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Volksbegehren

Hat es sich bald ausgeschwirrt? Bayreuther Wissenschaftlerin warnt vor Insektensterben

Heike Feldhaar, Professorin für Tierökologie an der Universität Bayreuth, lenkt das Augenmerk zur Artenvielfalt auch auf die Vergessenen in Feld und Flur.
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Solche Schwebfliegen (Syrphus ribesii) leisten wertvolle Dienste als Bestäuber.Heike Feldhaar
Solche Schwebfliegen (Syrphus ribesii) leisten wertvolle Dienste als Bestäuber.Heike Feldhaar
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Egal ob Ameise, Nachtfalter oder Mauerbiene: Im Gefüge der Natur spielt jeder noch so kleine Organismus eine wichtige Rolle. Doch der großen Familie der Insekten geht es offenbar an den Kragen. Das soll sich ändern, wenn das Volksbegehren "Artenvielfalt - Rettet die Bienen" ein Erfolg wird. Was passieren muss, um die Wende einzuläuten? Tierökologin Heike Feldhaar von der Uni Bayreuth ist sich sicher: "Ein paar Blühstreifen werden nicht helfen." Wenn sogar in der ARD-Tagesschau um 20 Uhr vom Insektensterben die Rede ist: Bedient das wieder nur die Paranoia von Öko-Hysterikern, wie es abfällig heißt?

Heike Feldhaar: Nein, das ist keine Hysterie oder gar Fake-News. Es gab in den vergangenen Jahrzehnten einen sehr massiven Rückgang in der Biomasse an Insekten, viele Insektenarten gelten als bedroht. Dies sind extrem schnelle Veränderungen, die im Laufe eines Menschenlebens, also ein viel besser messbarer und weniger abstrakter Vorgang als der Klimawandel.

Wer sich mit dem Thema befasst, stößt unweigerlich auf die Krefelder Studie. Demnach ist zwischen 1989 und 2014 die Biomasse von fliegenden Insekten insgesamt um über 75 Prozent zurückgegangen. Ist die Studie valide?

Bei der Krefelder Studie handelt es sich um Daten zur Biomasse von Insekten, die in zwei Regionen in Deutschland über einen Zeitraum von 27 Jahren in Schutzgebieten vom Krefelder Entomologischen Verein erfasst wurden. Gemeinsam mit internationalen Wissenschaftlern sind diese Daten ausgewertet und 2017 in der internationalen Zeitschrift "PLoSOne" veröffentlicht worden. Die Ergebnisse der Studie sind erschreckend, weil sie das Insektensterben sehr deutlich dokumentieren.

Manche Kritiker sagen, dass die Studie statistisch nicht sauber ausgewertet wurde und das Sammel-Design problematisch war. Die Hobby-Entomologen des Krefelder Vereins hatten ihre Fallen über die Jahre in unterschiedlichen Schutzgebieten aufgestellt, nur wenige sind mehrfach besammelt worden. Nachteil ist, dass sich die Schutzgebiete unterscheiden können hinsichtlich ihres Insektenvorkommens. Das heißt: Ein Rückgang in Insektenbiomasse könnte ja auch darauf beruhen, dass in späteren Jahren Schutzgebiete besammelt wurden, in denen schon immer weniger Insekten vorkamen. Hierfür ist aber statistisch korrigiert worden, in dem man sich anschaut, wie stark die Schwankungen zwischen den Schutzgebieten in einem Jahr sind im Vergleich zu den Unterschieden zwischen den Jahren. Der Rückgang von Jahr zu Jahr war aber signifikant und über den gesamten Zeitraum eben im Mittel 75 Prozent. Gibt es weitere Studien mit ähnlicher Tendenz? Neben der "Krefelder Studie" gibt es eine ganze Reihe Studien, die in dieselbe Richtung weisen, allerdings nur wenige, die über einen so langen Zeitraum gehen. Zudem gibt es viele Untersuchungen darüber, wie sich Landnutzung auf Insekten auswirkt. In Deutschland gibt es beispielsweise den DFG-geförderten Schwerpunkt Biodiversitäts-Exploratorien, bei dem in drei Regionen in Deutschland viele Forschergruppen auf denselben Flächen im Forst und im extensiv bewirtschafteten Grasland untersuchen, wie sich etwas intensivere Landnutzung auswirkt. Das bedeutet: Es stehen ein paar mehr Kühe auf einer Weide oder es wird nicht nur einmal, sondern zwei- oder dreimal im Jahr gemäht. Hier zeigt sich auch, dass die intensivere Nutzung dazu führt, dass Insekten stark in Masse und Vielfalt zurückgehen. Und hier handelt es sich noch nicht um Getreide- oder Maisfelder, sondern Wiesen und Weiden. Die Datenlage ist also eindeutig. Für bestimmte intensiv untersuchte Insektengruppen wie Schmetterlinge ist der Rückgang ebenfalls sehr gut dokumentiert, und dies hat Eingang in die Rote Liste gefunden. Was bedeutet das für uns? Für uns ist das Insektensterben von großer Bedeutung aufgrund der vielfältigen Funktionen, die Insekten in Ökosystemen haben. Eine sehr wichtige Funktion ist die Bestäubung von Blütenpflanzen. Die meisten Nutzpflanzen werden von Insekten bestäubt, wie Obstbäume, Beeren oder auch Gemüsepflanzen. Fehlen Insekten, dann ist der Fruchtansatz geringer. In einigen Regionen Chinas oder auch Brasiliens müssen Menschen schon die Bestäubung übernehmen - das können sie aber längst nicht so effizient wie Insekten.

