• Welche Symptome können bei Kindern und Jugendlichen auf eine Depression hinweisen?
  • Welche Ursachen stecken dahinter? 
  • Wie sollte man sich verhalten, wenn man Anzeichen beobachtet? 
  • Welche professionelle Unterstützung gibt es?
  • Womit kann man selbst helfen?

Jedes vierte Kind leidet an psychischen Auffälligkeiten - das zeigen die Ergebnisse einer Studie der DAK aus dem Jahr 2019. Durch die Corona-Pandemie hat sich die Lage verschärft: Soziale Isolation, fehlende Alltagsstruktur und Ängste schlagen sich besonders in der Psyche von Heranwachsenden nieder. Wie kann man feststellen, ob sich eine behandlungsbedürftige Erkrankung wie etwa eine Depression entwickelt hat? 

Welche Symptome können bei Kindern und Jugendlichen auf eine Depression hinweisen?

Depressionen bei Heranwachsenden zu erkennen ist schwieriger als bei Erwachsenen. Das liegt zum Beispiel daran, dass die Symptome je nach Altersstufe verschieden ausfallen. Besonders zwischen Kindern und Jugendlichen bestehen große Unterschiede: 

  • Kleinkinder (circa 1-3 Jahre): vermehrtes Weinen; ausdrucksarmes Gesicht; erhöhte Reizbarkeit; überanhänglich; Kind kann schlecht alleine sein; selbststimulierendes Verhalten: Schaukeln des Körpers, exzessives Daumenlutschen; Teilnahmslosigkeit; Spielunlust oder auffälliges Spielverhalten; gestörtes Essverhalten; Schlafstörungen
  • Vorschulalter (circa 3-6 Jahre): trauriger Gesichtsausdruck; verminderte Gestik und Mimik; leicht irritierbar; stimmungslabil; auffällig ängstlich; mangelnde Fähigkeit, sich zu freuen; Teilnahmslosigkeit und Antriebslosigkeit, introvertiertes Verhalten; vermindertes Interesse an motorischen Aktivitäten; innere Unruhe und Gereiztheit; unzulängliches oder auch aggressives Verhalten
  • Schulkinder (circa 6-12 Jahre):  verbale Berichte über Traurigkeit; Denkhemmungen; Konzentrationsschwierigkeiten und Gedächtnisstörungen; Schulleistungsstörungen; Zukunftsangst, Ängstlichkeit; unangemessene Schuldgefühle und unangebrachte Selbstkritik; psychomotorische Hemmung (zum Beispiel langsame Bewegungen, in-sich-versunkene Haltung); Appetitlosigkeit; (Ein-) Schlafstörungen; Suizidgedanken
  • Pubertäts- und Jugendalter (circa 13-18 Jahre): vermindertes Selbstvertrauen, Selbstzweifel; Ängste, Lustlosigkeit, Konzentrationsmangel; Stimmungsanfälligkeit; tageszeitabhängige Schwankungen des Befindens; Leistungsstörungen; Gefühl, sozialen und emotionalen Anforderungen nicht gewachsen zu sein; Gefahr der Isolation und des sozialen Rückzugs; psychosomatische Beschwerden (zum Beispiel Kopfschmerzen); Gewichtsverlust; Schlafstörungen; Suizidgedanken

Wenn diese Symptome länger andauern, ohne erklärbaren Grund auftreten oder von mehreren Personen beobachtet werden, könnte es sich um eine größere psychische Belastung handeln. Die Diagnose erfolgt ausschließlich durch fachärztliches Personal, etwa durch Kinder- und Jugendpsychiater*innen oder -psycholog*innen. Dabei werden idealerweise wichtige Bezugspersonen mit einbezogen. Außerdem sollte abgesichert sein, dass keine körperliche und keine andere psychische Erkrankung für die Beschwerden verantwortlich ist. Je älter man wird, desto leichter lassen sich Depressionen feststellen. Trotzdem bleibt die Dunkelziffer hoch: Etwa 70 bis 80 Prozent der betroffenen Kinder und Jugendlichen werden nicht behandelt.

Welche Ursachen stecken dahinter?

