• Insolvenzen von Energieanbietern und Preisexplosion erschüttern den Markt
  • Bei einer Kündigung des Energieversorgers sehr vorsichtig sein
  • Was sind Grundversorger?
  • Der Markt: Die Stromanbieter in Deutschland
  • Wie reagiert die Politik auf die aktuelle Krise?
  • Hier gibt es Unterstützung und Infos

Aufgrund der extremen Schwankungen am Strommarkt kalkulieren viele Stromanbieter ihre Tarife neu. Die ersten Billiganbieter unter den Energieversorgern haben sogar ihren Kunden fristlos gekündigt und Insolvenz angemeldet. Die Lage ist extrem angespannt.

Insolvenzen von Energieanbietern und Preisexplosion erschüttern den Markt

Öffentlich bekannt sind bislang sechs Pleiten bei kleineren Strom- und Gasanbietern:

Der Kreditversicherer Euler Hermes analysierte bereits im Oktober 2021, dass die aktuell hohen Strompreise insbesondere kleine und mittelgroße Energieversorger in Deutschland gefährden. "Da die Terminmarktpreise für Energie auf einem sehr hohen Niveau liegen, könnten einige Verteiler und Versorger mit schwachen Cash-Positionen in den kommenden Monaten in Liquiditätsschwierigkeiten geraten oder sogar zahlungsunfähig werden", warnte der Energie-Branchenexperte bei Euler Hermes, Ano Kuhanathan.

Anstieg der Strompreise

In den letzten Jahrzehnten ist der Strompreis fast durchgängig gestiegen. 2000 lag er noch bei 13,94 Cent pro Kilowattstunde im Durchschnitt. Zwanzig Jahre später sind es bis zu gewaltige 90 Cent pro Kilowattstunde im Grundversorgungstarif in der Spitze. Durchschnittlich liegt der Preis pro Kilowattstunde aktuell bei 34 Cent. Bei den Gaspreisen ist die Lage nicht viel anders.

Eine Herausforderung für die Anbieter ist insbesondere, dass sie an sehr teuren Spotmärkten einkaufen müssen, um ihre Kunden zu beliefern. Mit den Verbrauchern haben sie jedoch oftmals Langzeitverträge mit einer Preisgarantie abgeschlossen, deshalb können sie die Mehrkosten also nicht an ihre Kunden weitergeben. So warb beispielsweise Neckermann Strom mit "bis zu 24 Monaten Preisgarantie". Das ist ihnen jetzt auf die Füße gefallen.

Die Verbraucherzentrale rät zudem zur Prüfung möglicher Schadenersatzansprüche gegenüber dem ehemaligen Anbieter. Auf jeden Fall müsse so schnell wie möglich der Zählerstand abgelesen und dem neuen Versorger mitgeteilt werden, so die Verbraucherschützer.

Bei einer Kündigung des Energieversorgers sehr vorsichtig sein

Viele Stromanbieter geben die jetzt eingetretenen Preissteigerungen an die Verbraucher weiter. 769 Stromgrundversorger erhöhen in diesen Tagen ihre Tarife. Im Durchschnitt betragen die Preiserhöhungen 58,2 Prozent und betreffen rund 4,6 Millionen Haushalte. Für einen Musterhaushalt mit einem Verbrauch von 5.000 kWh bedeutet das zusätzliche Kosten von durchschnittlich 955 Euro pro Jahr.

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Preiserhöhungen auf der Stromrechnung und erhöhte Abschlagszahlungen erleben gerade alle. Deshalb der Rat der letzten Jahre: "Den Stromanbieter zu kündigen lohnt fast immer!", gerne nicht mehr. Denn der Ratschlag ging davon aus, dass die sogenannten Grundversorger, bei denen immer noch die meisten Menschen ihren Strom beziehen (meist Stadtwerke), teurer sind als Alternativen. Doch derzeit ist es genau andersherum: Die Strom-Billiganbieter, die sich darauf verließen, zum Beispiel tagesaktuell an Börsen günstigeren Reststrom aufzukaufen und so am Ende einen guten Schnitt zu machen, sind jetzt häufig teurer, Stadtwerke und andere Grundversorger sind hingegen meist preiswerter. Und das bedeutet für dich:

  • Schau dir genau an, wie groß die Strompreiserhöhung auf deiner Stromrechnung wirklich ausgefallen ist.
  • Prüfe genau, ob ein Wechsel dir wirklich Geld sparen kann.
  • Und wechsle nur dann, wenn du wirklich klar erkennen kannst, dass der Umstieg dir einen Vorteil bringt.

Was sind Grundversorger?

Die Folgen der Kündigungen der Anbieter muss der Verbraucher tragen. Aber: Es gibt keine Versorgungsunterbrechung. Energie fließt also immer, außer man zahlt seine Rechnung nicht. Wer bis jetzt von einem Anbieter beliefert wurde, der nun pleite ist oder nicht mehr liefern kann, wird umgehend an den örtlichen Grundversorger weitergeleitet und von ihm beliefert. Der örtliche Versorger muss einspringen. Den Grundversorger findest du schnell über eine Internetsuchmaschine, wenn du deine Postleitzahl eingibst. Für Strom und Gas kann es in einem Postleitzahlgebiet unterschiedliche Grundversorger geben.

Und es gibt noch ein weiteres Problem: Der Grundversorger stuft den Kunden meist in einen teuren Tarif ein. Hier ist es wichtig, sich über die Tarife zu informieren und gegebenenfalls in einen günstigeren Tarif zu wechseln. Die Ersatzversorgung ist für drei Monate festgeschrieben, dann werden Betroffene automatisch dem Grundversorgungstarif zugeordnet. Verbraucher können in dieser Zeit aber auch zu anderen Anbietern wechseln. 

