Bad Kissingen
12. Klavierolymp

Deutlicher Sieger

Nach sieben Konzerten stand der Gewinner des Bad Kissinger Klavierwettbewerbs fest: Der 1. Preis und der Publikumspreis gingen an den 23-jährigen Chinesen Julian Jia.
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Gruppenbild mit Dame: die KlavierOlympioniken Samson Tsoy, François-Xavier Poisat, Mario Häring, Boyang Shi, Julian Jia und Niu Niu (von links nach rechts). Foto: Thomas Ahnert
Gruppenbild mit Dame: die KlavierOlympioniken Samson Tsoy, François-Xavier Poisat, Mario Häring, Boyang Shi, Julian Jia und Niu Niu (von links nach rechts). Foto: Thomas Ahnert
Bad Kissingen — Mit dem großen Abschlusskonzert mit allen Beteiligten im Rossini-Saal ist der 12. Bad Kissinger KlavierOlymp in Bad Kissingen am Sonntagabend zu Ende gegangen. Den 1. Preis (Solist in einem Sinfoniekonzert des Kissinger Sommers 2015) sprach die Jury dem 22-jährigen Chinesen Julian Jia zu.

Auch die Laudatio auf die beiden anderen Preisträger hätte man auf Chinesisch halten können: Der 2. Platz ging an den Jüngsten in dem Sextett, an den 17-jährigen Niu Niu. Den 3. Platz erspielte sich die 21-jährige Boyang Shi. Der Publikumspreis ging an den Gewinner: Julian Jia. Außerdem waren dabei Samson Tsoy aus Kasachstan, mit 26 Jahren der Senior der Gruppe, François-Xavier Poizat aus der französischen Schweiz und der 1989 geborene Hannoverander Mario Häring. Mit allen sechs jungen Musikern gibt es ein Wiedersehen im Kissinger Sommers 2015.

Das Abschlusskonzert am Sonntagabend im Rossini-Saal mit allen Olympioniken wurde noch einmal zu einem Konzentrat der vorausgegangenen sechs Einzelrecitale. Man kann es als gutes Zeichen sehen, dass alle sechs Pianisten im Wesentlichen Stücke spielten, die keine Wiederholung ihrer Einzelkonzerte waren. Denn das bedeutete, dass sie keinen Korrekturbedarf an dem bisher Gebotenen sahen. Und es war durchaus mutig, dass sie nicht auf Bewährtes und Gesichertes zurückgriffen - was umso erstaunlicher war, als der Bayerische Rundfunk das Konzert wie in den vergangenen Jahren mitschnitt. Und da alle ihr Bestes gaben, wurden die Vorentscheidungen der Vortage nicht wirklich auf den Kopf gestellt. Für Niu Niu hat sich die Neuwahl allerdings gelohnt: Mit seiner Wiedergabe von Mussorgskys "Bildern einer Ausstellung" konnte er sich weiter nach vorne spielen. Ansonsten sah sich die Jury mit Intendantin Kari Kahl-Wolfsjäger, Eleonore Büning (FAZ), Wolfgang Schreiber (Süddeutsche Zeitung), Christian Kröber (Neue Musikzeitung) und Thomas Ahnert (Saale-Zeitung) in ihren Entscheidungen bestätigt und musste die übrige Reihenfolge nicht neu festlegen.

Guter Publikumszuspruch

Kari Kahl-Wolfsjäger und Oberbürgermeister Kay Blankenburg waren sehr zufrieden. 105 Besucher - darunter deutlich mehr junge Leute als im Vorjahr - kamen im Durchschnitt zu den sieben Konzerten, wobei das Abschlusskonzert der größte Brocken war. Der Dank ging an die Künstler und die Jury, an die Klavierpaten, aber vor allem an die Sponsoren vom Förderverein Kissinger Sommer und den Bezirk Unterfranken.



Die Teilnehmer



Francois-Xavier Poizat: Unglücklich


Natürlich ist es immer schwierig, bei einem Wettbewerb wie dem Kissinger KlavierOlymp den Eisbrecher zu spielen, als Erster im Rossini-Saal vor das Publikum und die Jury zu treten - und damit die Messlatte aufzulegen. Aber dass der Schweizer François-Xavier Poizat nicht die großen Begeisterungsstürme auslöste, lag weniger an der Situation als an ihm selbst. Er hatte erstaunlich viele Aussetzer und Fehlgriffe, die den Gesamteindruck beschädigten. Und sein Programm war für einen Wettbewerb unglücklich zusammengestellt. Ein Beethoven (oder Mozart) war Pflicht. Poizat hatte sich für die Waldsteinsonate entschieden, und er begann eigentlich auch ganz vielversprechend, gestaltete den pochenden Einstieg erstaunlich lyrisch, und die langsamen Passagen, etwa in der Introduzione, waren auch weiterhin seine Stärken. Aber er schaffte es nicht, Spannung aufzubauen, weil er die Musik in einzelne Module zerlegte. Bei Tschaikowskys Scherzo aus der 5. Sinfonie in einer Bearbeitung von Samuel Feinberg setzte sich Poizat durch sein unnötig schnelles Tempo so unter Druck, dass die Durchhörbarkeit verloren ging und keine Zeit für irgendeine Gestaltung war. Nach der Pause gab's nur noch Kleinteiliges von Chopin: vier Mazurken op. 33 und zehn Etüden op. 25. Da wusste man nach jeweils zwei Nummern, dass nichts Neues mehr kommen würde, weil der junge Man nicht die gestalterischen Möglichkeiten hatte, um sein Material wirklich zu differenzieren und musikalisch interessant zu machen.


