Neues Rentengesetz: Darum profitieren manche von der Reform – und andere nicht

Deutschland plant die Einführung einer Kapitalrente als Teil der Rentenreform ab 2028. Das neue Modell soll die gesetzliche Rentenversicherung entlasten und bringt Chancen sowie Risiken für Arbeitnehmer und Unternehmen mit sich.

Der demografische Wandel hat das Fundament der gesetzlichen Rentenversicherung in Deutschland nachhaltig erschüttert. Immer weniger Beitragszahler müssen immer mehr Rentner finanzieren. Die Antwort der Bundesregierung auf diesen strukturellen Druck trägt den Namen Kapitalrente – ein Modell, das einen Teil der Rentenbeiträge nicht mehr direkt an heutige Rentenempfänger weiterleitet, sondern am Kapitalmarkt anlegt.

Laut dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales basiert die Kapitalrente als Teil der großen Rentenreform 2026 auf 33 Empfehlungen der Alterssicherungskommission, die am Montag (23. Juni 2026) an Bundeskanzler Friedrich Merz und Arbeitsministerin Bärbel Bas übergeben wurden. Der Koalitionsausschuss beschloss am Mittwoch (2. Juli 2026), alle 33 Empfehlungen vollständig umzusetzen. Das Gesetzgebungsverfahren soll nach der parlamentarischen Sommerpause beginnen – ein Abschluss bis Ende 2026 ist das erklärte Ziel der Bundesregierung, gilt laut der Stuttgarter Zeitung angesichts der rechtlichen Komplexität jedoch als ambitioniert.

Kapitalrente ab 2028: Aufbau und Funktionsweise des neuen Modells

Ab 2028 zahlen Arbeitgeber und Beschäftigte zusätzlich zur bestehenden Umlagerente einen Teil ihres Bruttoeinkommens in einen öffentlichen Fonds ein – als Ergänzung, nicht als Ersatz. Laut den Plänen der Rentenkommission beträgt der Beitrag zum Start je 0,5 Prozent des Bruttoeinkommens und steigt in jährlichen Schritten bis 2031 auf je ein Prozent, sodass insgesamt zwei Prozent in den Kapitalstock fließen. Für einen Arbeitnehmer mit 3500 Euro Bruttolohn bedeutet das dem Nachrichtenportal news.de zufolge einen Zusatzbeitrag von rund 35 Euro pro Monat, sobald die Reform vollständig greift.

Die Erträge sollen laut Rentenkommission das Rentenniveau der heute Jüngeren ab etwa 2040 spürbar steigen lassen – für Beschäftigte kurz vor dem Ruhestand ist mit einem nennenswerten Effekt hingegen kaum zu rechnen.

Ergänzend zur Kapitalrente ist die sogenannte Frühstart-Rente bereits beschlossen: Kinder zwischen sechs und 18 Jahren erhalten monatlich zehn Euro steuerfrei auf ein persönliches Altersvorsorgedepot – der erste Jahrgang bekommt den Betrag rückwirkend ab Januar 2026. Die Rentenkommission empfiehlt ausdrücklich, die Frühstart-Rente mit der gesetzlichen Kapitalrente zu verzahnen, um besonders lange Ansparzeiten zu ermöglichen.

Das Vorbild Schweden und ein möglicher deutscher Staatsfonds

Als Orientierungsmodell dient das schwedische System: Der staatliche Standardfonds AP7 Såfa läuft seit dem Jahr 2000 und wird mit 2,5 Prozent der Rentenbeiträge gespeist. Dem Nachrichtenportal t-online zufolge erzielte er zwischen 2000 und 2025 im langjährigen Durchschnitt rund elf Prozent Rendite pro Jahr – bei Verwaltungskosten von nur 0,05 Prozent.

Für Deutschland ist ebenfalls ein Staatsfonds vorgesehen, der das Kapital der Versicherten zu Kosten von maximal 0,1 Prozent pro Jahr anlegen soll. Als konkreter Kandidat für das Fondsmanagement gilt der KENFO – der staatliche Fonds zur Finanzierung der kerntechnischen Entsorgung. Der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zufolge hat KENFO-Vorstandsvorsitzende Anja Mikus öffentlich signalisiert, dass ihr Haus für diese Aufgabe bereit sei: "Wir haben jetzt die Plattform dafür und wir haben die Kompetenz dafür", so Mikus.

2025 erzielte der Fonds eine Rendite von 6,2 Prozent, im ersten Halbjahr 2026 legte er trotz Marktturbulenzen um weitere 7,9 Prozent zu. Die politische Entscheidung über das Fondsmandat soll die Bundesregierung voraussichtlich im Herbst 2026 treffen.

