Harsdorf

Ein Aufklärer ohne Moralkeule

Der Harsdorfer Historiker Ekkehard Hübschmann erforscht seit Jahrzehnten die Geschichte der fränkischer Juden. Dazu hat er bereits zwei Bücher vorgelegt.
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Ekkehard Hübschmann bei der Recherche im Stadtarchiv von KulmbachWolfgang Schoberth
Ekkehard Hübschmann bei der Recherche im Stadtarchiv von KulmbachWolfgang Schoberth
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Im August letzten Jahres hat er sich auf eine Spurensuche begeben, die peinigender nicht sein kann. Zwei Wochen lang hat er ehemalige Ghettos und Vernichtungslager in Polen aufgesucht: Treblinka, Lublin, Majdanek, Belzyce, aber auch Izbica und Krasniczyn, wohin im März und April 1942 zwei Transporte mit Juden aus Franken gegangen waren. Der 61-jährige Historiker und promovierte Ethnologe Ekkehard Hübschmann ist ein ruhiger, nüchtern beschreibender und analysierender Wissenschaftler. Seine Gefühle behält er unter Kontrolle. Doch wenn er erzählt, was er an der Bahnsteigkante des Vernichtungslagers Treblinka empfunden hat, spürt man, wie es in ihm bebt. Die Menschen wurden aus den Waggons zum Auskleiden geprügelt und weiter zu den Gaskammern. "10 000 Menschen", und nach einer Pause fährt er fort: "am Tag! Allein in diesem Lager etwa 900 000 insgesamt."

Ihn überraschen die Kenntnisse und große Hilfsbereitschaft der Bevölkerung. In Krasniczyn zum Beispiel, einem kleinen Ort im Bezirk Lublin, führen ihn zwei junge Polen in den Wald zum alten jüdischen Friedhof. Die teils umgefallenen Grabsteine sind von der Vegetation schon fast überwuchert. Die Einheimischen deuten auf eine Stelle am Rand und erklären in gebrochenem Englisch: hier wurden 200 Juden ermordet. Nichts kennzeichnet das Massengrab. Die Nazis erschossen sie bei der Auflösung des Ghettos im Juni 1942. Die anderen der mehrere tausend Deportierten, die hier in die wenigen Häuser der einheimischen Juden eingepfercht waren, wurden in die benachbarten Vernichtungslager gebracht - darunter auch die Kulmbacher Familie Georg und Berta Davidsohn mit ihren drei Kindern Albert, Hilde und Inge.

Früh von Geschichte fasziniert

Hübschmann ist früh von Geschichte fasziniert. "Als Zwölfjähriger habe ich vermutlich meinen Lehrer in Gefrees mit meiner Besserwisserei genervt", glaubt er. Nach dem Abitur 1981 studiert er in Bayreuth Philosophie und Ethnologie. Er erhält einen Auftrag in der Dialektforschung. Gleichzeitig arbeitet er an seiner Dissertation über die Mundarten und die Arbeit der Handweber in Oberfranken, Westböhmen und dem sächsischen Vogtland.

Der entscheidende Impuls, sich intensiv mit der jüdischen Geschichte Frankens zu befassen, geht von der Geschichtswerkstatt Bayreuth aus. Der Verein erforscht die lokale Geschichte, publiziert die Ergebnisse und möchte durch Vorträge und Stadtführungen die Erinnerung wachhalten. Hübschmann ist seit 2004 sein Vorsitzender.

Einmann-Unternehmer

2007 fällt er die Entscheidung, der Uni ade zu sagen und zukünftig als freiberuflicher Forscher zu arbeiten. Hübschmann gründet ein Einmann-Unternehmen für Genealogie, Publikationen und Übertragungen von Dokumenten in alter deutscher Schrift. Es sind überwiegend US-Amerikaner, die Näheres über Herkunft und Leben ihrer ausgewanderten Vorfahren wissen wollen. Für sie forscht er in allen einschlägigen Archiven zwischen München und Berlin, Freiburg und Prag.

Sein zweites Standbein sind Auftragsarbeiten für Buch-Publikationen: In den letzten Jahren hat er für die Hermann- und Bertl-Müller-Stiftung die Geschichte der jüdischen Hofer zusammengetragen und sich anschließend für das Bündnis für Toleranz und Demokratie mit der Verfolgung der jüdischen Bürger von Oberkotzau und Schwarzenbach/Saale beschäftigt (siehe rechts).