Julian Jia: Farbenreich


Es hat beim KlavierOlymp nicht oft Konzerte gegeben, in denen schon nach fünf Takten der Gedanke aufkam: Das könnte der neue Gewinner werden. Bei Julian Jia war es wieder einmal so weit: Der 22-jährige Chinese, Schüler von Karl-Heinz Kämmerling und, seit zwei Jahren, von Arie Vardi in Hannover, war so einer. Schon das kleine Rondo KV 485 von Mozart, mit dem Jia das Konzert eröffnete, zeigte ein enormes Gespür für Klangfarben, für das Timing und für den Witz in der Musik. Julian Jia war nicht der Älteste in dem diesjährigen Sextett, aber der ausgereifteste. Er spielte ein stilistisch stark differenziertes Programm von Scarlatti bis Ravel. Er erwies sich als souveräner Gestalter, der immer genau weiß, worauf er hinaus will, der jeden Ton genau auf seine Wirkung kalkuliert und nichts dem Zufall überlässt - und gerade dadurch den Eindruck einer großen Spontaneität erweckt. Und der seinem Publikum den Eindruck vermittelt, dass ihm sein Tun Spaß macht. Das Programm war deutlich zweigeteilt: zunächst nach Mozart eine pointiert gefingerte Scarlatti-Sonate, dann die Drei Klavierstücke D 946 von Schubert, die eine überraschende emotionale Tiefe hatten, und dann die selten zu hörende Sonatine von Ravel, gleichsam über die Tasten gehaucht. Im zweiten Teil spielte Julian Jia die zwei großen Chopin-Blöcke der f-moll-Fantasie und der h-moll-Sonate, getrennt durch das B-dur-Nocturne op. 9/3 - großes Kino für die Ohren. Denn da spielte ein junger Mann, der wirklich etwas zu erzählen hatte und das auch konnte.



Samson Tsoy: Intellektuell


Samson Tsoy, der 26-jährige "Senior" der Truppe, der in seiner Heimat Kasachstan seine Ausbildung begann und seit drei Jahren am Royal College of Music in London studiert, ist eigentlich ein fertiger Pianist, der schon eine ganze Menge gespielt hat. Er musiziert fernab technischer Bedenken, und er scheint sehr intellektuell an die Musik heranzugehen, analysiert, bevor er spielt. Er stellte in Beethovens selten gespielter g-moll-Fantasie op. 77 einen starken Spannungskontrast der Themen und Motive her, arbeitete mit Überraschungsmomenten und hielt das Andante favori WoO 57 im Rahmen seiner Bedeutung als ernst genommene Petitesse.
Aber bei Schumanns C-dur-Fantasie op. 17 wurde deutlich, dass Analyse allein nicht genügt, weil Samson Tsoy Schumanns Spielanweisungen sehr frei interpretierte. Zum einen war der dritte Satz keineswegs "langsam, getragen" sondern ziemlich heftig, und "durchweg leise" war er auch nicht gehalten. Zum anderen hatte der Pianist mit dem "leidenschaftlich" des Vortrags sein Problem, weil er nicht aus seiner nüchternen Distanz herausging.
Das war auch das Problem bei Mussorgskys "Bildern einer Ausstellung" technisch glänzend gespielt, aber wenig abbildend. Ein Satz wie "Samuel Goldenberg und Schmuyle" war in seinem Konflikt verschenkt. Dafür klangen einige Sätze wie das pathetische, das Werk abschließende "Heldentor von Kiew".


