• Nach dem Zweiten Weltkrieg: Das Wettrüsten geht weiter
  • Die Welt am Abgrund
  • Auch andere Länder wollen zur Atommacht aufsteigen

Die UDSSR hatte den Wettstreit um die stärkste Bombe für sich entschieden (Teil 1). Nun ging es darum, wie man sie ins Ziel bringen konnte und um die Frage, ob es einen Gewinner geben könnte. Aber auch andere Länder wollten nach dem Zweiten Weltkrieg im Atompoker mitspielen. So füllten sich die Arsenale immer weiter und die Welt stand plötzlich kurz vor der Apokalypse.

Der Wahnsinn der Aufrüstung

Die Sowjetunion hatte dem Westen gezeigt, welche enorme Bombe man zu bauen vermochte. Doch war diese nur eine reine Machtdemonstration, einen praktischen Nutzen sahen selbst die Sowjets nicht. Statt noch größere Bomben zu bauen, konzentrierte man sich nun darauf, sie so zu konstruieren, dass sie transportabel waren. Auch die Amerikaner arbeiteten an Lösungen, um sie möglichst schnell ans Ziel zu bringen. Und auch hier liegen die Wurzeln im Dritten Reich.

Im Zweiten Weltkrieg wurden sie als "Wunderwaffen" durch Hitler angepriesen. Die V1 und die V2. Die V2 Rakete, entwickelt durch den Deutschen Raketeningenieur Wernher von Braun, konnte mit einem bis zu 1000 Kilogramm schweren Sprengkopf bestückt werden und hatte eine Reichweite von 300 Kilometern. Zuerst in Peenemünde an der Ostsee getestet, wurde die Produktion im Laufe des Krieges nach Thüringen verlegt, das gegen Kriegsende zuerst von den Amerikanern erobert wurde. Rasch erkannte man, was man dort vorfand und transportierte alles ab, so schnell es möglich war, bevor man sich wieder zurückziehen musste, denn man befand sich in einem Gebiet, welches der Sowjetunion zugesprochen worden war. Wernher von Braun begab sich mit einigen seiner Mitarbeiter freiwillig in amerikanische Gefangenschaft, wusste er doch um den Wert seiner Arbeit und des Know-Hows, das man an die Amerikaner weitergeben konnte. Entgegen den Befehlen Hitlers hatte er die Ergebnisse seiner Arbeit nicht vernichtet, sondern versteckt. Doch auch die Sowjets erkannten das Potenzial, das sich dort in den geheimen Stollen verbarg. Sie suchten nach weiteren Raketenspezialisten und brachten diese in die UDSSR. So begann, neben dem Programm zur Verbesserung der Atombombe, ein zweites Wettrennen. Von Braun erhielt von den Amerikanern den Auftrag, seine Raketen weiterzuentwickeln. In der Sowjetunion arbeiteten die deutschen Wissenschaftler am gleichen Ziel, und auch dieses Mal schienen die Sowjets das Rennen für sich entscheiden zu können. Denn im Oktober 1957 war im Äther ein "Biep-Biep-Biep" zu hören, was die USA in helle Aufregung versetzte. Die Sowjetunion hatte am 4. Oktober mit Sputnik 1 den ersten Satelliten in eine Erdumlaufbahn geschossen. Damit war klar: Die Sowjets waren in der Lage, die USA von jedem Punkt der Erde mit Raketen zu beschießen. Sofort bewilligte die amerikanische Regierung Gelder in Milliardenhöhe, um den Rückstand aufzuholen.

Doch auch andere Länder arbeiteten an Atomwaffen. 1952 testete das Vereinigte Königreich in Australien erfolgreich seine erste Atomwaffe, 1960 folgte Frankreich. 1964 testeten die Chinesen ihre erste Atombombe, 1974 Indien. Im September 1979 ereignete sich unweit des Kaps der Guten Hoffnung eine Atomexplosion, es wird angenommen, dass dieser von Südafrika mithilfe Israels durchgeführt wurde. Erst im Dezember 1986 wurde bekannt, dass Israel zu diesem Zeitpunkt möglicherweise bis zu 200 Atomwaffen besaß. Doch gegenüber den Arsenalen der beiden Supermächte war die Anzahl der Sprengköpfe gering. Verfügte die USA 1950 "nur" über 369 Atombomben und die UDSSR über 5, so stieg die Anzahl bis 1990 auf 21.211 (USA) und 33.417 (UDSSR). Dazu verfügte die NATO über 1040 Interkontinentalraketen, 632 U-Boot-gestützte balistische Raketen und 325 Bomber. Doch der Warschauer Pakt war auch hier überlegenmmit knapp 1400 Interkontinentalraketen, 945 U-Boot-gestützte Raketen und rund 400 Bombern. Insgesamt also genug, um die gesamte Welt in eine nukleare Wüste zu verwandeln. Der Schrecken des Atomkrieges war allgegenwärtig.

