Er schwingt und wackelt. Mit ruckartigen Bewegungen hantiert Christopher Kassulke herum, der linke Arm saust durch die Luft. Die grünen Augen schnellen hektisch hin und her, die klobige Uhr im Fokus. Er flucht. "Nur 13 Kopfbälle. Schwach!"

Kassulke ist Geschäftsführer des Software-Entwicklers HandyGames. Die Firma im unterfränkischen Giebelstadt entwickelte bislang bevorzugt Spiele für Smartphones und Tablet-Computer. "Doch die Smartwatch wird das nächste große Ding", prophezeit Kassulke und startet einen neuen Versuch.

Auf dem Bildschirm, nicht größer als das Ziffernblatt einer normalen Uhr, springt eine grinsende Figur auf und ab. Im Hintergrund sieht man ein Stadion, der Rasen leuchtet unnatürlich grün. Ziel ist es, den Ball, der unkontrolliert über das Display hüpft, mit dem Kopf des kleinen Fußballers in der Luft zu halten. Gesteuert wird nur mit den Bewegungen des Handgelenkes. "Darum geht's. Schnelle Games, die Freude machen. Etwas, das jeder an der Bushaltestelle spielen kann", sagt der 34-Jährige. Der zweite Durchgang läuft besser. 32 Kopfbälle. "Nicht der Highscore, aber basst scho."

Kassulke sinkt zufrieden in die graue Couch im Aufenthaltsraum seiner Firma. Von der Decke baumeln Wolkenlampen, an der Wand hängt ein Hirschgeweih, die Tapete zeigt ein idyllisches Alpenpanorama.


Fränkischer Pionier

Der Chef des weltweit agierenden Unternehmens wirkt nicht wie der klassische Geschäftsmann. Die Jeans sitzt locker, die Trekkingschuhe sind schmutzig, ein Zombie ziert sein T-Shirt. Mit den langen Haaren und dem Kinnbart könnte Kassulke ebenso gut Tätowierer sein - oder in einem Plattenladen arbeiten. "Bombenleger und Zeckenzüchter, so werde ich oft genannt", sagt er und lacht. Wenn der fränkische Pionier jedoch ohne Punkt und Komma über sein Geschäft spricht, ändert sich die Haltung. Die Entspannung weicht, Elan erfüllt den Raum. "Seit der Vorstellung der AppleWatch spricht plötzlich jeder über Wearables. Wir hatten die schon Ende 2013 auf dem Schirm. Und wir werden vorne dabei sein, wenn es darum geht, Software zu liefern."

Die Arbeit an den Uhren-Spielen läuft seit Monaten. Für die neue Geschäftssparte hat Kassulke ein Team von fünf Programmierern gebildet. Von der Ideenfindung bis zur Umsetzung vergehen meist nur Wochen. "Wir sind flexibel und schnell", tönt Kassulke, während er den Schreibtisch von Maximilian Krauß ansteuert.

Gekrümmt sitzt der 20-Jährige auf seinem Stuhl und tippt wie wild auf seine Smartwatch ein. "Ich teste", sagt der Programmierer. Auf dem Display dreht sich eine Elfe im Kreis. Sie schleudert Zaubersprüche durch die Gegend, um die Horde Orks abzuwehren, die von allen Seiten auf sie einstürmt. "Das wird cool, weil das Spiel kein Ende kennt. Es kommen unaufhörlich Gegner. Der Spieler hat die Möglichkeit, immer bessere Highscores zu erzielen." Doch Kassulke hat nicht nur Spielereien im Kopf. "Gesundheit. Das wird in Sachen Wearables die größte Chance." Der Unternehmer plant im Moment nicht weniger als eine grundlegende Erweiterung seines Geschäftsfeldes.


Wichtiger Gesundheitsaspekt

"Wir führen intensive Gespräche mit Vertretern aus der Gesundheitsindustrie. Die sind richtig heiß." Gemeint sind Krankenkassen und Kliniken. Die Möglichkeiten, die intelligenten Uhren dort einzusetzen, hält der 34-Jährige für besonders attraktiv. Und natürlich auch gewinnbringend.

"Schrittzähler, Pulsmesser, Schlafrhythmusbeobachter. Das alles bringen die Dinger schon mit." In Kassulkes Vision läuft bald schon jeder mit einer Smartwatch durch die Gegend - ständig überwacht und informiert. Geht es dem Körper gut? Ist der Kühlschrank zu Hause gefüllt? Wer hat angerufen? Ein Blick aufs Handgelenk verrät es.

Und der dreifache Vater geht noch weiter: "Ich denke an die Gesundheit unserer Kinder. Wenn wir es schaffen, Bewegung und Spiel zu vereinen, können wir die Zukunft positiv beeinflussen. Man muss nur mutig sein."


Kommentar: Mehr Chancen als Risiken

Apple präsentiert seine Smartwatch - und obwohl viele Hersteller schon vor Monaten derartige Geräte vorgestellt haben, kommt das Thema erst jetzt in Schwung. Mit neuen Möglichkeiten entstehen aber auch neue Sorgen. Es dürfte sicher nicht lange dauern, bis Datenschützer Alarm schlagen. Die Angst vor totaler Überwachung ist allgegenwärtig. Nicht auszudenken, was passiert, wenn sensible Daten in falsche Hände geraten, etwa über den gesundheitlichen Zustand des Smartwatch-Besitzers.

Gleichzeitig kann bessere Kontrolle aber der Vorsorge dienen. Wenn mein Arzt schon aus der Ferne bemerkt, dass mein Puls ständig zu hoch ist, kann er frühzeitig einschreiten. Und das könnte im besten Fall Leben retten. Letztlich gilt wie bei smarten Telefonen: Jeder bestimmt selbst, was er preisgibt.