Mario Häring: Geräuschvoll


Häring war kein Neuling im Rossini-Saal. Als Stipendiat der Internationalen Musikakademie im Fürstentum Liechtenstein war er im Sommer schon einmal mit einem Kurzauftritt da. Dieses Mal hatte er mehr Zeit, und er hatte, neben Beethoven, ein russisches Programm dabei: interessant in der Zusammenstellung, aber nicht ganz glücklich in der Abfolge. Denn er begann mit Prokofieffs Klaviersonate Nr. 2, einem ziemlichen Brocken, bei dem er allerdings nicht der Gefahr erlag, die Motorik in den Vordergrund zu rücken, sondern auf lyrisch-melodische Aspekte zielte. Nicht ganz so gelungen war Beethovens Appassionata, zum einen, weil er mit einer unglücklichen Pedalarbeit für erhebliche Nebengeräusche des Flügels sorgte, weil er strukturell nicht allzu deutlich war und beispielsweise im Variationensatz das durchlaufende Thema nicht immer herausarbeitete, sondern das Hauptgewicht auf die Begleitung legte. Und weil er ganz offensichtlich - noch - Probleme hat, die Inhalte der Musik zu vermitteln, emotional zu gestalten, in der Agogik etwas von sich selbst rauszulassen. Das war auch das Problem bei Schumanns "Carnaval", den er beim Abschlusskonzert spielte. Auch hier wurde nie wirklich deutlich, warum die Teile die Titel haben, die sie haben. Dabei wären Emotionen gerade bei Rachmaninoffs sechs Moments musicaux op. 16 so wichtig gewesen, wenn sie nicht nur als virtuose Fingerübungen und damit als beliebig dem Publikum vermittelt werden sollen. Die zwei Konzertetüden "Prelude" und "Raillery" von Nikolai Kapustin konnten allerdings begeistern: pfiffig, witzig, leicht angejazzt - vielleicht hatte sich Mario Häring da wirklich freigespielt.


Niu Niu: Perspektivisch


Doppelnamen sind gut fürs Marketing. Das wissen die chinesischen Pianisten spätestens seit Lang Lang. Aber warum sich der 17-jährige Zhang Shengliang als Künstler Niu Niu nennt, wirft Fragen auf. Denn das heißt auf Deutsch Kleiner Ochse. Aber vielleicht ist das in China ein Ehrentitel. Niu Niu ist an einem entscheidenden Punkt des Pianistwerdens. Technisch ist er schon sehr weit, kann schon erstaunlich viel. Das ist eben das Ergebnis einer zielgerichteten Aufbauarbeit. Aber jetzt muss er vom Techniker zum Musiker werden, wen er wirklich interessant werden will. Gleich zwei Beethoven-Sonaten hatte er vorbereitet: die Mondscheinsonate und die Appassionata. Die waren sehr ordentlich gespielt, aber lediglich auf Technik getrimmt, gleichsam buchstabiert, wenig elastisch und absolut frei von persönlicher Gestaltung. Dazu ist er vielleicht noch zu jung. Und vielleicht zu ehrgeizig. Denn das Allegro ma non troppo der Mondscheinsonate spielte er so überzogen schnell, dass er im Schlusspresto seine Grenzen offenbaren musste. Für Mozarts Adagio KV 396 und die Fantasie KV 397 ließ sich Niu Niu erfreulich viel Zeit, aber er spielte sie wie Romantik, mit viel Pedal. Und dass Chopin in seiner g-moll-Ballade eine Geschichte erzählt, hätten ihm seine Lehrer vielleicht einmal sagen müssen. Aber Liszts Mephisto-Walzer kam die nüchterne, mechanische Virtuosität sehr entgegen. Dass Niu Niu begonnen hat, emotional zu werden, zeigte er in Ansätzen in Mussorgskys "Bildern einer Ausstellung" im Abschlusskonzert.


Boyang Shi: Konsequent


"Ladies first" gilt beim Kissinger KlavierOlymp nicht: Boyang Shi, die 22-jährige Chinesin, musste am längsten auf ihren Auftritt warten. Sie spielte die Sonntagmatinee und damit das letzte Einzelrecital. Und sie überraschte mit sehr differenziertem Anschlag und reichen Klangfarben - auch wenn stellenweise in Beethovens Sonate op. 110 durch die formulierende Behutsamkeit die Spannung gefährdet war und die Schlussfuge am Ende in ihren Strukturen zerbröselte. Dass sie ein gutes Gespür für das richtige Tempo hat, bewies Boyang Shi bei Chopins Fis-dur-Nocturne op. 15/2, dem sie Zeit zum Wirken lässt, indem sie hinter die Musik zurücktritt und die lyrische Stimmung der Einleitung sehr stark mit dem zupackenden Mittelteil kontrastiert. Ein besonderes Erlebnis wurde Ravels "Gaspard de la nuit". Da spielte sie ihr großes Klangfarbenregister mit großer Delikatesse aus. Der durchgehende nächtliche Totenglockenton, der sich durch "Le gibet" hindurchzieht und der immer in der Mittelstimme mitgenommen werden muss, war außerordentlich differenziert im Anschlag. Und "Scarbo" hört man nur selten derart klar strukturiert, auf melodische Elemente analysiert. Schumanns C-dur-Fantasie op. 17 konnte überzeugen durch das Ernstnehmen und gestalten der Spielanweisungen des Komponisten und einer starken Fähigkeit des Erzählens. Boyang Shi war die Einzige, die sich im Abschlusskonzert nicht ganz bestätigen konnte. Ihre drei Scarlatti-Sonaten waren zwar brillant artikuliert, aber Chopins Andante spianato et Grande Polonaise brillante fehlte ein bisschen so etwas wie ein geistiger roter Faden.










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