Johannes Korn sieht aus wie ein Rocker. Kahlrasierter Kopf, Bart. Die kräftigen Arme sind tätowiert. Mit Boxen hält sich der Motörhead-Fan fit. Ein rauer Typ. Doch die harte Schale täuscht.

Der 36-Jährige ist Lkw-Fahrer, sitzt seit 15 Jahren hinter dem Steuer schwerer Lastwagen. Er hat uns kontaktiert, nachdem wir darüber berichtet hatten, dass in einem Bus im Landkreis Kulmbach die Person am Steuer dabei beobachtet wurde, wie sie Zeitung liest. Er sagt, das sei "total verantwortungslos", aber nur die Spitze des Eisbergs. Er will von seinen Beobachtungen als Trucker erzählen.

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Vom Führerhaus seines 40-Tonners hat der Neuenmarkter eine gute Übersicht darüber, was sich auf der Straße und in den Fahrzeugen abspielt. Manches mag man kaum glauben.

Während der Fahrt gekocht

Beim Überholen hat er beobachtet, wie ein anderer Brummi-Fahrer während der Fahrt auf der Beifahrerseite einen Campingkocher stehen hatte und darauf kochte. "Die linke Hand am Steuer, mit der rechten Hand rührte er die Pfanne um. Solche Leute muss man rausziehen und ihnen den Führerschein abnehmen", fordert Korn.

Das gilt seiner Meinung nach auch für die Lkw-Fahrer, die auf dem Laptop einen Film schauen, während sie auf der Autobahn entlangdonnern. Irgendwie kann er das Verhalten zwar nachvollziehen ("Man ist viel allein, es ist monoton. Nachts starrt man nur ins Dunkle"). Aber die Ablenkung sei zu groß: "Man ist dann vom Kopf her beim Film und nicht auf der Arbeit."

Korn, ist ein eisenharter Verfechter der 0,0-Promille-Grenze, obwohl ein kleiner Tresen in seinem Wohnzimmer steht. Er redet sich warm.

Das Laptop auf den Beinen

Von den brummifahrenden Kollegen kommt er zu den Autofahrern. Die bieten auch genug Anlass zur Kritik. "Manche Außendienstler brettern auf der linken Spur und haben den Laptop auf den Beinen. Wenn die bremsen oder ausweichen müssen - keine Chance. Die können so nicht mal eine Vierteldrehung mit dem Lenkrad machen", sagt er.

Und dann noch das große Übel Handy: "Jeder Zweite oder Dritte daddelt während der Fahrt drauf rum." Schlangenlinien inklusive. "Wenn jemand früher so gefahren ist, hat man gewusst, der ist betrunken oder übermüdet."

Unternehmer in Pflicht nehmen

Doch wie kann man dem abhelfen? Der Neuenmarkter hat mehrere Vorschläge: So müssten bei Verstößen von Lkw-Fahrern die Unternehmer mehr in die Pflicht genommen werden. "Sie sind verantwortlich, was ihre Fahrer tun." Über Abmahnungen, die Streichung von Prämien oder Vertragsregelungen könne man viel erreichen, ist seine Überzeugung.

Und es müsste mehr kontrolliert werden. "In den 15 Jahren, in denen ich Lkw fahre, bin ich nur zwei Mal in eine Kontrolle geraten." Das Personal bei der Polizei müsse aufgestockt, die staatlichen Kontrollbehörden von anderen Sachen entlastet werden.

Er fordert höhere Strafen

Der 36-Jährige weiß natürlich, dass wir in einem digitalen Zeitalter leben und rund um die Uhr erreichbar sind. "Aber trotzdem muss niemand zum Handy greifen, wenn er im Lkw sitzt oder sein Kind zur Schule bringt. Jeder ist sich der Gefahr bewusst, nimmt das Risiko aber billigend in Kauf." Deshalb sollten auch die Strafen für die Handynutzung am Steuer deutlich erhöht werden. "100 Euro sind offensichtlich zu wenig."

Ablenkung im Straßenverkehr ist laut Polizeipräsidium Oberfranken eine unterschätzte Gefahr, die für eine beträchtliche Anzahl von Verkehrsunfällen ursächlich ist. Nach aktuellen wissenschaftlichen Studien birgt der Faktor "Ablenkung im Straßenverkehr" nach Alkoholkonsum das zweithöchste Risiko, in einen Verkehrsunfall verwickelt zu werden. Über die Hälfte der Verkehrsunfälle ereignet sich im Zusammenhang mit einer Ablenkung

Und einmal Hand aufs Herz: Welcher Kraftfahrzeugführer, Radfahrer oder Fußgänger hat während der Teilnahme am Straßenverkehr noch nicht sein Mobiltelefon, das Navigationsgerät oder Kopfhörer benutzt, sich dadurch physisch, psychisch oder emotional ablenken lassen und so die unabdingbare Aufmerksamkeit, die die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert, vernachlässigt?

50 Prozent nutzen das Handy

Rund die Hälfte der Autofahrer benutzt während der Fahrt ein Mobiltelefon, jeder vierte ein Navigationsgerät, und jeder sechste verfasst Textnachrichten. Jüngere Fahrer verhalten sich noch häufiger falsch. Je nach Handlung erhöht sich dabei das Unfallrisiko um über das Hundertfache gegenüber einer aufmerksameren Teilnahme am Straßenverkehr. Erfahrung spielt hier keine große Rolle. Egal, ob Fahranfänger oder langjähriger Autofahrer - das Unfallrisiko bei einer Ablenkung bleibt gleich.

Beispielsweise legt ein Wagen mit einer Geschwindigkeit von 50 Stundenkilometer während einer Ablenkung von nur einer Sekunde einen Weg von rund 15 Metern zurück.

Das Telefonieren und das Verfassen von Textnachrichten während der Fahrt wirken sich so auf die Reaktionszeit aus, als ob der Fahrer 0,8 bis ein Promille Alkohol im Körper hat. In jedem Fall steigt das Risiko, in einen Verkehrsunfall verwickelt zu werden, enorm.

Es ist aber nicht nur das Mobiltelefon, das die Fahrer ablenken kann. Das können auch die quengelnden Kinder auf der Rücksitzbank sein oder das Brötchen, das während der Fahrt verspeist wird.

Gerade im Schwerlastverkehr hat die Polizei schon die ungewöhnlichsten Beobachtungen gemacht, wie Pressesprecherin Anne Höfer vom Polizeipräsidium Oberfranken erklärt. Sie kann die Beobachtungen von Johannes Korn (siehe Bericht oben) auch bestätigen. Kaffeeautomat und Fernseher oder Laptops im Bereich des Armaturenbretts seien leider gar nicht so selten. Auch Zeitung lesen während der Fahrt in Kombination mit telefonieren war schon dabei, hätten ihr die Kollegen der Verkehrspolizei Bayreuth und Hof berichtet.