Bad Kissingen
13. KlavierOlymp

Doppelsieger

Zum ersten Mal gewann den viertägigen Wettbewerb ein junger Pianist aus Kuba: der 21-jährige Jorge Gonzalez.
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Gruppenbild mit Sieger: Jorge Gonzalez (sitzend), umringt von (von links) Maxim Lando, Marie-Ange Guci, Shizhe Shen, Clayton Stephenson und Julia Kociuban. Foto: Ahnert
Gruppenbild mit Sieger: Jorge Gonzalez (sitzend), umringt von (von links) Maxim Lando, Marie-Ange Guci, Shizhe Shen, Clayton Stephenson und Julia Kociuban. Foto: Ahnert
Mit dem großen Abschlusskonzert aller Beteiligten ist am Sonntag Abend der 13. Kissinger KlavierOlymp zu Ende gegangen.

Den 1. Preis sprach die Jury dem 21-jährigen Kubaner Jorge Gonzalez zu. Er wird im Kissinger Sommer 2016, und zwar am Freitag, 22. Juli, einer der Solidten sein bei dem Konzert des Orchestre Philharmonique de Marseille unter der Leitung von Larence Foster. Die Plätze zwei und drei gingen nach New York und an die Jüngsten in dem Sextett: an den 13-jährigen Maxim Lando und den 16-Jährigen Clayton Stephenson. Der Publikumspreis, der von den Besuchern vergeben wird, die alle sechs Einzelkonzerte besucht haben, ging ebenfalls an Jorge Gonzalez. Weiterhin dabei waren Marie-Ange Guci (18) aus Frankreich, Julia Kociuban (23) aus Polen und Shizhe Shen (20) aus China. Unabhängig von der Platzierung werden alle sechs jungen Leute im Kissinger Sommer 2016 wieder zu erleben sein. Auffallend ist in diesem Zusammenhang, dass dieses Jahr kein Teilnehmer aus Russland und auch nicht aus Deutschland dabei war. Es hat sich einfach niemand aufgedrängt.


Konzentrat von vier Tagen

Das Abschlusskonzert war wieder ein musikalisches Konzentrat der vorangegangenen vier Tage. Auch in diesem Jahr spielten die sechs Teilnehmer weitestgehend Werke, die sie in ihren Solorecitals noch nicht aufgeführt hatten. Sie waren sich offensichtlich ihrer Sache sicher und sahen keinen Korrekturbedarf. Zum anderen war es auch mutig, nicht auf Gesichertes zurückzugreifen, denn der Bayerische Rundfunk zeichnete das Konzert wie in den vergangenen Jahren auf.

Da alle wieder ihr Bestes gaben, sah die Jury mit Intendantin Kari Kahl-Wolfsjäger, Eleonore Büning (FAZ), Wolfgang Schreiber (Süddeutsche Zeitung), Christian Kröber (Neue Musikzeitung) und Thomas Ahnert (Saale-Zeitung) keinen Grund, die Vorentscheidung aus den vergangenen Tagen noch einmal zu ändern.
Oberbürgermeister Kay Blankenburg und Kari Kahl-Wolfsjäger waren sehr zufrieden. 110 Besucher, und damit wieder einige mehr als im Vorjahr, kamen im Durchschnitt zu den sieben Konzerten, eine Steigerung, die auf die größere Nachfrage nach den Matineen zurückzuführen war. Aber auch die Zahl der Abonnenten, die alle Konzerte gebucht haben, stieg von 30 auf 37. Und der Kundenkreis hat sich deutlich erweitert: Es kamen Besucher aus Kassel, Stuttgart und sogar Hamburg, die durch den Kissinger Sommer aufmerksam geworden waren.



Die Teilnehmer:

Shizhe Shen

Selbstverständlich ist es nicht leicht, gerade bei einem Wettbewerb wie dem KlavierOlymp im Rossini-Saal den Eisbrecher zu spielen. Dass die 20-jährige Shizhe Shen, die ihre Ausbildung am Konservatorium ihrer Heimatstadt Wuhan, an der Purcell School of Music erhielt und seit 2011 bei Arie Vardi in Hannover studiert, nicht die großen Begeisterungsstürme erhielt, lag wenige an der Situation als an ihr selbst. Was sich bei Chopins Nocturne op. 1 - und später auch bei op. 48/1 - schon abzeichnete und den Abend über Bestand hatte, war, wie das viele junge Leute gerne tun, ein überreichlicher Pedalgebrauch. Die Gestaltung wurde distanziert, was für die Spannung nicht sehr förderlich war.
"Absofunkinlutely" des Amerikaners David Rakowski war ein ganz witziger, souverän gespielter Virtuosenbzauber, aber als Vorbereitung auf Beethovens "Waldsteinsonate" etwas irritierend. Für sie selbst vielleicht auch. Sie war nicht frei in ihrem Spiel, kämpfte mit der Technik, ließ sogar manches aus. Für eine bezwingende Gestaltung hatte ihr Spiel zu viele Brüche. Dagegen vergab sich Shizhe Shen bei Brahms' Intermezzo op. 118/2 die starke Wirkung des Schlichten durch zuviel Pedal. Bei Liszts h-moll-Ballade und der Rhapsodie espagnole konnte sie technisch punkten, aber die Gestaltung hätte differenzierter sein müssen, um Spannung zu erzeugen. Sehr gut geriet Debussys "Feu d'artifice", bei "Les sons et les parfums" kollidierten die gut gemeinten Klangfarben mit dem Pedal.



