria braucht erst einmal Zeit. Sie hat keine Arbeit mehr, weil ihr Mann dort angerufen und behauptet hat, sie hätte geklaut. Sie möchte eine Therapie beginnen, um das Erlebte zu verarbeiten und sich psychisch zu stärken. Auch eine Wohnung muss her. Immerhin kam die älteste Tochter problemlos in einer weiterführenden Schule unter, die Kleinen werden von Erzieherinnen betreut.

Vor Maria liegt ein steiniger Weg

Auch sonst wird im Frauenhaus alles dafür getan, dass die Betroffenen wieder auf die Beine kommen. "Von A wie Amtsbesuch bis Z wie Zusammenbruch gibt es jederzeit Unterstützung", sagt Maria. Trotzdem liegt ein steiniger Weg vor ihr. Der Umgang mit den Kindern ist noch nicht geregelt. Sie hat Angst, dass ihr Mann die Kleinen nach einem Besuch nicht zurückbringt. "Wenn er die Kinder sehen will, dann kann er den offiziellen Weg gehen", sagt Hainke.

Die Schicksale machen betroffen

Seit Ende Mai leitet sie das Frauenhaus des Sozialdienstes katholischer Frauen und wird täglich mit Schicksalen wie dem von Maria konfrontiert. "Das ist nicht so leicht auszuhalten. Aber es ist schön, positive Entwicklungen anstoßen zu können." Hainke ist froh, dass sie und ihr Team aus vier Sozialpädagoginnen und zwei Erzieherinnen den Betroffenen helfen können. Das Frauenhaus ist übers Jahr gut belegt, Frauen vieler Nationalitäten finden hier Zuflucht. "Während des ersten Lockdowns sind allerdings nicht so viele Frauen gekommen. Gewalt gab es nach wie vor, aber die Frauen konnten nicht raus. Es ist leichter, hier zu sein als herzukommen." Manchmal gehen die Frauen auch zurück nach Hause. "Das müssen wir akzeptieren."

Anzeige wegen Kindesmisshandlung

Über diesen Schritt denkt Maria nicht nach. "Ich habe hier die Chance auf einen Neustart", sagt sie. Auch wenn sie im Moment noch einen Berg an Arbeit vor sich sieht, belastende Anrufe von ihrem Mann bekommt, er sie mit Nachrichten bombardiert, bei Familie, Freunden und in sozialen Netzwerken über sie hetzt, ihr ganzes Geld weg ist: "Ich schaffe das", sagt Maria. Sie möchte sich nicht mehr einlullen lassen, sondern an das denken, was ihr angetan wurde. Aus Gründen des Selbstschutzes will sie ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung nennen, aber mit ihrer Geschichte anderen unterdrückten, geschlagenen, gequälten und eingeschüchterten Frauen Mut machen. Maria hat ihren Mann wegen Kindesmisshandlung angezeigt.

Glaube an die Liebe

Wenn sie hoffentlich bald auf eigenen Beinen stehen kann, wünscht sich die junge Frau und Mutter trotzdem wieder Liebe in ihrem Leben. "Ich möchte mit jemandem zusammen sein." Anlaufstellen

In akuten Gewaltsituationen hilft der Polizei-Notruf 110. In den fränkischen Polizeipräsidien gibt es außerdem eigene Beauftragte für häusliche Gewalt. Weitere Anlaufstellen: Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen", Tel. 08000/116016; "Weisser Ring", Tel. 01803/343434; Ehe- und Familienberatungsstellen von Wohlfahrtsverbänden, Telefonseelsorge 0800/1110111. Frauenhäuser Hilfe in Akutsituationen und Wohnmöglichkeit: Frauenhaus Bamberg, Tel. 0951/58280; Erlangen: Tel. 09131/25872; Schweinfurt: Tel. 09721/786030; Würzburg: Tel. 0931/619810; Coburg: Tel. 09561/861796; Bayreuth: Tel. 0921/21116.irfeOrange Days Hier lesen Sie, welche Aktionen zu den "Orange Days" - Kampagne zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen - in Franken geplant sind.