Leben am Rande der Apokalypse

Die Gefahr der Apokalypse stand beständig im Raum. Auch wenn sich der einzige Abwurf von Atombomben während eines Krieges auf Japan beschränkte, so war der Einsatz doch immer möglich. Während des Korea-Krieges, als die Amerikaner sich 1953 unter empfindlichen Verlusten zurückziehen mussten, forderte der damalige Oberkommandierende Douglas MacArthur Präsident Truman zum Einsatz von Atomwaffen auf. Abgeworfen werden sollten sie in China und Teile der Sowjetunion. Truman weigerte sich. Doch 1962 war der Atomkrieg nur einen Wimpernschlag entfernt. Chruschtschow hatte auf Kuba Mittelstreckenraketen aufstellen lassen. Damit war die Gefahr des nuklearen Enthauptungsschlages gegen die USA plötzlich real geworden. Doch auch dies konnte letztlich abgewendet werden. Aber auch andere Zwischenfälle hätten beinahe zum atomaren Krieg geführt. Am 5. Oktober 1960 meldete ein Frühwarnsystem der Amerikaner auf Grönland einen Großangriff durch balistische Raketen. Eine Fehlmeldung, ausgelöst durch einen Fehler im Computersystem, das zwei Nullen aus den Messkomponenten des Radars entfernt hatte. So wurde ein Angriff in 2500 Meilen dargestellt. In Wahrheit handelte es sich um eine Spiegelung des Mondes in 250.000 Meilen Entfernung.

Am 9. November 1979 führte ein Übungstonband zu einer Alarmierung der US-Streitkräfte, welches im Computersystem einen Angriff darstellte. Erst durch die Weltraumüberwachung, welche dies nicht bestätigte, wurde der Irrtum bemerkt. Ein fehlerhafter Computerchip löste 1980 mehrmals falschen Alarm aus. Doch der wohl gravierendste Zwischenfall, der nur Dank der Umsicht eines einzigen Menschen nicht zum Krieg führte, ereignete sich am 26. September 1983. Kurz nach Mitternacht meldete ein sowjetischer Frühwarnsatellit den Angriff von einer Handvoll US-Raketen auf die Sowjetunion. Im Normalfall wäre diese Meldung sofort an die Generalität weitergeleitet worden und hätte zwangsläufig den Vergeltungsschlag zur Folge gehabt. Doch Oberst Stanislaw Petrow fand es merkwürdig, dass nur fünf Raketen für einen Angriff eingesetzt wurden statt der möglichen mehr als 500 und reichte die Meldung nicht weiter. Zum Glück für die Menschheit: Denn Sonne, Satellit und Raketenfelder waren unglücklicherweise so ausgerichtet gewesen, dass die Strahlen der Sonne vom Satelliten falsch identifiziert und als Raketenangriff klassifiziert wurden. Es soll alleine zwischen 1950 und 1968 insgesamt mehr als 1200 Fehlalarme gegeben haben. Die genaue Anzahl wird wohl ein Geheimnis bleiben, aber es zeigt, dass die Welt mehr als einmal kurz vor der Apokalypse gestanden hat.

Doch es existierten auch detaillierte Pläne, die einen möglichen Atomkrieg mit einschlossen. So war der Plan des Warschauer Paktes, einen präventiven, regional begrenzten Atomkrieg in Europa zu führen. Damit wäre die NATO in Westeuropa entwaffnet und handlungsunfähig geworden und die Sowjets hätten ohne große Gegenwehr einmarschieren können. Ein weiterer Plan sah vor, schnell durch Westdeutschland in Richtung Benelux vorzustoßen. Damit würde, so die Überlegung, ein möglicher Nuklearangriff auf westdeutschem Territorium stattfinden. Doch auch die USA hatten ähnlich geartete Pläne in der Schublade. Bei einem Angriff durch die Sowjetunion war Berlin eines der ersten Ziele einer nuklearen Vergeltung. Dass dies nicht nur Ost-Berlin betraf, war den Planern wohl bewusst. Obwohl jedem bewusst sein musste, dass ein Atomkrieg letzten Endes nur Verlierer haben konnte, wurde immer wieder geplant und auch geprobt. Erst mit dem Zerfall der Sowjetunion schien die Gefahr gebannt. Abrüstungsverhandlungen taten ihr Übriges, um den Menschen die Angst vor der Apokalypse zu nehmen. Doch neue Entwicklungen brachten eben genau diese Furcht wieder zurück.