KI ersetzt Jobs: Was das für unsere Zukunft wirklich bedeutet

3 Min

Ein neuer Meilenstein oder der Anfang vom Ende? Mit zunehmendem Einsatz künstlicher Intelligenz steht die menschliche Gesellschaft vor einer Zerreißprobe. Bedeutet technischer Fortschritt durch KI zugleich auch menschlichen Rückschritt?

Technischer Fortschritt ist wesentlicher Bestandteil der menschlichen Evolutionsgeschichte: von den Äckern an die Fließbänder, von dort in die Büros und an die Computer. Geprägt von Innovationen und getrieben vom Ziel stetiger Effizienzsteigerung haben Industrialisierung, Globalisierung und Digitalisierung das Zusammenleben der Menschen in den letzten rund 250 Jahren immer wieder und vor allem schnell verändert. Mit künstlicher Intelligenz ist nun erneut eine Technologie gefunden, die das Potenzial hat, viele Tätigkeiten menschlicher Arbeit zu ersetzen. Ob zum Wohle oder zu ihrem Untergang, darüber wird heftig diskutiert. Legt die KI im Zeitalter der Digitalisierung einen neuen Meilenstein für die menschliche Zukunft oder schafft sich der Mensch mit ihr selbst ab?

Virtuelle Welten: Vom Jäger und Sammler zum Avatar

Mit der Entwicklung von Computerspielen seit den 1970er Jahren verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Virtualität zusehends. Schnellere Prozessoren und leistungsstarke, hochauflösende Grafikkarten sorgen für immer realistischer anmutenden Spielspaß. Die Abbildung dreidimensionaler Räume in Verbindung mit künstlicher Intelligenz lässt letztlich eine Unterscheidung kaum noch zu, was Wirklichkeit ist und was nicht.

Die Technik ist zwischenzeitlich weit fortgeschritten und wird nicht nur im Entertainment eingesetzt. So können sich technische Servicekräfte bspw. virtuell durch komplexe Maschinenanlagen bewegen und Störungen identifizieren. KI-Avatare kommunizieren in natürlicher Sprache mit Menschen. Sie können multilingual Fragen beantworten, Inhalte zusammenfassen und sich dabei individuell auf den Gesprächspartner einstellen. Mittels der humanoiden Gestaltungsform KI-gesteuerter Roboter entsteht zudem ein sehr menschlicher Eindruck.

Was einerseits klingen mag wie das Finden des heiligen Grals, stellt andererseits die Menschheit auch vor große Herausforderungen. Zum einen besteht die soziale und psychologische Gefahr, durch künstlich geschaffene Welten in Abhängigkeit zu geraten und den Bezug zu sich selbst und der (natürlichen) Realität zu verlieren. Zum anderen werden über die Jahrtausende mühsam erlernte kognitive und haptische Fähigkeiten zurückgedrängt. Fähigkeiten, die irgendwann ohne Strom dann vermutlich nur noch rudimentär zur Verfügung stehen.  

Innovation und Effizienzgewinne in Zeiten von Krieg?

Das Weltwirtschaftswachstum macht keine hohen Sprünge mehr. Politische Instabilitäten und Kriege, das vermehrte Aufkommen protektionistischer Zollpolitik, Inflation, Schulden und Zinslasten sowie steigende Arbeitslosigkeit und Kaufzurückhaltung sind Zutaten für ein Wirtschaftsklima, das kein Höher, Schneller und Weiter mehr kennt. Es scheint zumindest, dass das selbstgeschaffene, kapitalistisch geprägte Wirtschaftssystem sich langsam aber sicher selbst die Luft zum Atmen nimmt.

Weil Allianzen brechen, wirtschaftliche Rückstände aufgeholt werden und sich in anderen Nationen jenseits der westlichen Welt ein neues Anspruchsdenken entwickelt, verrücken hierzulande gewohnte und liebgewonnene Lebensrealitäten. Zudem setzt sich zunehmend eine Gemeinschaft von Menschen in Bewegung, die vom Rest der Welt vergessen wird.

Migration war schon immer ein Teil der Menschheit, der letztendlich nicht aufzuhalten war. Nicht zu vergessen, dass wir auch dem Raubbau an natürlichen Ressourcen und der Verschlechterung der Umweltbedingungen (Luft, Wasser, Klima) insbesondere in den letzten 200 Jahren immer spürbarer Tribut zollen müssen. Inwieweit dabei der Ausbau erneuerbarer Energieformen die energieintensive KI dauerhaft im Futter halten kann, bleibt abzuwarten.

Fortschritt oder Rückschritt?

Auf einer Zeitachse betrachtet, lässt es sich sehr anschaulich darstellen, mit welch zunehmender Geschwindigkeit sich die Menschheit sowie die von ihr maßgeblich beeinflussten Lebensbedingungen verändert haben. Brauchte es zu Beginn tausende von Jahren der Entwicklung, sind es heute nur kurze Zeitintervalle von wenigen Jahren, die völlig veränderte Anforderungen und Lebensrealitäten entstehen lassen. Mit Rückblick auf die letzten 250 Jahre hat technischer Fortschritt letztlich einzigartigen Wohlstand geschaffen, der heute weltweit (ungleich verteilt) existiert.

Globalisierung und Digitalisierung haben die Welt fast lückenlos miteinander verbunden, sodass ein undurchdringliches Netz von Abhängigkeiten und Interessenkonflikten entstanden ist. Der digitale Dreiklang aus Internet, sozialen Medien und KI schafft auf der einen Seite enorme Effizienzgewinne, mindert aber andererseits auch durch Ablenkung und Übersättigung die individuelle Produktivität am Arbeitsplatz. Bewusste Falschmeldungen untergraben Vertrauen und Glaubwürdigkeit. Aggressive und verachtende Kommentare in sozialen Medien sind Ausdruck niedriger Hemmschwellen für psychische wie auch physische Gewalt und haben täglich wahrzunehmend negative Folgen für das soziale Miteinander.

Ob technischer Fortschritt zugleich menschlichen Rückschritt bedeutet, ist daher sowohl eine Frage der Perspektive als auch eine Frage der Zeit. Zumindest bleibt den Menschen heute deutlich weniger Zeit, sich den Veränderungen des Fortschritts anzupassen. Eine geistige, soziale und gut ausgebildete Elite, die technischen Fortschritt forciert, lässt immer schneller immer mehr Menschen zurück, sodass die Segnungen zunehmend ungleich verteilt werden. Am Ende des Tages wird eine die Menschheit einholende Realität vermutlich schonungslos aufzeigen, ob wir das Rennen um Wohlstand unter lebenswerten Umweltbedingungen gewinnen können oder verlieren werden.  

Vorschaubild: © Nitcharee/AdobeStock