Bamberg
Prozess

Juwelier-Überfall in Bamberg: Mutige Passanten verhinderten ausgeklügelten Plan der Räuber

Mit drei Komplizen soll er Uhren im Wert von 500 000 Euro erbeutet haben. Der ausgeklügelte Plan der Räuber konnte durch mutige Passanten verhindert werden.
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Der letzte Angeklagte im Raub-Prozess wird ins Gericht gebracht. Mit drei Komplizen soll er Uhren im Wert von rund 500 000 Euro erbeutet haben. Matthias Hoch
Der letzte Angeklagte im Raub-Prozess wird ins Gericht gebracht. Mit drei Komplizen soll er Uhren im Wert von rund 500 000 Euro erbeutet haben. Matthias Hoch

Seine drei litauischen Komplizen sind bereits im Dezember vom Landgericht Bamberg zu Haftstrafen von fünf, siebeneinhalb und neun Jahren verurteilt worden. Nun muss sich noch ein 21-jähriger Balte wegen schweren Raubes vor der Jugendkammer verantworten. Es geht um einen "Blitzüberfall" auf ein Juweliergeschäft am Grünen Markt im Februar 2017, bei dem hochwertige Uhren im Wert von rund 500 000 Euro erbeutet worden waren.

Es ist ein ganz normaler Freitagmorgen um kurz nach zehn Uhr in der Bamberger Innenstadt. Gerade öffnet das Juweliergeschäft. Die Angestellten sind mit dem Einräumen neuer Ware beschäftigt. "Auf einmal ging die Tür auf und drei maskierte Männer standen im Raum," erzählt eine Zeugin. Eine Kollegin habe gerade noch den Alarmknopf drücken können. Während zwei der Täter sich daran machen, im begehbaren Schaufenster nur die teuerste Ware einzusacken, hält ein dritter Eindringling das inzwischen am Boden liegende und verängstigte Personal mit lauten Schreien und einer Waffe in der Hand in Schach.

Später wird es einen Knall geben, den die Zeugen erst für einen Schuss halten. Was die vier eingeschüchterten Angestellten nicht wissen können: Es handelt sich bei dem täuschend echt aussehenden Revolver um eine "Scheinwaffe". Der Krach entstand, als der dritte Mann eine der Vitrinen mit dem Revolver einschlägt, um noch ein paar weniger wertvolle Armbanduhren mitgehen zu lassen. Aber selbst wenn die Angestellten Widerstand gewagt hätten, auch dafür hatten die Drahtzieher vorgesorgt. In der Grundausstattung der Räuber hatten sich auch Pfefferspray-Dosen befunden. "Nach zwei Minuten war alles schon wieder vorbei", so die Zeugin.

Ein ausgeklügelter Plan

Wie sich im Laufe der umfangreichen Ermittlungen der Kriminalpolizei ergeben hat, hatten die Hintermänner in Litauen an alles gedacht. Sie haben nicht nur den Transport nach und die Unterkunft in Deutschland organisiert. Sie haben auch an "Dienstkleidung" in Form von Jacken, Mützen, Schals und Handschuhen gedacht, damit sich das Quartett vermummen kann. Zudem führten sie Vorschlaghämmer mit sich, um an gesicherte Ware zu gelangen.

Den Aussagen eines Kriminalhauptkommissars ist außerdem eine gewisse Bewunderung für den ausgeklügelten Fluchtplan zu entnehmen. Die automatische Türverriegelung im Juweliergeschäft haben die Räuber mit einem mitgebrachten Holzstecken verhindert. Das Trio rennt zuerst davon, schwingt sich dann auf lange vor der Tat bereitgestellte Drahtesel, wirft die Rucksäcke mit der Beute in ein wartendes Auto und macht sich dann mit Bus und Bahn gen Norden aus dem Staub. Das Aufgabeln der Flüchtenden und die Heimreise an die Ostsee ist noch für den selben Tag vorgesehen.

Wobei es einer nicht schafft. Er wird nach dem Sturz vom Fahrrad auf Höhe der Nonnenbrücke festgenommen, nachdem er zuvor durch mutige Passanten in der Habergasse aufgehalten worden war.