Renditechancen und Zinseszinseffekt: Was die Kapitalrente leisten kann

Befürworter des Modells verweisen auf die historische Stärke der Aktienmärkte. Laut dem Deutschen Aktieninstitut erzielte ein 20-jähriger DAX-Sparplan im Schnitt rund acht Prozent Rendite pro Jahr – und das trotz Dotcom-Blase, globaler Finanzkrise und Euro-Schuldenkrise. Stephan Leithner, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Börse AG, bewertet das Modell positiv: "Den Kapitalmarkt nach schwedischem Modell in die gesetzliche Rentenversicherung einzubeziehen, ist der große Wurf, der nötig war", so Leithner.

Die potenziellen Vorteile des Modells im Überblick:

  • Investitionen in global diversifizierte Aktien und Indexfonds bieten höhere Renditechancen als das Umlagesystem allein
  • Der Zinseszinseffekt entfaltet bei langer Ansparzeit eine erhebliche Wirkung – laut dem Finanzmagazin FundResearch wächst aus sieben eingezahlten Monatsgehältern bei fünf Prozent Rendite über 30 Jahre mehr als das Doppelte
  • Die geplanten Fondskosten von 0,1 Prozent pro Jahr liegen deutlich unter denen vergleichbarer privater Anlageprodukte
  • Junge Menschen profitieren durch die Frühstart-Rente von einem staatlich geförderten Einstieg in die Altersvorsorge

Doppelbelastung und strukturelle Risiken für bestimmte Bevölkerungsgruppen

Nicht alle Fachleute teilen den Optimismus. Kommissionsmitglied Peter Bofinger räumte gegenüber der Tageszeitung taz ein, die Kapitalrente sei beim Gesamtkompromiss "tatsächlich das Hauptproblem". In der Übergangsphase müssten Beschäftigte gleichzeitig ins Umlagesystem und in den neuen Kapitalstock einzahlen – eine spürbare Doppelbelastung. Christian Machts, Country Head Deutschland und Österreich beim Vermögensverwalter Franklin Templeton, benennt das Grundprinzip klar: "Sie ergänzt das bisher überwiegend umlagefinanzierte Rentensystem um ein kapitalmarktorientiertes Element", erklärt Machts auf Anfrage des Portals news.de – und genau das bedeutet in der Aufbauphase: mehr Beitrag, bevor der Ertrag fließt.

Ein weiteres strukturelles Problem betrifft Erwerbsunterbrechungen. Bei Elternzeit, Arbeitslosigkeit, Krankheit oder der Pflege von Angehörigen fehlen für die Kapitalrente bislang Ausgleichsregelungen – obwohl der offizielle Abschlussbericht der Alterssicherungskommission (als PDF) genau darauf hinweist. Anders als bei der klassischen Umlagerente, die etwa Kindererziehungszeiten als Rentenpunkte anrechnet, sind solche Mechanismen für die Kapitalrente noch nicht vorgesehen. Wer früh im Berufsleben weniger einzahlt, verliert dabei nicht nur Beiträge, sondern auch deren Wertentwicklung über Jahrzehnte. Besonders deutlich wird die soziale Schieflage bei Geringverdienenden: Das Sozialrechtsportal gegen-hartz.de analysiert, dass der tatsächliche Nettovorteil für Menschen, die ohnehin auf Grundsicherung angewiesen sind, nahe null liegen kann – weil die Kapitalrente auf staatliche Leistungen angerechnet wird.

Wer profitiert – und wer weniger:

  • Gut verdienende Arbeitnehmer mit langer, ununterbrochener Erwerbsbiografie profitieren am stärksten
  • Geringverdienende laufen Gefahr, dass ihre Kapitalrente vollständig auf die Grundsicherung angerechnet wird
  • Menschen mit Erwerbsunterbrechungen zahlen weniger ein und verlieren zusätzlich die entgangene Wertentwicklung

Wirtschaftliche Kosten und kritische Stimmen

Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger warnte vor einer "massiven Mehrbelastung von mehr als 40 Milliarden Euro pro Jahr" für Unternehmen und Beschäftigte. Noch konkreter fällt die Warnung einer aktuellen Studie des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) und des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung aus: Dem Nachrichtenportal bürgergeld.org zufolge könnte die Kapitalrente in der Aufbauphase bis zu 250.000 Arbeitsplätze kosten – bevor sie Rentnerinnen und Rentnern überhaupt mehr Geld bringt. Die Hans-Böckler-Stiftung kritisiert zudem "auffällig optimistische Annahmen" bei den zugrunde liegenden Renditeerwartungen. Hinzu kommt das systemimmanente Marktrisiko: Börsenschwankungen können angesparte Mittel kurzfristig erheblich mindern – ein Risiko, das im Umlagesystem in dieser Form nicht existiert.

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