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LKR Kitzingen
Natur

Das geheime Leben der Wildbienen

Sie leben nah bei uns, aber oft völlig unbemerkt. Die Welt der Wildbienen und -wespen fasziniert nicht nur Biologin Ann-Kathrin Bröger.
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Ein Mauerbienenmännchen   auf einer Goldmargerite. Andreas Müller
Ein Mauerbienenmännchen auf einer Goldmargerite. Andreas Müller
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Wer sich je gefragt hat, ob es ein Paralleluniversum gibt - nach einem Gespräch mit Ann-Kathrin Bröger ist man sicher: Ja. Dann schnappt man sich eine Sitzgelegenheit, macht sich damit auf in den Garten, an den Wegrain oder auf die Wiese und sieht zum ersten Mal bewusst, was eine Kuckucks-, Masken- oder Zottelbiene ist und was sie überhaupt so treibt.

Je nachdem, wo man hingeht, welche Pflanzen und welche Böden es in der Umgebung gibt, lernt man ganz verschiedene Wildbienen kennen. Auch Hummeln gehören zu den Wildbienen. Sie sind oft die einzigen Artvertreter, die wir Menschen problemlos erkennen. Dabei leben insgesamt über 560 wilde Bienenarten in Deutschland.

Wildbienen sind keineswegs verwilderte Honigbienen. Sie bilden meist keine Staaten, sondern sind von Natur aus Einzelgänger. Jedes Weibchen legt sein eigenes Nest an - die Hälfte der Arten tut dies im Boden, die andere Hälfte an Steinen, in Totholz, Bambus- und Schilfröhrchen. Die Winzigsten sind nur wenige Millimeter lang und unauffällig gefärbt, so dass man sie leicht mit Fliegen verwechseln kann. Andere, wie die Holzbiene, sind pechschwarz und mehrere Zentimeter lang. Es gibt welche, die der Honigbiene des Imkers ähnlich sehen. Wieder andere lassen mit ihrer Schwarz-Gelb- oder Schwarz-Rot-Zeichnung an die Gemeine Wespe denken.

"Weite Teile Frankens sind vergleichsweise trocken und warm. Das macht eine große Artenvielfalt möglich", erklärt Ann-Kathrin Bröger. Die 29-Jährige ist seit kurzem in der Unteren Naturschutzbehörde am Kitzinger Landratsamt tätig. Sie sagt: "Obwohl ich Biologie studiert habe, wusste ich jahrelang nicht viel über Wildbienen." Doch dann unterstützte die gebürtige Uffenheimerin eine Doktorandin bei ihrer Forschung für die Doktorarbeit. Und plötzlich war sie "wie angestochen": vollauf begeistert vom geheimen Leben der "kleinen Wilden". "Sobald man anfängt, sich mit ihnen zu beschäftigen, denkt man ständig: 'Wahnsinn, was die alles machen!'"

Die einen mörteln Lehmnester, andere nutzen Käfergänge im Totholz oder beißen zentimeterlange Öffnungen als Niströhren ins Holz. Stets sammelt das Weibchen Pollen als Eiweißquelle für die Brut. "Für jede Brutzelle muss die Biene den Blütenstaub, also Pollen, von 30 und mehr Blüten herbeischaffen - das ist zugleich eine unglaubliche Bestäubungsleistung!" Die Wildbiene vermischt Pollen und Nektar und legt auf dieses "Pollenbrot" ein Ei. Dann verschließt sie die Brutröhre mit einer Zwischenwand und baut gleich die nächste Brutzelle an. "So legt sie viele Kinderstübchen nacheinander an: die Jungs zuletzt."

Die Jungs? "Ja! Bienen können entscheiden, ob ihr Nachwuchs männlich oder weiblich wird. Weibliche Eier werden befruchtet, männliche nicht. Die Männchen schlüpfen eher, deshalb werden sie in die vordersten Brutzellen gesteckt." Aus den Eiern entwickeln sich Larven und nach der Verpuppung - meist über den Winter - schlüpfen die Bienen. Als fertiges Insekt leben sie nur drei bis sechs Wochen - die unterschiedlichen Arten allerdings zu ganz unterschiedlichen Zeitpunkten zwischen Frühling und Herbst.

Um möglichst viele beobachten zu können, braucht es im Garten offene, besonnte Bodenstellen, Steinkanten, Überhänge, einen Sandhügel sowie Totholz zum Nisten. Und ein vielfältiges Nahrungsangebot: "Bei mir auf dem Balkon blühen Blumen, die andere als Unkraut bezeichnen würden, Löwenzahn zum Beispiel oder Disteln - die hocken voller Hummeln!" Wildbienen sind oft an ganz spezielle Pflanzen angepasst. Etwa die Mohnbiene: "Das ist ein wunderschönes Bienchen, das seinen Nachwuchs in Klatschmohn-Blätter einwickelt und Kornblumen als Nahrung braucht."

Diese Spezialisierung in Sachen Pollen, Nektar, Nistplatz und Nistmaterial macht die Wildbienen aber auch anfällig. Viele Arten sind bedroht. Dabei stehen Wildbienen in Deutschland eigentlich unter besonderem Schutz. "Das Problem ist, dass sie nicht weit fliegen. Ihr Lebensraum begrenzt sich oft auf wenige Hundert Meter. Deshalb ist es ganz wichtig, dass man im Garten etwas für sie tut!"

Ob das auch gekaufte Nisthilfen - "Insektenhotels" - sein können? "Manche sind sehr schlecht. Wenn die Holzröhren oder Stängel vorne ausgefranst sind oder Splitter wegstehen, reißen sich die Bienen die Flügel auf und sterben." Deshalb rät Ann-Kathrin Bröger, nur sauber gebohrte Röhrchen bereit zu stellen - quer zur Faser gebohrt, also nicht in die Stirnseite des Holzes. "Sonst wird die gut gemeinte Nisthilfe eine tödliche Falle."

Zu große Löcher meiden die Bienen. "Bienen wollen gerade so in ihre Niströhren passen." Das kleine Maskenbienchen braucht nur zwei, drei Millimeter Durchmesser, die Rote und die Gehörnte Mauerbiene bis zu neun Millimeter.

Nisthilfen seien unter dem Aspekt der Umweltbildung generell eine gute Sache, weil man die Bienen hier gut beobachten kann. "Eine Unterstützung für die besonders bedrohten Bodenbrüter-Arten können sie aber naturgemäß nicht sein." Mit natürlicher Gartengestaltung kann man aber auch diesen Rote-Liste-Tierchen helfen. Ann-Kathrin Bröger stellt fest: "Das Wort Totholz klingt total falsch. In Totholz ist so viel Leben! Das ist ein Hotspot für die Insektenwelt."

Wildbienen und -wespen bedanken sich auf ihre Art bei Menschen, die ihnen Lebensraum geben. Zum einen sind sie tolle Beobachtungsobjekte, zum anderen jagen Wespen Schädlinge. "Bienen sind Vegetarier, Wespen Fleischfresser. Die meisten sind trotzdem harmlos und nicht aggressiv. Aber total nützlich! Sie vertilgen Blattläuse, Zikaden, Käferlarven." Ann-Kathrin Brögers Lieblingswespe, die kleine Grabwespe "Passa-loecus", fängt für eine einzige Brutzelle 30 Blattläuse. "Einen besseren Schädlingsbekämpfer kann man sich nicht wünschen!" Fragen? Die Naturschutz-Beauftragten an den örtlichen Landratsämtern antworten gern. Auch Ann-Kathrin Bröger ist per Mail erreichbar:

ann-kathrin.broeger@kitzingen.de