Insekten werden oft mit Schädlingen gleichgesetzt. Ja, wenn man an Stechmücken oder Pflanzenschädlinge denkt. Allerdings gibt es mindestens genauso viele Nützlinge, die eben jene Schädlinge in Schach halten, wie etwa der Marienkäfer, auf dessen Speiseplan Blattläuse eine wichtige Rolle spielen. Oder gerade auch unscheinbare kleine Wespen, die Schädlinge parasitieren. Ein weiteres Beispiel sind Mistkäfer. Sie helfen dabei, Kuhdung in den Boden einzuarbeiten und verhindern damit, dass sich Pathogene gut ausbreiten können. Und nicht zuletzt sind Insekten natürlich wichtig als Nahrung für viele andere Tiere, wie etwa Vögel.

Das Volksbegehren lenkt den Fokus auf Bienen. Tut es das zu Recht?

Ich denke, hier wurde ein plakativer Titel verwendet. Die meisten Menschen denken bei dem Wort "Biene" wahrscheinlich an die Honigbiene, weil sie diese kennen und sie eher positiv besetzt ist. Vielleicht haben einige auch schon einmal vom sogenannten "Bienensterben" gehört, welches Zusammenbrüche von Honigbienenkolonien bezeichnet. Die Honigbiene ist aber fast schon ein Haustier. Honigbienen kommen mittlerweile selten in der Natur vor - sie sind stark domestiziert. Imker helfen diesen Tieren, über Phasen der Nahrungs- oder Wasserknappheit hinwegzukommen und auch bei der Bekämpfung von Schädlingen im Bienenstock. Was sind die wichtigsten Maßnahmen des Volksbegehrens? Die im Volksbegehren vorgeschlagenen Maßnahmen beziehen sich einerseits auf Veränderungen in der Agrarwirtschaft - wie etwa, dass 30 Prozent der Flächen ökologisch genutzt werden sollten oder auch dem Verbot bestimmter Pestizide, die nachweislich auch Nützlinge unter den Insekten wie Wildbienen schädigen. Solche Maßnahmen kommen vielen Insekten zu Gute, nicht nur Bienen.

Dies ist aber auch wichtig, denn Ökosystemdienstleistungen wie Bestäubung werden nicht nur von Honigbienen, sondern allen möglichen Insekten wie Hummeln oder Schwebfliegen ausgeführt. Die Honigbiene kann andere Insekten nicht ersetzen. Es sollte generell um den Schutz von Insekten gehen.

Solche Aufrufe implizieren immer auch: Jemand muss schuld sein am Ist-Zustand. Viele Landwirte sehen sich an den Pranger gestellt.

Es steht zunächst einmal außer Frage, dass wir landwirtschaftlich genutzte Flächen für die Produktion von Nahrungsmitteln benötigen. Wir müssen uns aber als Gesellschaft Gedanken machen, wie nachhaltige Landwirtschaft aussehen soll. Die intensive und industrielle Nutzung großer Flächen trägt erwiesenermaßen massiv dazu bei, dass Insekten hinsichtlich ihrer Biomasse zurückgehen. Großflächige Maisfelder bieten nur wenigen Insekten Nahrung oder Lebensraum. Der Einsatz von Pestiziden wie Neonicotinoiden schädigt Nützlinge wie Hummeln gleichermaßen wie Schädlinge. Über Flurbereinigungsmaßnahmen sind viele wichtige Kleinstrukturen wie Hecken auf Landschaftsebene in den letzten Jahrzehnten weggefallen.

