Dass sein Schwiegervater als niedergelassener Hausarzt 70 Stunden pro Woche arbeitet, dass auch am Sonntag Patienten an der Haustür klingeln, dass Budgetierung und Bürokratie den Alltag beherrschen: All das schreckt Daniel Grimm nicht ab. Der Medizinstudent aus Erlangen wird die Praxis im Landkreis Hof gemeinsam mit seiner Schwägerin übernehmen. Das freut nicht nur den Schwiegervater, das freut auch die bayerische Staatsregierung: Sie honoriert Grimms Pläne mit einem Stipendium.

Der 29-jährige Erlanger und 24 weitere Medizinstudenten aus Bayern (davon sechs aus Franken) bekommen vom Gesundheitsministerium 300 Euro monatlich für maximal vier Jahre. Die Stipendiaten haben sich dafür bereit erklärt, nach ihrem Studium für mindestens fünf Jahre im ländlichen Raum tätig zu sein - egal ob als Haus- oder Facharzt, ob niedergelassen oder im Krankenhaus.

"Die Medizinstudierenden von heute sind die Ärzte von morgen", sagt die bayerische Gesundheitsstaatssekretärin Melanie Huml zur Initiative ihres Ministeriums. "Wir wollen Berufseinsteiger frühzeitig für eine spätere Tätigkeit im ländlichen Raum begeistern."

Drei Förderprogramme

Das Stipendium ist eines von drei Förderprogrammen der Bayerischen Staatsregierung mit einem Gesamtvolumen von 15,5 Millionen Euro bis zum Jahr 2014. Das zweite Programm ermöglicht eine Anschubfinanzierung von bis zu 60 000 Euro für Mediziner, die sich als Hausarzt in ländlichen Gebieten mit wenig jungen Ärzten niederlassen, als Drittes werden innovative Versorgungskonzepte unterstützt wie etwa Gemeinschaftspraxen, die besonders familienfreundliche Arbeitszeitmodelle ermöglichen.

Ziel der Förderprogramme ist es nach den Worten Humls, "die wohnortnahe, medizinische Versorgung auf hohem qualitativem Niveau auch in Zukunft zu erhalten." Das ist nicht nur ein ehrgeiziges Vorhaben, sondern ein dringend nötiges angesichts des demografischen Wandels: Von den gut 9000 in Bayern registrierten Hausärzten ist etwa ein Drittel 60 Jahre und älter. Wenn sie ihre Praxen schließen, gibt es häufig keine Nachfolger.
Die aktuellsten Zahlen dazu liefert die Kassenärztliche Vereinigung (KVB) Bayerns in München. Als vor zwei Jahren 340 Hausärzte ihre Tätigkeit beendeten, blieb ein Drittel der Praxen unbesetzt. "An diesen Zahlen hat sich nicht viel zum Positiven hin gewendet", sagt KVB-Sprecherin Kirsten Warweg. Aktuell herrsche zwar rein rechnerisch in Bayern keine Unterversorgung mit Haus- und Fachärzten, jedoch vor allem in ländlichen Gebieten "eine gefühlte Unterversorgung".

Die große Lücke kommt noch

Die große Lücke kommt aber erst in den nächsten Jahren, wenn viele Ärzte in Rente gehen, sagt Warweg. "Und Nachfolger sind gerade auf dem Land immer schwerer zu finden." Warum das so ist, hat für die KVB mehrere Gründe. Allen voran sei es die nicht zufriedenstellende Planungssicherheit bei der Honorierung. Besonders im ländlichen Raum stünde die hohe Arbeitsbelastung oft in einem ungünstigen Verhältnis zum möglichen Ertrag einer Hausarztpraxis. Weitere Argumente gegen "das Land" seien die Arbeitsbelastung durch ausgedehnte Sprechzeiten und Bereitschaftsdienste sowie eingeschränkte Möglichkeiten bei der Freizeitgestaltung. Berufliche Verpflichtungen eines Partners oder die Auswahl an Schulen seien weitere Kriterien, die bei der Niederlassungswahl eine Rolle spielen.

Die Kassenärztliche Vereinigung bezieht deshalb Stellung: "Es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, den ländlichen Raum attraktiver zu gestalten", sagt Sprecherin Warweg. Dazu gehörten Kinderbetreuungsplätze und Schulen ebenso wie kulturelle Angebote oder eine funktionierende DSL-Anbindung.

Um die Attraktivität einer Niederlassung als Hausarzt im ländlichen Raum zu steigern, hat die KVB Änderungen der Bereitschaftsdienstordnung beschlossen und die Dienstfrequenz gesenkt. Außerdem fördert sie den Nachwuchs durch einen gemeinsam mit der AOK Bayern betriebenen Stiftungslehrstuhl für Allgemeinmedizin an der Technischen Universität München. Er wurde zum Wintersemester 2009/2010 eingerichtet und ist der einzige Lehrstuhl für Allgemeinmedizin in Bayern.

Lehrstuhl für Allgemeinmedizin in Erlangen

Auch deutschlandweit ist das Fach nicht wirklich institutionalisiert: Nach Information der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) gibt es derzeit 18 Professuren für Allgemeinmedizin an den Medizin führenden Universitäten. Viele davon sind - wie in München - Stiftungsprofessuren. Einen anderen Weg geht die Friedrich-Alexander-Universität (FAU) Erlangen-Nürnberg: Sie plant die Einrichtung eines eigenen neuen Lehrstuhls für Allgemeinmedizin und will damit einen Beitrag zur besseren hausärztlichen Versorgung in ländlichen Regionen leisten.
Bis dahin wird Student Daniel Grimm schon im siebten Semester sein. Der 29-Jährige hat nach sechsjähriger Berufstätigkeit als Krankenpfleger 2010 mit seinem Medizinstudium in Erlangen begonnen und im vergangenen Herbst sein Physikum gemacht. Zurzeit absolviert er ein Praktikum in der Transfusionsmedizin der Erlanger Uniklinik.