Kampfansage an den Zeitgeist

Hübschmann ist ein Perfektionist. Er arbeitet konzentriert und systematisch, zwölf Stunden täglich. Datengenauigkeit ist ihm das A und O. Er ist keiner, der die Moralkeule schwingt oder an der "Dauerpräsenz unserer Schande" (Martin Walser) Gefallen fände. Wenn es die Quellen hergeben, verfolgt er die Familiengeschichte der NS-Opfer zurück. Es entstehen dann ergreifende Porträts, die die Juden als anerkannte Bürger und Nachbarn zeigen.

Erreicht er mit seinen Schriften die heutigen Zeitgenossen? Muss man nicht angesichts des Rechtspopulismus, der auch Teile der bürgerlichen Mitte erfasst hat, Zweifel haben? Hübschmann ist optimistisch. Er verweist auf den Andrang bei seinen Buchvorstellungen in den letzten Wochen und die einhellig positive Resonanz in den Medien. Er möchte gegen den Zeitgeist ankämpfen. Es dürften nicht wieder jene wie in den 1920 und 1930er Jahren die Oberhand gewinnen, die Hass und Ausgrenzung predigen. "Lokalschichte kann hier einen wichtigen Beitrag leisten", so ist er überzeugt. "Wenn man den Leuten verdeutlicht, was vor Ort, hier und da, passiert ist, kann man sie auch emotional erreichen. Das gilt besonders auch für Jugendliche." Die Lehrpläne der Schulen müssten aus seiner Sicht überarbeitet werden, die die Lehrinhalte seien zu abstrakt, man müsse mehr auf schulbegleitende Projekte setzen.

Schon dreißig Jahre steckt der Harsdorfer einen Großteil seiner Energie in die Aufarbeitung der jüdischen Geschichte Frankens, speziell der NS-Zeit. Gibt es für ihn nicht irgendwann ein Sättigungsgrenze? Der Harsdorfer Wissenschaftler sieht die noch lange nicht erreicht: "Allein in Oberfranken gibt es noch mehrere Kommunen - Beispiel Rehau, Helmbrechts, Münchberg - mit einer größeren Zahl von Juden. Da gibt es noch viel zu tun."

Ein Buch über unerhörte Gemeinheiten

Die sechsjährige Annemarie fragt Ende 1941 ihre Eltern, warum der liebe Herr Doktor, der neben ihnen am Marktplatz seine Praxis hat, einen großen gelben Stern an seinen Mantel angenäht habe. Die Eltern antworten ausweichend. Sie haben Angst, ihrem Kind die Wahrheit zu sagen. Julius Joachimczyk ist seit vierzig Jahren praktizierender Arzt in Oberkotzau. Er wird genötigt, sein Haus zu einem Spottpreis zu verkaufen. Sein Vermögen wird eingezogen. Am 9. September 1942 wird auf einen Lkw verladen und nach Bamberg gebracht. Von dort aus wird er in das Konzentrationslager Theresienstadt gebracht. Der 75-Jährige stirbt acht Tage nach seiner Ankunft.

Oder Marcus Wolf, der nach dem Ersten Weltkrieg eine Porzellanfabrik aufbaut. Ein sozial engagierter Mann, der für den Turnhallenbau des Sportvereins die Ziegel stiftet, im Ort einen Fußballplatz anlegen lässt und für seine Mitarbeiter äußerst günstig Baugrund zur Verfügung stellt. Schon 1926 macht das antisemitische Hetzblatt "Der Stürmer" mit einer Verleumdungskampagne gegen ihn Stimmung. Er wird schikaniert, entrechtet und 1942 mit seiner Frau Paula deportiert. Beide werden ermordet.

Ekkehard Hübschmann hat in einem mühevollen Puzzle Leben und Verfolgung der jüdischen Bürger von Oberkotzau und Schwarzenbach a. d. Saale zusammengetragen. Die Verantwortlichen werden nicht ausgespart. Etwa Bürgermeister und NSDAP-Kreisleiter Benno Kuhr oder der Lehrer des Ortes, Melchior Hager. Dieser trichtert seinen Schülern ein: "Vor den Juden müsst ihr ausspucken!"

Die Bücher

Ekkehard Hübschmann: Jüdische Familien in Hof an der Saale. Schicksale und Verfolgung im Nationalsozialismus. Transit-Verlag. ISBN 978 3 88747 370 9; 24,80 Euro.

Ekkehard Hübschmann: Jüdische Einwohner von Oberkotzau und Schwarzenbach an der Saale - Schicksale und Verfolgung im Nationalsozialismus. Die Broschüre ist im Buchhandel unter der ISBN-Nummer 978-3-00-061900-7 erhältlich. 110 Seiten, 8 Euro.

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