Die Diskussion gehört zu einer der merkwürdigen Eigenheiten der Corona-Pandemie: Ist ein Mensch nun an oder "nur" mit Corona gestorben? Während diese Frage früher vor allem die direkten Angehörigen des oder der Verstorbenen interessiert hätte, wurde sie in der Pandemie zum Politikum. Ist Corona wirklich so schlimm? Oder werden die Auswirkungen der Erkrankung überschätzt? Sind beziehungsweise waren die Corona-Maßnahmen angesichts einer relativ niedrigen Sterblichkeit nicht völlig überzogen? 

Tatsächlich hat die Diskussion aber auch noch eine zweite Ebene: Denn Deutschland hat ein Problem bei der Erfassung medizinischer Daten. Die strengen Datenschutzauflagen in der Bundesrepublik, die Probleme einer föderalen Struktur und nicht zuletzt bürokratische Hürden führen dazu, dass verlässliche Zahlen oft fehlen - nicht nur bei Corona. Beispielsweise gibt es in Deutschland kein zentrales Impfregister. Ohne ist es aber schwer möglich, den Erfolg der Impfkampagne oder Probleme durch Impfnebenwirkungen zu beurteilen. 

An oder mit Corona: Die Zahlen des RKI sind ungenau

Doch dies sind vor allem akademische Probleme. Hier geht es um Fehler und Unsicherheiten im niedrigen Prozentbereich - nicht um massive Abweichungen. Das mag für Mediziner und andere Experten von Belang sein - aber kaum für den Otto Normalverbraucher. Gesellschaftlich wird hingegen eine andere Diskussion geführt: Corona-Leugner und -Skeptiker behaupten seit Monaten, dass deutlich weniger Menschen an Covid-19 sterben würden, als offiziell genannt werden

137.184 Menschen sind bisher (Stand 12.05.2022, Daten RKI) in Deutschland an oder mit Covid-19 gestorben. Die Behauptung der Corona-Skeptiker ist nun, dass ein Großteil dieser Menschen eigentlich an einer anderen Erkrankung gestorben sei. Auf die Spitze getrieben: Wenn jemand bei einem Autounfall stirbt, während er an Covid-19 erkrankt war, ist er dann ein Corona-Toter? Theoretisch könnte dies in den Zahlen des Robert-Koch-Instituts (RKI) so sein. Großes Aber: nur theoretisch. Denn das RKI erfasst alle Daten, die von den Gesundheitsämtern weitergeben wurden. Dort müsste dann aber jemand entscheiden, dass die Corona-Erkrankung direkt im Zusammenhang mit dem Tod steht und dies so auf dem Todesschein vermerken.

Aber zumindest kann es tatsächlich dazu führen, dass Tote in die Statistik einfließen, die man als Laie eher nicht als Corona-Tote zählen würde. Anders sieht es jedoch bei den Zahlen des Statistischen Bundesamts aus. Dort wird explizit getrennt zwischen Menschen, die an Corona gestorben sind und jenen, bei dem die Corona-Infektion nur eine Begleiterscheinung war. Wichtigste Datenbasis der Todesursachenstatistik ist der sogenannte vertrauliche Teil der Todesbescheinigung, welche "die leichenschauenden Ärztinnen und Ärzte bei jedem Sterbefall ausfüllen", wie das Statistische Bundesamt erklärt. Damit bilden diese Zahlen die Pandemie genauer ab, als jene des RKI. Allerdings liegen sie aufgrund der aufwendigen Erhebung und Aufbereitung auch erst mit erheblicher Verzögerung vor - momentan (Stand 22.05.2022) bis zum Mai 2021

Statistisches Bundesamt zeigt Abweichung  

Bis einschließlich Mai 2021 sind 84.052 Menschen in Deutschland an - nicht mit - Covid-19 gestorben. Laut RKI waren es im selben Zeitraum 90.131 Menschen, die an oder mit Corona starben. Anders ausgedrückt: Nur bei etwa 7 Prozent aller Fälle ist nicht klar, ob das Coronavirus einen Einfluss auf den Tod eines Patienten oder einer Patientin hatte. Rechnet man dies hoch, dann dürfte die Zahl der Menschen, die bis jetzt sicher an Covid-19 gestorben sind, ungefähr bei 127.000 liegen.  Bei weiteren 10.000 Menschen könnte die Coronainfektion hingegen "nur" eine Begleiterscheinung des Todes gewesen sein. Das mag nun für Experten ein ärgerlicher Fakt sein - von einer großen Verschwörung rund um die Coronazahlen kann jedoch keine Rede sein. 

Das zeigt noch eine dritte Zahl: Denn das Statistische Bundesamt wertet auch noch die Übersterblichkeit aus. Das heißt, hier wird nicht darauf geschaut, was auf den Todesscheinen steht. Vielmehr wird untersucht, wie viele Menschen in einem Zeitraum gestorben sind - und wie viele Menschen in früheren Jahren im selben Zeitraum gestorben sind. Was zunächst wie eine grobe Schätzung wirkt, erweist sich häufig als sehr genau. Zahlen zu Grippe-Toten werden beispielsweise hauptsächlich über diesen Weg erfasst und ausgewertet.   

Der Vorteil dieser Methode: Sie ist unabhängig von einzelnen Personen und Institutionen, die Daten erfassen müssen (beispielsweise den Gesundheitsämtern) und damit objektiver. Eine Dunkelziffer gibt es nicht. In dieser Statistik würde man also den Einfluss der Corona-Pandemie erkennen, selbst wenn niemand jemals auch nur einen Corona-Toten direkt gezählt hätte. Und die Zahlen sind hier deutlich: Im Jahr 2022 lag die Zahl der Todesfälle im Durchschnitt noch um 5 Prozent höher. Zum Höhepunkt der Delta-Welle im November 2021 (22 Prozent) und Dezember 2021 (24 Prozent) starben deutlich mehr Menschen in Deutschland, als im Durchschnitt der Vorjahre. Und das, obwohl beispielsweise die Grippe im vergangenen Jahr kaum eine Rolle gespielt hat. 

Hohe Dunkelziffer bei Corona-Toten?

Am extremsten zeigt sich das in der Kalenderwoche 48 im Jahr 2021 (vom 29.11. bis zum 5.12. 2021): Damals starben in Deutschland 24.110 Menschen - knapp 6000 Menschen mehr als im langjährigen Durchschnitt (18.336). Offiziell starben in dieser Zeit aber "nur" 2780 Menschen an Corona. 

Die Analyse zeigt: Die Zahlen zu den Corona-Toten sind sicher mit Vorsicht zu genießen. Die Vermutung, es würden deutlich zu viele Menschen als Corona-Tote gezählt, lässt sich jedoch nicht halten. Im Gegenteil: Gerade in der Hochphase der Pandemie lagen die Sterbezahlen deutlich höher als in den Vorjahren. Es ist also eher davon auszugehen, dass es eine Dunkelziffer an nicht gezählten Corona-Toten gibt.