Auf das Stipendium des Gesundheitsministeriums hat ihn sein Schwiegervater, der Hausarzt, aufmerksam gemacht. Grimm hat sich beworben und war mit seinem Plan, später einmal in die Landarztpraxis einsteigen zu wollen, ein potenzieller Kandidat. Nach wochenlanger Wartezeit bekam er die Zusage - und im Februar erstmals die 300 Euro.
Das Geld kann er gut brauchen, erzählt Grimm. Zwar bekommt er auch Bafög, aber Erlangen ist ein teueres Pflaster. "Ich muss nebenbei ordentlich arbeiten", sagt der Medizinstudent, "da geht viel Zeit drauf." Durch das Stipendium kann er seine Nebenjobs reduzieren und hat jetzt am Wochenende auch mal frei oder Gelegenheit zum Lernen.

"Jeder Arzt verdient gut"

Die Zeit dafür hat er so nötig wie das Geld. Ein Medizinstudium ist anspruchsvoll - und dauert. Grimm braucht insgesamt zwölf Semester "und dann bin ich Arzt, mehr nicht", sagt er. Seine geplante Facharztausbildung zum Allgemeinmediziner wird noch einmal fünf Jahre mit Stationen in Klinik und Praxis in Anspruch nehmen. Vielleicht schafft er parallel seine Doktorarbeit, dann könnte er den Titel mit aufs Schild seiner künftigen Praxis schreiben lassen.

Dass die im Frankenwald liegt, stört Grimm nicht - er ist in der Hofer Gegend geboren. Auch das Arbeitspensum schreckt ihn nicht ab. Er glaubt nicht, dass er so wie sein Schwiegervater einmal 70 Stunden in der Praxis verbringen wird. "Das machen die Ärzte nicht mehr lang mit. Außerdem können sich die Kassenärztlichen Vereinigungen solche Arbeitsbedingungen auf lange Frist nicht mehr leisten," prognostiziert der Student.
Er hat zurzeit nur zwei Kommilitonen, "die eventuell auch mal Allgemeinmedizin machen wollen." Liegt es vielleicht doch an den oft beklagten, "schlechten" Verdienstmöglichkeiten? "Jeder Arzt verdient gut", sagt Grimm, "alles andere ist Blödsinn. Aber die Rahmenbedingungen für Allgemeinmediziner müssen einfach besser werden."

Zuviel Schreibkram für Ärzte

Schon während seiner Zeit als Krankenpfleger hat er mitbekommen, dass Bürokratie einen Großteil der Arbeit in der Medizin ausmacht. "Es kann nicht sein", moniert Grimm, "dass man elf Jahre studiert und sich dann um Schreibkram kümmern muss statt um die Patienten." Er hofft, dass sich das ändern wird. "Ich möchte ein Stethoskop in die Hand nehmen und am Patienten arbeiten. Außerdem möchte ich als Notarzt im Einsatz sein, und das alles lieber auf dem Land als in der Stadt", sagt er und bringt damit seine Hoffnungen für die Zukunft auf den Punkt.
Seine Zukunft: Die liegt noch in weiter Ferne. "Ich bin nicht vor 37 Allgemeinarzt", sagt Grimm. Dennoch plant sein Schwiegervater schon mit ihm. Zwar ist der Arzt erst 58 - aber seine Praxis im Frankenwald wird nach seinem Berufsende nicht leer stehen. Der Nachwuchs kommt, ganz bestimmt.


Fakten zur hausärztlichen Versorgung in der Region

In Oberfranken nehmen 761 Ärzte an der hausärztlichen Versorgung teil.

In Mittelfranken nehmen 1205 Ärzte an der hausärztlichen Versorgung teil.

In Unterfranken nehmen 922 Ärzte an der hausärztlichen Versorgung teil.*

*Stand 1. Februar 2013

Die Zahlen setzen sich aus Ärzten mit Voll- und Teil-Zulassung zusammen, angestellten Ärzten sowie Klinikärzten, die für einen gewissen Zeitraum zur Teilnahme an der ambulanten Versorgung oder einen gewissen Behandlungsbereich ermächtigt sind. Die Summe umfasst Allgemeinärzte sowie hausärztlich tätige Internisten.


In Bayern sind über 9000 Hausärzte registriert.

* 20 Prozent arbeiten nicht originär hausärztlich (Internisten).
* 20 Prozent der bayerischen Hausärzte sind über 60 Jahre alt.

*Im Jahr 2011 beendeten 340 Hausärzte ihre Praxistätigkeit, bayernweit konnten 113 Hausarztpraxen trotz aufwendiger Suche nach einem Nachfolger nicht nachbesetzt werden. Im Jahr 2010 waren es "nur" 74 Hausarztpraxen, die ohne Nachfolger blieben, 2009 waren es 50.

*Laut Kassenärztlicher Vereinigung Bayern sind pro Stunde Bereitschaftsdienst derzeit kaum 10 Euro zu erwirtschaften (bei einem Durchschnitt von 17,50 Euro bayernweit, also die höheren Honorare der Dienste in den Ballungsräumen eingeschlossen).