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Oberthulba
Geschichte

Rucksack voller Erinnerungen

Kunstschmied Georg Mützel fertigte das "Gepäckstück gegen das Vergessen" an, das gemeinsam mit 109 anderen Gepäckstücken am Würzburger Hauptbahnhof an die Deportation jüdischer Mitbürger erinnern soll.
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Rucksack aus Kupferblech von Georg Mützel aus Eibelstadt. Fotos: Hilmar Ruppert
Rucksack aus Kupferblech von Georg Mützel aus Eibelstadt. Fotos: Hilmar Ruppert
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Vor dem Würzburger Hauptbahnhof sollen irgendwann einmal 109 Gepäckstücke stehen - für jeden Ort Unterfrankens einer, aus dem Juden deportiert wurden. Und dazu soll es in jedem dieser Orte auch eine Kopie des Gepäckstücks geben. "Als wir von dem Projekt hörten, fühlten wir uns verpflichtet mitzumachen, dies war wichtig, nachdem mit Familie Berney ein Bezug da war", sagte Bürgermeister Gotthard Schlereth.

Nur wenige Spuren

Die Witwe Regina Berney aus Oberthulba verdiente sich ihren Lebensunterhalt, indem sie frische Eier und Milch für den Kurbetrieb nach Bad Kissingen trug. Ihr Sohn Julius wurde Viehhändler und kam mit viel Glück nach Montreal in Kanada. Es blieben nur wenige Spuren - das Haus in dem sie mit ihrem Sohn wohnte, die Aufzeichnungen ihrer letzten beschlagnahmten Gegenstände und die Deportationsnummer 656. Der Rucksack ist eine Replik ihres Deportations-Rucksacks.

Kämmerer Klaus Blum fragte beim Kunstschmied Georg Mützel an, diesen Rucksack als "Gepäckstück gegen das Vergessen" aus Kupferblech nachzubilden. Kunstschmied, Metallgestalter und Restaurator Georg Mützel legte seine Meisterprüfung 1981 in der Fachschule der Schmiede in Göppingen-Stuttgart ab. 1985 gründete der aus Machtilshausen stammende seine eigene Firma in Randersacker und erwarb 1993 den Titel "Staatlich Geprüfter Restaurator". 2005 zog er in eine größere Werkstatt nach Eibelstadt.

Aufgestellt werden soll der Rucksack an der Gedenktafel an der ehemaligen Synagoge. Die Tafel war auf Initiative einer Schulklasse angebracht worden. 2003 hatte Bürgermeister Schlereth die Klasse 8a der Volksschule Oberthulba zusammen mit ihrem Klassenlehrer Klaus Reinhard begrüßt, denn diese hatten den Antrag gestellt, eine Tafel mit den Namen der ehemaligen jüdischen Mitbürger aus Oberthulba, die im Dritten Reich ermordet wurden, anfertigen zu lassen. Diese Namenstafel sollte an der ehemaligen Synagoge angebracht werden. Der damalige Gemeinderat lobte die Arbeit der Klasse hinsichtlich der zeitgeschichtlichen Erinnerungen, stellte aber ohne größere Nachforschungen fest, dass die Namensliste unvollständig war. Es wurde daher vorgeschlagen, eine Erinnerungstafel ohne Namen anzubringen. Die Tafel trägt den Text "Der Markt Oberthulba gedenkt seiner jüdischen Bürger, die unter der NS Herrschaft Opfer von Verfolgung und Deportation wurden" in deutscher und hebräischer Schrift. Das Gepäckstück soll nun seinen Platz unterhalb der Tafel auf einem Sockel aus Holz und einer Eisenbahnschiene finden. Die kleine Grünfläche soll angelegt und damit zum würdigen "DenkOrt" für Oberthulba werden. Das Gebäude war bis 1938 Synagoge und Schule, heute dient es dem Roten Kreuz und dem Gesangverein als Vereinsheim. In den 1960er Jahren war die Gemeinschafts-Gefrieranlage darin untergebracht.