Wenn Seelsorger an der Seele leiden, kann das unterschiedliche Gründe haben: Probleme mit der Sexualität und dem Zölibat spielen ebenso eine Rolle wie der gestiegene Arbeitsdruck durch die Betreuung größer werdender Pfarrgemeinden oder der Frust über leere Kirchen. Zweifel an der Berufung und Burnout sind deshalb keine Seltenheit. In solchen Lebenskrisen finden Seelsorger Hilfe im Recollectio-Haus der Benediktiner-Abtei Münsterschwarzach. Es wurde nach seiner Gründung 1991 zur einzigen Anlaufstelle für homosexuelle Priester in Deutschland.


Zurückhaltend mit öffentlichen Äußerungen

"Wir sind eine Einrichtung für Männer und Frauen, die im kirchlichen Dienst stehen und in eine Krise geraten sind bzw. verhindern möchten, dass sie ausbrennen", erklärt Ruthard Ott, Leiter des Recollectio-Hauses. Unter den verschiedensten Beweggründen der Gäste, die zu psychotherapeutischen und geistlichen Gesprächen nach Münsterschwarzach kommen oder an den Seminaren teilnehmen, sei manchmal auch das Thema Homosexualität. "Aber es steht nicht im Vordergrund." Mehr sagt Ott nicht. Denn dieses Argument sei neben seiner berufsethischen Verpflichtung zur Verschwiegenheit als psychologischer Psychotherapeut mit der Grund, weshalb er nicht für ein weitergehendes Interview zur Verfügung stehen könne.


Ein Ort für Therapie und Auszeit

Eine Antwort auf die Frage, warum gerade in der katholischen Kirche so viele homosexuelle Männer arbeiten, ist nicht leicht zu bekommen. An der psychologischen Fakultät der Uni Erlangen finden sich gar kein Ansprechpartner zu diesem Thema, ein Professor der Uni Bamberg sagt, dass Homosexualität keine Erkrankung im herkömmlichen Klassifizierungssystem sei und man deshalb keine Aussagen treffen könne. Die Frage, die vielen Menschen auf der Seele brennt, lässt sich also wissenschaftlich anscheinend nicht beantworten. Auch vom Institut für Sexualforschung an der Charité Berlin gibt es keine Auskunft. Im Internet dagegen wird wild spekuliert. Einige nehmen an, dass homosexuelle Männer aus dem dörflichen Umfeld, wo sie mit ihrer Neigung nicht offen umgehen können, Unterschlupf in der Kirche suchen; andere vermuten, dass homosexuelle Männer das kirchliche Umfeld und gerade das Priesteramt wegen der "schönen Kleidung und Zeremonien" wählen.

Otts Vorgänger im Recollectio-Haus, Wunibald Müller, ebenfalls Theologe und Psychotherapeut, ging mit diesem Thema anders um - nicht immer zum Gefallen der Bistumsleitungen. Durch seine Arbeit in der Diözese Freiburg, wo er für Priester in seelischer Not zuständig war, wusste er: Man kann die Betroffenen entweder zum Therapeuten oder für eine Auszeit ins Kloster vermitteln. Diese Bereiche wollte Müller miteinander verbinden und gründete 1991 mit Unterstützung der Benediktinerabtei Münsterschwarzach das Recollectio-Haus. In den folgenden 25 Jahren, in denen er das Haus leitete, wurden 1600 Menschen in stets ausgebuchten Seminaren betreut. Dies sagte Müller bei seiner Verabschiedung im Herbst 2016 in einem Gespräch mit dieser Zeitung (aktuell steht er nicht für Interviews zur Verfügung).


Diskussion über Sexualität angestoßen

Die Themen Sexualität und Beziehungsfähigkeit hätten sich während seiner Dienstzeit zu Dauerbrennern entwickelt. Er sei vielen Priestern begegnet, die aufgrund des geforderten zölibatären Lebensstils in große seelische Not gerieten. Weil er diese Probleme so hautnah mitbekam, wollte er die öffentliche Diskussion anstoßen. Müller schrieb Bücher und sprach in Interviews immer wieder über die indifferente Sexualmoral der katholischen Kirche. In einem persönlichen Brief an Papst Franziskus setzte er sich für die Aufhebung des Zölibats ein und sprach sich für die Ordination von Frauen und Homosexuellen aus.


Homosexualität kommt einem Verrat an der Bibel gleich

Dass sich die katholische Kirche gerade mit Letzteren so schwer tut, sah Müller in der Bibel begründet. Diese spreche der Heterosexualität die Norm zu - Menschwerdung liege in der Begegnung von Mann und Frau. Schwulen und lesbischen Liebesbeziehungen den gleichen Stellenwert einzuräumen, werde von den Kirchenverantwortlichen als Verrat an der Heiligen Schrift betrachtet. Müller schätzte in früheren Interviews den Anteil an Homosexuellen im kirchlichen Dienst nicht höher als in der Gesamtgesellschaft ein. Bei der Oberschicht, also Priestern und Bischöfen, ging er von mindestens 20 Prozent aus.


Diagnostische Einschätzung kann helfen

Dass Geistliche, die am Zölibat scheitern, entweder ihr Priesteramt verlassen müssen oder im Amt bleiben und im Geheimen Beziehungen pflegen, wollte Müller nicht akzeptieren. In der Realität ist der Umgang der katholischen Kirche mit den Themen Sexualität, Homosexualität, Zölibat, Missbrauch und das Leugnen menschlicher Bedürfnisse nach Intimität aber nach wie vor abträglich für die Glaubwürdigkeit dieser Institution. Ruthard Ott, Nachfolger Müllers, versucht es mit einem neuen Ansatz: Seit der Pastoralpsychologe und Ausbilder von Priestern im Herbst 2016 die Leitung des Recollectio-Hauses übernahm, können sich angehende Priester und Ordensleute "diagnostisch einschätzen" lassen.


Kann ich wirklich zölibatär leben?

Wie der Online-Beschreibung dieses Angebots auf der Internetseite des Recollectio-Hauses zu entnehmen ist, helfen Psychotherapeuten mit psychologischen Interviews jenen Menschen bei der Selbstreflexion, die über das Eintreten in eine klösterliche Gemeinschaft oder ein Priesterseminar nachdenken: Ist die angestrebte zölibatäre Lebensform wirklich die richtige für mich? Dafür werden ihre individuelle Lern- und Prägungsgeschichte erfragt und ein Persönlichkeits- und Gesundheitsprofil erstellt. Mit Einverständnis der Kandidaten finde ein gemeinsames Gespräch, auch mit dem Novizenmeister oder Ausbildungsverantwortlichen, statt. Dabei würden Empfehlungen ausgesprochen, die für den Formationsprozess des angehenden Priesters oder der Nonne förderlich sein können.
In Deutschland gibt es wenig vergleichbare Angebote. Ott hatte wohl den Bedarf erkannt, Unklarheiten bezüglich der spirituellen und kirchlichen Eignung von Kandidaten abzuklären. Das helfe auch den jeweiligen Klostergemeinschaften und Verantwortlichen einer pastoralen Ausbildungseinrichtung. Geraten Priester und Ordensleute trotz aller Prüfung und Berufung im späteren Leben in eine Krise, steht ihnen das Recollectio-Haus jederzeit offen.