Maxim Lando

Nun gut, er ist nicht mehr der Zwölfjährige, als der er angekündigt wurde: Seit dem 5. Oktober ist er 13. Aber das hilft nicht entscheidend weiter: Der New Yorker Maxim Lando ist ein Pianist, der ratlos macht, wenn man ihn das erste Mal hört. Er hat eine technische und musikalische Reife, die einem ein bisschen die Sprache verschlägt. Denn man fragt sich, wann er das alles gelernt haben will, zumal er auch noch Mathematik studiert. Das erinnert alles an Kit Armstrong, der nicht viel älter war, als er zum Kissinger KlavierOlymp kam. Aber Maxim Lando ist jetzt schon besser.

Seine Eltern sind beide Musiklehrer. Aber die eigentliche Triebfeder ist in ihm selbst. Nicht nur, weil er immer dann leicht lächelt, wenn's am schwersten wird, weil er Vergnügen an technischen Herausforderungen hat. Liszts "Leggierezza"-Etüde und Ungarische Rhapsodie Nr. 12 oder Bizets "Carmen"-Variationen" in der höllischen Fassung von Horowitz spielt er, als wäre es nichts und macht trotzdem noch Musik daraus.

Aber das Sensationelle an Maxim Lando ist sein reifes musikalisches Verständnis. So, wie er Beethovens Sonate op. 31/1 spielt, mit ihren Raffinessen und ihrem Witz in den Ecksätzen und persönlichem Ausdruck im Adagio - das hat ihm kein Klavierlehrer beigebracht; das kommt aus ihm selbst. Oder so, wie er die Schönheiten in Prokofieffs 2. Sonate herausholt, weil er sie nicht plump verdonnert - das zeugt von einem großartigen Darstellungswillen. Sogar Tschaikowskys eher schlichten c-moll Dumka hörte man gebannt zu. Und man war geradezu dankbar, dass Chopins g-moll-Ballade dynamisch etwas schwarz-weiß geriet, dass da noch ein paar Zwischentöne fehlen. Die werden noch kommen.


Cayton Stephenson

Er wurde vor 16 Jahren in dem New Yorker Stadtteil East Harlem geboren. Und er wurde bemerkt: Mit zehn Jahren erhielt er ein Stipendium der Juiolliard School Pre-College Division. Vor zwei Jahren wurde er in die Förderstiftung von Lang Lang aufgenommen.

Clayton Stephenson ist an einem interessanten Punkt. Technisch ist er ziemlich weit. Jetzt muss er der Welt nur noch zeigen, dass er da ist. Bachs Präludium und Fuge Nr. 5 D-Dur spielte er noch nmit einem wunderbar trockenen Non-Legato. Aber dann zog er an, setzte vor allem auf Tempo und Lautstärke. In Beethovens Sonaten "Les Adieux" und "Waldstein" hatte er wirklich gute Ansätze und kluge Deutungen, aber sie gingen meistens im Lärm unter. Chopins Etüde op. 25/10 hätte man derart kantig und hart, geradezu unwirsch in den Eckteilen nicht erwartet. Bei Liszts "Dante-Sonate" und h-moll-Ballade war die ganze Kraft besser begründbar. Und bei dem viersätzigen "Gargoyles" des New Yorkers Lowell Liebermann hatte sich Stephenson beruhigt, hatte zu sich und seiner Expressivität gefunden.

Er spielt mit verblüffendem Druck. Aber ist - noch - nicht alles gut, was er macht. Es ist wohl seiner grundlegenden Begeisterung für sein Tun geschuldet, dass er sich angesichts seiner technischen Fähigkeiten vermeidbare Schnitzer erlaubt, weil das für ihn nicht so wichtig ist. Er braucht Lehrer, die ihn ein bisschen bändigen, ohne ihn zu verbiegen, die ihm helfen, seinen persönlichen Ausdruck stärker zu profilieren, mitunter auch etwas mehr Geduld mit der Musik und mit sich selbst zu haben. Bei seinem erkennbar enormen Potenzial dürfte das nicht allzu schwierig sein. Man kann gespannt sein, wie er sich bis zum nächsten Kissinger Sommer weiterentwickelt.


Marie-Ange Guci

Nach zwei Vertretern der modernen amerikanischen Klavierschule nun also eine Vertreterin der französischen Tradition: Die 18-jährige Französin Marie-Ange Guci studiert am Pariser Konservatorium als Ergebnis einer außerordentlich erfolgreichen Ausbildungskarriere. Sie ist erstaunlich abgeklärt und hatte ein ziemlich "kalorienreiches" Programm zusammengestellt.