Aber wir machen es uns zu einfach, wenn wir alles auf die Landwirtschaft schieben. Ein zweiter wichtiger Faktor sind Urbanisierung und die Versiegelung von Flächen sowie die sogenannte Lichtverschmutzung. Immer noch verlieren wir ständig Habitate, die vielen Arten Unterschlupf bieten würden. Ein weiterer Faktor ist natürlich auch das Verhalten jedes Einzelnen. Für Insekten wären etwas unordentlichere Privatgärten mit höher gewachsenem Gras, Wildblumen und Ecken mit Totholz oder Laubstreu wesentlich besser als die momentan um sich greifenden Beton-Steingärten.

Eine Studie provoziert eine Gegenstudie - der Dschungel an Erhebungen scheint undurchdringlich. Was kann die Wissenschaft zur Versachlichung beitragen?

Es ist wichtig, die Gründe für das Insektensterben klar herauszuarbeiten und Handlungsempfehlungen zu geben. Man muss aber die Menschen mitnehmen. Ich kann als Wissenschaftlerin nur sagen: Wenn Landwirtschaft in einer bestimmten Form betrieben wird, wirkt sich das so aus und in einer anderen Form so. Letztendlich entscheiden aber Gesellschaft und Politik, ob und wie wir eine nachhaltigere Landwirtschaft haben möchten und wie dies erreicht werden kann. Und hier setzt die Politik nach wie vor falsche Anreize.

Zur Person: Heike Feldhaar Warum gibt es in der Tierwelt eine so große Formenvielfalt? Welche Rolle spielen Wechselwirkungen mit anderen Organismen? Spezialistin für diese Fragen ist Professorin Heike Feldhaar, die seit 2011 am Lehrstuhl Tierökologie der Uni Bayreuth forscht. Sie befasst sich zudem mit den Auswirkungen der Landnutzung auf Insektengemeinschaften im heimischen Grasland und Wald.

Bauern üben heftige Kritik

In Südbayern gehen Landwirte ihrerseits mit Transparenten auf die Straßen und skandieren "Nein zum Volksbegehren". Sie fordern ein Ende des "Bauern-Ba shings" und wollen sich nicht als Sündenböcke brandmarken lassen. Diverse Bauernverbände kritisieren den Ansatz des Volksbegehrens, das am morgigen Donnerstag startet, denn die Zielsetzung der Initiatoren sei einseitig auf die Landwirtschaft gerichtet. Es käme einer Enteignung gleich, weil die Bauern nicht mehr selbst bestimmen dürften, wie sie ihre Flächen bewirtschaften. Die Vorgaben und Regelungen aus einem verschärften Artenschutzgesetz würden vielen, gerade kleineren Betrieben die Existenzgrundlage vernichten.

Viele tragen Verantwortung

In diesen Kanon mit ein stimmt auch BBV-Geschäftsführer Harald Köppel. Er verwahrt sich dagegen, die Landwirtschaft als den einzig Schuldigen zu geißeln. "Wir tragen Verantwortung - wie viele andere aber auch. Was ist mit dem Gartenbesitzer, auf dessen Grundstück der Mähroboter alles auf Millimeterhöhe runterraspelt? Welchen Anteil hat der Autoverkehr, der sich verzigfacht hat, ebenso wie der Flugverkehr? Was ist mit der zunehmenden Lichtverschmutzung, die Millionen Lichter, die nachts Insekten anlocken und töten? Es gibt mannigfaltige Gründe für den Rückgang."

Seine Gilde verschließe sich nicht den Neuerungen, von denen belegt sei, "dass sie alle Seiten weiterbringen". Die Bauern leisteten bereits gute Ansätze für die Bewahrung der Artenvielfalt - aber das alles zählt nichts", betont er. Viele Landwirte hätten sich ihrerseits vertraglich dazu verpflichtet. Fast 40 Prozent der Fläche in Bayern würden ohnehin bereits nach den strengen Richtlinien der Agrarumweltprogramme bewirtschaftet. "Das Volksbegehren mit seinen Verordnungen macht diese guten Ansätze kaputt. Es liest sich vielleicht gut auf dem Papier, aber in der Realität sieht man: Es hat viele Schattenseiten."

Gegen eine Zwangsquote

Eine davon: Die angestrebte Erhöhung der Quote von Biobetrieben auf 30 Prozent sei kontraproduktiv und schädige just die Branche, die sie zu unterstützen vorgebe. "Wir kommen bei der Bio-Vermarktung schon jetzt an Grenzen, Molkereien haben bereits Wartelisten." Was, so Köppel, passiert, wenn viele weitere Betriebe - staatlich verordnet - auf den ohnehin überschaubaren Markt drängten? "Dann werden auch diejenigen, die mühsam umgestellt haben, die nötigen Erlöse nicht mehr erzielen können. Bio und regional ist prima - aber der Verbraucher müsste die Produkte dann auch stärker als bisher nachfragen und höhere Preise dafür zahlen."



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