So vielseitig wie die Symptome können auch die Ursachen von Depressionen im Kinder- und Jugendalter sein. Mögliche Auslöser sind beispielsweise 

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  • familiäre Probleme
  • Schwierigkeiten in der Schule 
  • Verluste (zum Beispiel eines Elternteils)
  • soziale Isolation 
  • genetische Veranlagung
  • Mangel an positiven Erlebnissen 
  • erlernte Hilflosigkeit
  • Gewalt oder Missbrauch
  • negatives Selbst- oder Körperbild 
  • körperliche Erkrankungen 
  • Nebenwirkung von Medikamenten 

Oft treten mehrere Faktoren gemeinsam auf oder bedingen sich gegenseitig. Außerdem können manche Aspekte - wie etwa soziale Isolation oder Schwierigkeiten in der Schule - nicht nur eine Ursache, sondern auch eine Folgeerscheinung der Erkrankung sein.

Wie sollte man sich verhalten, wenn man bei einem oder einer Heranwachsenden eine Depression vermutet?

Gemeinsam mit Warnsignalen kommt häufig das Gefühl von Überforderung. Wie reagiert man, wenn man bei Heranwachsenden eine Depression vermutet? Ganz besonders wichtig ist es, das Leiden des Kindes ernst zu nehmen. Bemerkungen wie "Kopf hoch, das wird schon wieder" oder "Reiß dich mal zusammen" können viel inneren Druck auslösen und die Situation verschlimmern. Um zu vermeiden, dass sich Betroffene unverstanden fühlen, kannst du beispielsweise versuchen, dich aktiv in seine oder ihre Lage hineinzuversetzen: Welche Bedürfnisse sind gerade besonders wichtig? Besteht erhöhter Redebedarf? 

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Das Informationsportal Neurologen und Psychiater im Netz rät Eltern, ihrem Kind Raum für Gespräche anzubieten und behutsame Fragen zu seinem Gefühlszustand zu stellen: Weint es oft, ist es unglücklich oder einsam, empfindet es kaum noch Freude oder bestehen sogar Gedanken an Suizid? Liegen körperliche Beschwerden vor, für die keine organische Ursache gefunden werden kann? Lautet mindestens eine Antwort "Ja", sollte Fachpersonal hinzugezogen werden. 

Blockt der oder die Heranwachsende die Gesprächsversuche ab, empfiehlt sich eine andere Taktik: Die Psychologin Ulrike Döpfner schlägt vor, dann auf Fragen zu verzichten und stattdessen Beobachtungen anzustellen: "Mitunter kann es helfen, wenn man dem Kind einfach sagt: 'Hast gar keine Lust zu reden heute ...' [...] dann kommt vielleicht etwas, an das man anknüpfen kann: 'Nee, hatte ’nen doofen Tag'". Auch Gespräche mit anderen, unbeteiligten Personen können das Schweigen brechen - besonders gut eignen sich professionelle Hilfsangebote

Welche professionelle Unterstützung gibt es?

Ärzt*innen, Psychiater*innen, Sozialarbeiter*innen, Pädagog*innen sowie Kinder- und Jugendtherapeut*innen bieten ein breites Spektrum an Unterstützungsmöglichkeiten an: 