Marie-Ange Guci begann - durchaus mutig für einen Wettbewerb - mit Ligeti, mit seinem "Autonne à Varsovie" und "L'escalier du diable", zwei technisch ungemein schwierigen Sätzen. Aber Marie-Ange Guci gelang es, diese Schwierigkeiten in den Hintergrund zu rücken zugunsten wunderbarer, sprechender Klangfarben und -bilder - beste Werbung für Ligeti. Auch Chopins Introduktion und Rondo op. 16 spielte sie mit so lockerem Zugriff, dass man in der Musik des bleichen Polen plötzlich Humor entdecken konnte. Aus César Francks Prélude, Aria et Final E-dur holte sie heraus, was herauszuholen ist - das Werk ist durch seine vielen Wiederholungen einfach ermüdend lang.

Durchaus ein großer Wurf war Bach/Busonis Chaconne d-moll, weil Marie-Ange Guci sehr plastisch zeigte, mit welchen Mitteln Busoni dieses Werk in seine Zeit und ihren Geist geholt hat. Sehr gut ausgelotet war Mozarts Fantasie KV 475, auch wenn sie den Zuhörer etwas deprimiert zurückließ. Prokofieffs Klaviersonate Nr. 6 spielte sie ähnlich wie Maxim Lando: mit einem deutlichen Zug zum Lyrischen, ohne dabei die Härten der Motorik zu glätten. Fast könnten man den Russen für einen Romantiker halten.


Julia Kociuban

Mit 23 Jahren gehört die Krakauerin Julia Kociuban schon zu den "Senioren" des diesjährigen KlavierOlymps. Und wer ihre Biographie liest, kann unschwer erkennen, dass die Schülerin von Pavel Gililov in Salzburg und zuvor in Warschau im Kontakt mit vielen Klavierpädagogen nicht nur eine umfangreiche Ausbildung genossen hat und noch genießt, sondern dass sie auch schon wichtige internationale Wettbewerbe gewonnen hat und konzertierend schon viel in der Welt herumgekommen ist. Sie hat viel Erfahrung.

Aber so ganz wollte sich der Eindruck bei ihrem Recital im Rossini-Saal nicht bestätigen. Sie hatte eigentlich ein kluges Programm mit Beethovens Sonate op. 27/1, Schumanns Kreisleriana, Skrjabins 9. Sonate und Chopins h-moll-Sonate.

Aber die Umsetzung litt darunter, dass sie sich und die Musik ständig enorm unter Druck setzte, dass sie ständig Tempo und eine relativ flache Dynamik forcierte, dass sie sich erstaunlich viele, mitunter durchaus sinnentstellende Fehler leistete. Das wäre fast noch verzeihlich. Aber es stimmte auch nicht immer die Balance der Hände, und der enorme Druck nahm der Musik die Möglichkeit zum Atmen, zur Plastizität. Der Effekt: Die Musik wurde nivelliert, es wurde unwichtig, welcher Name darüber stand.

Wirklich überzeugend war Julia Kociuban bei Skrjabins Sonate Nr. 9, der sogenannten "Schwarzen Messe". Der wurde sie mit ihrem kompromisslosen Zugriff absolut gerecht, zumal der Komponist selber einmal schrieb, dass er in dieser Sonate so heftig wie nie zuvor mit dem Satanischen in Berührung gekommen sei. Die Begegnung wurde hörbar.


Jorge Gonzales

Es war eine echte Premiere: Aus Kuba war noch nie ein Teilnehmer zum Kissinger KlavierOlymp gekommen: Gut, Jorge Gonzalez wurde 1994 in Havanna geboren und bekam dort auch die Grundlage seiner pianistischen Ausbildung. Aber vor fünf Jahren ging er nach Paris und studiert seit 2014 bei Hortense Cartier-Bresson am Conservatoire National Supérieur de Musique.

Jorge Gonzalez war von Anfang an überzeugend mit seiner Interpretation von Bachs schwieriger e-moll-Toccata BWV 914, die außerordentlich klug nach dem Prinzip der Steigerung disponiert war und in eine klanglich fantastisch verdichteten Fuge mündete. Mozarts D-dur-Sonate KV 311, mit lockerer Hand gespielt, erwies sich als ein Zeugnis der Freude an der musikalischen Geste, an dem Charme und dem Witz, die in dieser Komposition stecken. Spätestens bei Chopins F-dur-Ballade mit ihren herausragenden Übergängen zeigte sich, dass Gonzales dieses Mal der Einzige war, der idiomatisch interpretierte, der für jeden Komponisten eine Klangsprache fand wie bei Brahms' schlichter, nach innen gewendeter H-dur-Ballade, Szymanowskis schwerelosen Masques op. 34/1 oder dem kantigen, rhythmisch vergnüglichen "El Polo" von Albeniz.

Großes Kino für die Ohren waren Schumanns Fantasiestücke op. 12 und Liszts "Après une lecture de Dante". Da zauberte Gonzalez mit höchst differenzierten Klangfarben und dynamischen Intensitäten, da wurde die Musik enorm plastisch und erzählend. Da konnte er sein Publikum endgültig fesseln.


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