Sie ist so unscheinbar, dass man sie gern übersieht: Die trügerische 1-Cent-Gutschrift. Auch Linda P. bemerkte die verdächtige Kontobewegung erst Wochen später. Dann hat sie sofort gehandelt und sich an die Polizei gewandt. Dort wusste man schon Bescheid: 200 Anzeigen wegen Internetkriminalität gingen seit Weihnachten bei der Kripo Bamberg aus dem Raum Forchheim und dem südlichen Landkreis Bamberg ein, allein 100 in den vergangenen zwei Wochen. Was war passiert?

Linda P. fand im Januar auf ihren Kontoauszügen eine Abbuchung über 69,99 Euro von einer Firma namens "Micropayment". Als Verwendungszweck war "Premium-Mitgliedschaft" und eine Nummer angegeben. "Da ich keine Geschäfte über das Internet abwickle, ließ ich die Lastschrift zurückgehen", sagt Linda P. Doch drei Wochen später erhielt sie per Post ein Schreiben einer Inkassofirma. Diese behauptete, mit der Einziehung der Forderung beauftragt zu sein und forderte "in harschem Tonfall" zur Zahlung von inzwischen schon 120 Euro auf.

Datenbanken gehackt

Hellhörig geworden, prüfte Linda P. alle Kontoauszüge der zurückliegenden Wochen. Dabei stellte sie fest, dass im Dezember 2012 ein Betrag von 0,01 Euro gutgeschrieben wurde. "Zahlender war Ebay, dabei habe ich gar keinen Account bei Ebay", sagt Linda P. Sie erstattete Strafanzeige und erfuhr bei der Polizei, dass sie nur eine unter vielen betrogenen Bürgern aus der Region Forchheim und Bamberg ist.

Wie es zu dieser Häufung von Fällen gekommen ist, wurde Ende letzter Woche bekannt: "Die Täter haben sich in der Region in Datenbanken eingehackt", sagt Jürgen Schlund, Leiter der Arbeitsgruppe Cybercrime bei der Kripo Bamberg. Betroffen ist unter anderem die VHS Forchheim. Mit den gestohlenen Personalien aus deren Datenbank richteten die Täter Konten bei Ebay, Paypal und Moneybookers ein und nutzten den Anschein eines Systems, das etwa bei Ebay absolut anständige Gechäftspraxis ist.

Wenn man dort als Neuzugang ein Konto eröffnet, schreibt Ebay dem Kunden zunächst einen Cent per Überweisung an das angegebene Konto gut. Kommt dieser Cent zurück an Ebay, weil der Betreffende nicht mit diesen Kontodaten bei der betreffenden Bank existiert, dann weiß Ebay, dass hier getrickst werden soll. Andernfalls hat die Firma dem vermeintlichen Kunden einen Cent geschenkt und startet die Kontoeinrichtung.

Linda P. und die anderen Betroffenen aus dem Forchheimer und Bamberger Raum hatten die verdächtigen 1-Cent-Gutschriften und teilweise auch schon unberechtigte Abbuchungen bei der Überprüfung ihrer Kontoauszüge registriert und die Beträge zurückgehen bzw. zurückholen lassen. Das wiederum ruft die Internetdienstleister auf den Plan - sie setzen einen Anwalt oder wie im Fall von Linda P. ein Inkassobüro auf die Verbraucher an.

Viel Schriftverkehr und Ärger

200 derartige Fälle sind der Bamberger Kripo bekannt, weil die Betroffenen Anzeige erstattet haben. Der Datenklau bescherte ihnen jede Menge Schriftverkehr und Ärger. Aber immerhin: "In 100 Prozent der Fälle aus der Forchheimer Gegend wurden die Mahnverfahren eingestellt", sagt Kriminalhauptkommissar Schlund.

Für die Polizei sind Internetbetrügereien nichts Neues, wobei vor allem Straftaten mit Datenmissbrauch rapide zunehmen. "40 Prozent der knapp 1700 Fälle, die im vergangenen Jahr bei der Bamberger Kripo bearbeitet wurden, betreffen Internetkriminalität", sagt Kripo-Chef Edgar Pfahlmann. Viele Kriminalpolizei-Inspektionen haben deshalb schon eigene Abteilungen eingerichtet, die sich ausschließlich mit Internetkriminalität beschäftigen. "Dahinter steckt ein immenser Schulungs- und Zeitaufwand", sagt Pfahlmann.

In Schlunds Arbeitsgruppe arbeiten vier Beamte an der Aufklärung von Betrügereien im Internet. Sie registrieren vor allem einen steigenden Missbrauch von Kreditkarten. "Die Hälfte aller PCs in Deutschland ist mit Viren verseucht", sagt Schlund. "Kriminelle lesen ständig mit, was die Nutzer im Internet so treiben." Die Datensätze würden gehackt und in Untergrundforen im Internet verkauft.

Enorm hohe Dunkelziffer

Weil etwa 60 Prozent der Internetbetrügereien in Deutschland über Computer aus dem Ausland gesteuert werden, fließen sie nicht in die hiesigen Statistiken ein. Die Dunkelziffer sei deshalb enorm, sagt Schlund.

Straftaten, die im Netz passieren, können über die IP-Adresse eines Computers - "digitaler Fingerabdruck" - verfolgt werden. Allerdings dürfen die Provider die IP-Daten nicht mehr speichern, seitdem das Bundesverfassungsgericht vor drei Jahren die Bestimmungen zur Vorratsdatenspeicherung gekippt hat. Die Kripo bedauert das sehr: "Damit wurde Betrügern Tür und Tor geöffnet." Fragt man Schlund und Pfahlmann, ob sie sich die Vorratsdatenspeicherung zurückwünschen, kommt ein klares "Ja". Aber Datenspeicherung hin oder her: Die Polizei hat trotzdem ihre Methoden und Möglichkeiten, Betrügern im Netz auf die Spur zu kommen. Diese Erkenntnisse werden weltweit ausgetauscht.

Achtung, Betrug!

Schutz Verbraucher sollten regelmäßig ihre Kontoauszüge überprüfen und mit der Bank sprechen, sobald Unregelmäßigkeiten auftreten oder wenn Geld fehlt.

Reaktion Parallel oder spätestens nach dem Eintreffen von Zahlungsaufforderungen durch einen Anwalt oder ein Inkassobüro sollte man Anzeige (Kripo oder örtliche Polizeidienststelle) erstatten.

Lastschrift In der Regel kann man innerhalb von sechs Wochen (ab dem Tag des Rechnungsabschlusses der Bank) einer unberechtigten Lastschrift widersprechen. Die Bank muss daraufhin den Betrag zurückbuchen. Im Fall der Online-Betrügereien gilt diese Frist nicht, das Geld kann man sich jederzeit zurückholen.

Internet User dürfen nie auf Mails antworten, in denen nach Daten oder Bankdaten gefragt wird. Banken verschicken solche Mails nicht, sie kommen immer von Betrügern.