"Player der Zukunft": Millionen schauen kein TV mehr - sondern diese Alternative

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Warum YouTube so wächst und dem Fernsehen den Rang abläuft
In Deutschland verwenden rund 70,9 Millionen Nutzer jeden Monat YouTube - Tendenz steigend. Die Zahl der TV-Zuschauer sinkt hingegen. Besonders die junge Zielgruppe schaut immer weniger Fernsehen.
Warum YouTube so wächst und dem Fernsehen den Rang abläuft
Lino Mirgeler/dpa

Fast unbemerkt ist YouTube zum Superstar aufgestiegen. Die Folgen für TV und Streaming sind schon überall zu spüren. Das ist erst der Anfang für einen der größten Umbrüche in der Unterhaltungsbranche.

Wenn Ende Februar die neue Staffel der TV-Show "Let’s Dance" beginnt, dann sind die mehr oder weniger ungeschickten Tanzbewegungen der Prominenten direkt auch auf einem YouTube-Kanal zu sehen. Seit einem Jahr setzt der Kölner Privatsender RTL auf der US-Plattform "gezielt" eigene "Business Channels" als "neuen Erlösstrom" ein. So sollen mehr Einnahmen und neue Zielgruppen erreicht werden.

Der Kanal der RTL-Actionreihe "Alarm für Cobra 11" beispielsweise erzielt bei manchen Episoden mehr als 700.000 Aufrufe auf YouTube. Das ist immerhin etwa die Hälfte dessen, was der Krimi zuletzt im linearen Fernsehen an Zuschauern versammelt hat - wahrlich nicht zu vernachlässigen.

YouTube mit großem Wachstum - besonders bei junger Zielgruppe

"Sie sind für uns Partner und Wettbewerber", sagt der zuständige RTL-Manager Oliver Schablitzki mit Blick auf die amerikanische Videoplattform. Schablitzki spricht im Interview der Deutschen Presse-Agentur von einem "weiteren Baustein" der "Wachstumsstrategie".

Tatsächlich ist für RTL und andere Sender die Plattform durchaus ein Konkurrent, weil das TV-Publikum weltweit in Scharen zu YouTube wechselt: 2,5 Milliarden Nutzer pro Monat. Mehr als eine Milliarde Stunden Video werden täglich gestreamt. In Deutschland nutzen laut Agentur Kontor4 etwa 70,9 Millionen Menschen jeden Monat YouTube.

In den Vereinigten Staaten ist die Entwicklung weiter fortgeschritten: 90 Prozent aller 18- bis 34-jährigen Amerikaner konsumieren im Monatsverlauf Inhalte auf der Plattform - weit mehr als jemals ein Fernsehsender erreichen könnte. Selbst die Oscar-Verleihung, ein klassisches TV-Ereignis, wird demnächst zuerst auf YouTube zu sehen sein.

Ausspielweg und Konkurrenz zugleich

Die wirtschaftlichen Konsequenzen dieser Entwicklung sind enorm. Beim Londoner Marktforschungsunternehmen Ampere Analysis ist man sich sicher, dass "die traditionellen Geschäftsbereiche wie Fernsehen oder Kino alle unter Druck stehen, während Online-Plattformen wie YouTube und TikTok aufsteigen".

Den Gesamtmarkt von 800 Milliarden Dollar weltweit teilen sich beide Bereiche noch fast zu gleichen Teilen. Aber die Einschätzung von Guy Bisson bei Ampere Analysis lautet: Die eine Hälfte wird weiter zurückgehen, die andere weiterwachsen. Und das löst jetzt schon deutliche Verwerfungen aus. Die Folge sind Einnahmeverluste und Stellenabbau bei einer Reihe deutscher Privatsender.

Doch auch die über den Rundfunkbeitrag finanzierten Öffentlich-Rechtlichen stehen unter Druck, schon allein wegen ihrer überalterten Zuschauerschaft. YouTube soll ihnen mehr Reichweite verschaffen. "Wir erreichen mit wertvollen Inhalten schnell und in großer Zahl die Teile unseres Publikums, die kaum noch fernsehen oder Radio hören", heißt es vom WDR. "Bei Veränderungen der weltpolitischen Lage funktioniert das oft sehr gut. Als es zum Umsturz in Syrien kam, haben wir eine Doku zu den Assads aus unserem Archiv bei YouTube eingestellt und hatten in wenigen Tagen Nutzer im Millionenbereich."

Kontrolle über den Zugang

Die Tendenz erscheint eindeutig: "Die Plattformen YouTube und TikTok werden im Fernseh- und Videobereich die größten Player der Zukunft sein", so die Einschätzung des Kölner Film- und TV-Produzenten Michael Souvignier ("Der Medicus 2") zu einer dpa-Anfrage mit Blick auf die aktuelle Entwicklung. So klar wie Souvignier äußern sich TV-Verantwortliche jedoch eher selten, möglicherweise um den eigenen Bedeutungsverlust nicht noch weiter zu betonen oder um die Megaplattform nicht zu verärgern.

Kurios: YouTube als Unternehmen produziert selbst keine Inhalte und betrachtet sich, so Europachef Pedro Pina, als "Ökosystem", in dem sich Inhalte-Produzenten ein eigenes Unternehmen aufbauen können. Dabei hat die Plattform eine Monopolstellung inne: YouTube gehört zum US-Konzern Google, und Google schaltet selbst Werbung, vermittelt aber auch zwischen Werbetreibenden und denen, die den Platz dafür online bereitstellen.

Die Verantwortlichen beteuern zwar immer wieder, dass die Auffindbarkeit und das Ranking von Inhalten nur durch das Interesse der Nutzerschaft gesteuert würden. Nachprüfen lässt sich das bisher jedoch nicht. ARD-Programmdirektorin Christine Strobl warnt daher im dpa-Interview: "Neben den Empfehlungslogiken, die nur bedingt zu unserem Auftrag passen, besteht die Gefahr, zu abhängig von Algorithmen und Geschäftsinteressen eines globalen Konzerns zu werden."

Besorgniserregender Trend

Und möglicherweise erschweren nicht nur wirtschaftliche Interessen den Zugang zu Inhalten, sondern auch ideologische: Aktuell scheinen in den Vereinigten Staaten Politik und Big-Tech-Unternehmen wie Google zu einer Allianz in einer ganz neuen Dimension zu verschmelzen. Das verursacht auch beim WDR Besorgnis: "Ein Thema, dass die Redaktionen beschäftigt, sind sogenannte Shadow Bans. Wenn ein Film gegen die Interessen und Vorgaben YouTubes steht, haben Redaktionen den Eindruck, dass er weniger prominent ausgespielt wird. Manchmal werden Inhalte nicht richtig zugeordnet in passende Kategorien, was Sichtbarkeit erschwert."

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