  • Psychologische Beratungsstellen: Sie sind ein erster Anlaufpunkt auf der Suche nach Hilfe. Dort kann man sich unter anderem einen Überblick über das weitere Vorgehen verschaffen. Für Eltern, Lehrer*innen oder Erziehungspersonen gibt es auch spezielle schulpsychologische Beratungsangebote. 
  • Psychotherapie: Im Kindes- und Jugendalter erweist sich diese Art der Behandlung als besonders erfolgversprechend. Methoden wie etwa die kognitive Verhaltenstherapie sollen die Betroffenen beispielsweise dabei unterstützen, Belastungen abzubauen, Selbstwertgefühl und soziale Kompetenzen zu steigern oder individuelle Strategien zur Problemlösung zu erwerben. 
  • Familientherapie: Psychische Erkrankungen eines Heranwachsenden wirken sich unmittelbar auf das gesamte Familienleben aus. Es ist daher oft sinnvoll, Eltern und/oder Geschwister mit in die Therapie einzubeziehen. 
  • Medikamentöse Therapie: Wenn eine Psychotherapie nicht mehr ausreicht, können auch bei Kindern und Jugendlichen Antidepressiva eingesetzt werden. Es handelt sich jedoch eher um eine seltene Maßnahme, da die Wirksamkeit noch nicht ausreichend belegt ist und viele Nebenwirkungen möglich sind. 
  • Selbsthilfegruppen oder Kurse zur Stressbewältigung: Hier liegt der Vorteil darin, dass sich Kinder und Jugendliche mit Gleichaltrigen und Gleichgesinnten austauschen können und sich so auch gegenseitig helfen. 
  • Kinder- und Jugendpsychiatrische Klinik: Liegt eine schwere, akute Krise vor, die mit einer ambulanten Therapie nicht überwunden werden kann, besteht die Möglichkeit zu einem Klinikaufenthalt. Bei Lebensgefahr - etwa aufgrund von Suizidgedanken - kann man sich an psychiatrische Notaufnahmen wenden. 

Das Hinzuziehen von professioneller Unterstützung hilft nicht nur betroffenen Kindern und Jugendlichen. Auch für Bezugspersonen ist es eine enorme Erleichterung, zu wissen, dass einem eine geschulte, neutrale Partei bei der Krisenbewältigung zur Seite steht. 

Womit kann man selbst helfen?

Neben solchen spezifischen Hilfsangeboten gibt es viele alltägliche Maßnahmen, die emotionalen Leidensdruck verringern können. Wenn du jemanden dabei unterstützen möchtest, mit schwierigen Gefühlen umzugehen, kannst du ihn oder sie beispielsweise dazu ermutigen

Ein weiterer wichtiger Schlüssel zum richtigen Umgang mit Depressionen ist Psychoedukation. Sowohl Kinder und Jugendliche als auch Erwachsene sollten versuchen, die Erkrankung zu verstehen. Für verschiedene Zielgruppen gibt es Literatur, Dokumentationen oder Informationsveranstaltungen. Aufklärung leistet zum Beispiel die Sendung mit der Maus, WDR Doku oder das Portal ich-bin-alles.de

Fazit

Beim Älterwerden durchleben Kinder und Jugendliche viele Emotionen - auch Traurigkeit, Wut und Selbstzweifel gehören dazu. Es ist nicht immer einfach, vorübergehende Krisen von ernsthaften psychischen Erkrankungen zu unterscheiden. Warnsignale für eine Depression sind beispielsweise ein  gestörtes Ess- oder Schlafverhalten, übermäßige Traurigkeit, Wut oder Angst, ein geringes Selbstwertgefühl oder Gedanken an Suizid. 

Hat man den Verdacht, dass das eigene Kind oder eines in der näheren Umgebung unter Depressionen leidet, ist viel Einfühlungsvermögen gefragt. Heranwachsende, die sich in einer Krisensituation befinden, brauchen das Gefühl, dass ihre Sorgen und Grenzen ernst genommen werden. Daher ist es besonders wichtig, aufmerksam zuzuhören, zu zeigen, dass man da ist und gegebenenfalls professionelle Unterstützung zu suchen. Als erste Anlaufstellen eignen sich Psychotherapeut*innen, Ärzt*innen, Beratungsstellen, Schulpsycholog*innen oder Sorgentelefone.

Darüber hinaus kann es helfen, Tagebuch zu führen, beim Sport das Selbstvertrauen zu stärken oder das allgemeine Bewusstsein über psychische Erkrankungen zu schärfen. Aufklärung über psychische Krankheiten kann einzelne Krisen zwar nicht verhindern - aber insgesamt dafür sorgen, dass sich Betroffene weniger alleine damit fühlen. 

Hinweis der Redaktion: Bei der Telefonseelsorge erreichst du unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 Hilfe in schwierigen, möglicherweise ausweglos erscheinenden Situationen. Unter www.frnd.de ("Freunde fürs Leben") findest du zudem weitere Informationen und Hilfsangebote.

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