Das neue Schuljahr beginnt - und wegen Corona ist alles anders als früher. Dennoch kann etwa ein Drittel der Kinder und Jugendlichen in der Schule unter besseren Voraussetzungen lernen als Zuhause, wo nicht alle Eltern inhaltlich beim Lernen ausreichend helfen können. Das zeigt eine Befragung des Leibniz-Instituts für Bildungsverläufe (LIfBi) in Bamberg, die im Mai und Juni während der Schulschließungen durchgeführt wurde. Im Interview erklären zwei der vier Autorinnen, Lena Nusser und Sina Fackler, das Ergebnis ihrer Studie.

Das LIfBi

Bamberg ist seit 2014 Sitz des Leibniz-Instituts für Bildungsverläufe - kurz LIfBi. Mit rund 200 Mitarbeitern ist es eines der größten Bildungsforschungsinstitute in Bayern. Es betreut mit dem Nationalen Bildungspanel (NEPS) eine der weltweit umfangreichsten Längsschnittstudien zu Bildungsbiografien. In sechs großen Teilstudien werden mehr als 60 000 Personen von der Geburt über Ausbildungs- und Erwerbsphase bis hinein ins Rentenalter befragt, zusätzlich 40 000 Personen aus deren Umfeld wie Eltern und pädagogisches Fachpersonal. Die Daten werden weltweit für die empirische Bildungsforschung zur Verfügung gestellt.

Corona-Befragungen

Im Rahmen des NEPS wurden im Mai und Juni Teilnehmende in ganz Deutschland zu ihren Erfahrungen während des Lockdowns befragt. Ziel war es, die Auswirkungen der Beschränkungen auf den Schul-, Arbeits- und Familienalltag zu untersuchen. Die Ergebnisse werden unter www.lifbi.de/corona in einer fortlaufenden Reihe veröffentlicht. Den Anfang machen Auswertungen zu Homeschooling und Erwerbssituation.

Das Interview

Wie entstand die Idee, eine Befragung speziell zu den Schulschließungen zu machen?

Sina Fackler, Lena Nusser: Für uns war schnell klar, dass die Schulschließung ein Einschnitt in die Bildungsbiografie vieler Schülerinnen und Schüler darstellen wird. Dadurch entstand die Idee, den Spezialfall ,Bildung zu Corona-Zeiten" genauer zu untersuchen.

Welche Erkenntnisse glaubten Sie mit dieser spezifischen Befragung zu gewinnen?

Wir begleiten und kennen die Teilnehmenden ja seit vielen Jahren. Durch diese zusätzlichen Befragungen können wir sehen, welchen Einschnitt die Corona-Pandemie in den Bildungsbiografien hinterlässt und wie sie sich in Zukunft auswirken wird.

Wen haben Sie befragt und was genau wollten Sie von den Teilnehmenden wissen?

Sina Fackler, Lena Nusser: Wir haben unter anderem 1452 Eltern von 14-jährigen Jugendlichen der achten Klasse in ganz Deutschland gefragt, wie sie die neue Lernsituation Zuhause während der Corona bedingten Schulschließungen wahrnehmen. Wir wollten erfahren, wie das Lernen abläuft, wie die technische Ausstattung aussah und welche Arten von Lernangeboten genutzt wurden.

Was haben die Eltern gesagt? Waren sie von Homeschooling überfordert?

75 Prozent der Eltern gaben an, dass sie in der Lage waren, ihre Kinder beim Lernen inhaltlich unterstützen zu können. Mehr Fähigkeiten schrieben sich hierbei die Akademiker-Eltern zu. Eltern ohne akademischen Hintergrund gaben häufiger an, dass sie ihre Kinder eher nicht oder gar nicht unterstützen können.

Welche Lernangebote wurden während der Schulschließungen Zuhause genutzt?

Da konnten wir doch einige Veränderungen feststellen. Während des Lockdowns wurden verstärkt digitale und virtuelle Lernmedien genutzt. Diese wurden einerseits von den Lehrkräften zur Verfügung gestellt, andererseits schauten sich die Schüler vermehrt Videos und Lernangebote im Internet an. Ebenfalls haben sich die sich Schüler gemeinsam mit Klassenkameraden in virtuellen Lerngruppen zusammengefunden und gab es kleine Videokonferenzen mit den Lehrern. Konventionelle Angebote wie Sachbücher, Rundfunk und Fernsehen wurden nicht mehr genutzt als sonst.

Haben alle Schüler Zugang zur Technik? Gibt es in allen Haushalten Computer und Internet?

Nein. Etwa 13 Prozent der Kinder haben einen unzureichenden oder gar keinen Zugang zu der für die digitale Lehre notwendigen Technik. Hier spielte der Bildungshintergrund allerdings keine Rolle.

Konnten Sie in der Befragung herausfinden, wie viel Zeit die Schüler während der Zeit Zuhause mit Lernen verbracht haben?

Ja, und das ist ein erstaunliches Ergebnis. Die Lernzeit ist stark zurückgegangen auf 16 Stunden im Durchschnitt. 20 Prozent der Eltern gaben an, dass ihre Kinder weniger als acht Stunden für die Schule gearbeitet haben. Währen der regulären Schulzeit sind es üblicherweise um die 30 Stunden.

Das wirkt sich im schlimmsten Fall auf die Bildungsbiografie aus und bringt Lerndefizite mit sich.

Dass ein Viertel der Schüler aus nichtakademischen Haushalten weniger gut beim Lernen begleitet wurden, lässt vermuten, dass es zu Defiziten kommen wird. Ebenso wirkt sich der Umstand aus, dass die Lernzeit drastisch zurückgegangen ist. Welche Konsequenzen das hat, werden künftige Erhebungen zeigen. Wir könnten da im Moment nur spekulieren. Aber wir können sagen, dass Schüler und Eltern ohne Vorlauf von dieser Entwicklung getroffen wurden. Das war eine besondere Herausforderung.

Was sind die Erkenntnisse aus dieser Zeit?

Es wurden neue Lernformen implementiert, das ist das Positive. Da darf man jetzt nicht nachlassen und muss die Innovationen in die Zukunft tragen, ausbauen und leichter zugänglich machen für Schüler aus alle Bildungsschichten und allen Schularten.

Was könnten die Lehrkräfte besser machen?

Häufig wurde Schulstoff an die Schüler geschickt und diese mussten ihn dann selbst bearbeiten. Rückmeldungen von Lehrkräften kamen teilweise zeitversetzt oder gar nicht. Diese Rückkopplung müsste künftig verstärkt werden. Ein zeitnahes Feedback ist wichtig, besonders für schwächere Schüler.