Die Auswirkungen des Raubüberfalls auf das Personal sind erheblich. Am geringsten sind da noch kleinere Schnittwunden durch herumfliegende Glasscherben, die eine Mitarbeiterin leicht verletzten. Schwerwiegender sind die psychischen Folgen. "Die erste Zeit ging es mir nicht gut. Ich hatte Angst, sobald die Tür aufging", erzählt eine Angestellte. Mehrere Mitarbeiter berichten von Schlafstörungen und Alpträumen, eine hat sogar den Arbeitsplatz gewechselt. Die Filialleiterin habe immer noch "ein komisches Gefühl", sobald Kundschaft den Laden betritt.

Drei Überfalle in fünf Jahren

Mit ganz anderen Problemen hat der Inhaber des Juweliergeschäftes zu kämpfen. Freilich wurden ihm der Schaden von 275 403 Euro für die gestohlenen und nicht wieder aufgetauchten Luxusuhren sowie der Sachschaden von 4725 Euro von der Versicherung ersetzt. Zudem wurde bei der misslungenen Flucht eines Täters Diebesgut im Wert von mehr als 100 000 Euro gerettet. Allerdings waren die Schmuckstücke zerkratzt und mussten für knapp 12 500 Euro wieder aufgehübscht werden. Zudem seien dem Geschäftsmann 150 000 Euro Gewinn durch die Lappen gegangen. Und Probleme mit der Versicherung gebe es nach dem inzwischen dritten Raubüberfall seit 2012 auch. Es werde immer schwieriger, einen Anbieter zu finden. Manche Juweliere mit ähnlichem Schicksal würden schon ohne jede Absicherung arbeiten, sagt der Inhhaber. Bei ihm selbst drohten sich die Prämien zu verdoppeln. Ein Wachmann käme auch nicht in Frage: "Die Einheimischen würden mich für verrückt erklären, wenn einer den ganzen Tag vor dem Geschäft stünde." Ans Aufhören denke er aber nicht.

Am ersten Verhandlungstag gestand der 21-jährige Litauer seine Tatbeteiligung. Allerdings war angesichts der belastenden Aussage eines seiner Komplizen und eindeutiger DNA-Spuren an einem der Fluchtfahrräder leugnen wohl ohnehin zwecklos. Während die Spuren seiner bereits verurteilten Mittäter auch zu Tatorten in Aachen, Kempten und Hannover führen, gab sich der Angeklagte ahnungslos. Er sei in seiner Heimat angeheuert worden, er wolle nicht sagen, von wem. Dann habe er seine Komplizen erst in Offenbach kennengelernt und dort erfahren, worum es ginge. Dass er zufällig in die Sache hineingeraten und vorher nicht in Raubüberfälle verwickelt gewesen sei, glaubte der ermittelnde Kriminalhauptkommissar nicht.

Dafür sprächen nicht nur die Vorstrafen - Diebstähle in Berlin sowie Diebstahl mit Waffen, schweren Diebstahl und einfache Körperverletzung in Litauen. Eineinhalb Jahre hatte der Angeklagte vor seiner Auslieferung nach Deutschland im Oktober 2018 gerade erst abgesessen. Auch DNA-Spuren an anderen Tatorten, die noch ausgewertet werden, wie der Beamte erklärte, sprechen für die Beteiligung des Angeklagten an weiteren Überfällen.

Der 21-Jährige, der von seinen etwas älteren Komplizen als "das Kind" bezeichnet wurde, sollte nach dem Verkauf der Sore einen Anteil von 10 000 Euro bekommen. Seinen "Kollegen" waren Marihuana und Amphetamin oder "Sachpreise" wie Gold und ein Malediven-Urlaub versprochen worden. Nun sitzt die ganze Bande im Gefängnis. Wie lange "das Kind" hinter Gittern landen wird, wird das Urteil der Jugendkammer unter Vorsitz Markus Rezniks am Dienstag ab 9 Uhr festlegen.



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