Viele Stromkunden fühlen sich doppelt bestraft. Erst kündigten Billigstrom-Anbieter ihnen den Vertrag. Daraufhin wechselten sie in die Grundversorgung der regionalen Anbieter - und erlebten dort den nächsten Schock. Die regionalen Versorger heben die Preise an - und zwar kräftig. Laut Berechnungen von Check24 haben 337 Grundversorger spezielle neue Tarife ausschließlich für Kunden eingeführt, die wegen der Kündigung durch andere Versorger nun auf die Ersatzversorgung angewiesen sind. Die Preise seien im Durchschnitt um rund 103 Prozent gestiegen, erklärte das Vergleichsportal gegenüber tagesschau.de.

Der Markt: Die Stromanbieter in Deutschland

34 Prozent der Haushalte in Deutschland sind inzwischen bei alternativen Stromanbietern unter Vertrag. Im vergangenen Jahr wechselten etwas mehr als 1,8 Millionen Haushalte. Der deutsche Strommarkt zeichnet sich mittlerweile durch eine große Stromanbietervielfalt aus. Private Stromkunden haben die Wahl zwischen mehr als 1.100 Stromanbietern mit knapp 15.000 Tarifen. Im Durchschnitt kann ein privater Haushaltskunde an seinem Wohnort unter 167 Stromanbietern wählen. In Ballungsräumen sind es mehr, auf dem Land weniger. Die früher üblich Bindung an einen örtlichen Anbieter ist seit 1998 (Gesetz zur Neuregelung des Energiewirtschaftsrechts) auf Druck der EU aufgehoben. Der in Bamberg wohnende Franke kann also problemlos seinen Strom aus Schleswig-Holstein beziehen.

Zur Liberalisierung der Energiemärkte gibt es auch kritische Stimmen. So analysiert Euler Hermes: Da sich Deutschland "für die Liberalisierung des Energiesektors entschieden hat, um den Verbrauchern Wahlmöglichkeiten zu bieten und Monopole aufzulösen", ergeben sich Risiken. "Außerdem gibt es in Deutschland keine Preisobergrenzen für Versorger, und die Haushalte kaufen Energie auf einem weitgehend unbeaufsichtigten Markt."

Den deutschen Strommarkt dominieren fünf Unternehmen und machen fast 75 Prozent der gesamten Nettostromerzeugung aus: RWE, E.ON, Vattenfall, LEAG und EnBW. Neben konventionell gewonnenem Strom (Kohle, Gas, Atomenergie) können Kunden auch Ökostrom wählen. Dieser wird durch erneuerbare Energiequellen, wie zum Beispiel Wind, Wasser oder Sonne gewonnen. Größter Anbieter in diesem Segment ist LichtBlick SE mit etwa 470.000 Privatkunden.

Wie reagiert die Politik auf die aktuelle Krise?

Zum Schutz vor extremen Preissprüngen beim Strom hat Bundesverbraucherschutzministerin Steffi Lemke von den Grünen die Prüfung neuer Regeln angekündigt. "Die Bundesregierung beobachtet das Verhalten der Marktakteure sehr genau und prüft mögliche regulatorische Schritte", sagte Lemke der dpa in Berlin. Die Verbraucherzentralen schickten bereits mehrere Abmahnungen und kündigten weitere an. "Aktuell haben wir es mit Preisaufschlägen zu tun, die den Strompreis auf bis zu 90 Cent pro Kilowattstunde hochtreiben", sagte Lemke. "Das ist in keiner Weise durch Marktgeschehen zu rechtfertigen." Ein "gewisser Aufschlag" für Neukunden ist nach Einschätzung Lemkes zu akzeptieren, wenn Verbraucherinnen und Verbraucher in die Ersatzversorgung beim Grundversorger fallen und dieser dann Strom kurzfristig teurer einkaufen muss. "Aber eine Verdreifachung oder ähnlich hohe Aufschläge halte ich für absolut unverhältnismäßig", sagte die Grünen-Politikerin. 

Der Energieexperte des Bundesverbands der Verbraucherzentrale, Thomas Engelke, sagte der dpa: "Zahlreiche Strom- und Gasanbieter haben sich trotz vertraglicher Vereinbarungen aus dem Markt zurückgezogen und die Versorgung ihrer Kunden einseitig eingestellt." Lemke betonte: "In letzter Zeit hat es massenhaft Kündigungen von Stromverträgen gegeben, die zum Teil offenbar rechtswidrig sind." Verbraucherzentralen informierten auf ihren Websites darüber umfassend und stellten auch Musterschreiben für Schadenersatzforderungen zur Verfügung.

Leonhard Birnbaum, Vorstandschefs des Energiekonzerns Eon, zeigte sich verärgert über das Verhalten der Stromdiscounter. "Sie haben den Grundversorgern, die nun die Belieferung sicherstellen, die Kunden hingeschmissen und sich aus der Verantwortung gestohlen", sagte er der dpa. Oft müssten Bestandskunden für Neukunden draufzahlen. "Man muss über neue Regeln nachdenken, dass solch ein Verhalten im Sinne der Verbraucher nicht mehr möglich ist."

Hier gibt es Unterstützung und Infos

Ist ein Strom- oder Gasversorger insolvent, sollten die Kunden schnell handeln. Die Stiftung Warentest sagt, was in diesem Fall zu tun ist.

Mehr Infos und Hilfe gibt es auch bei der Schlichtungsstelle Energie e.V., einer unabhängigen Stelle für Schlichtungen von Streitigkeiten zwischen Verbrauchern und Energieversorgungsunternehmen. Sie wird getragen vom Verbraucherzentrale Bundesverband und den Verbänden der Energiewirtschaft.

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