Samstag, 21. März 2015, 09:07 Uhr: "Alle Freunde zur Info: mein Haus hat gebrannt. @Strahlemaedchen und ich haben uns retten können. Alles weg. Alles." Es sind nur knapp über 100 Zeichen, die ein lebensveränderndes Ereignis im Internet dokumentieren.



Am vergangenen Samstagmorgen gehen bei der Rettungsleitstelle in Aschaffenburg mehrere Mitteilungen über ein brennendes Reihenhaus in Mainaschaff ein. Beim Eintreffen der Einsatzkräfte schlagen die Flammen bereits aus dem Dach des Gebäudes, es hat sich dunkler Qualm gebildet. So schreibt es die Polizei in ihrer ersten Pressemitteilung.

Für den gebürtigen Amerikaner und seine Freundin gestaltet sich die Geschichte weitaus dramatischer: "Kurz vor 7 Uhr wurden wir durch Türklingeln geweckt. Ich hörte Schreie draußen und dachte erst, es wären spielende Kinder. Als ich schlaftrunken aus dem Fenster geschaut habe, schlugen mir schon die ersten Flammen entgegen. Ich hatte Angst, hab' geschrien 'Feuer! Feuer!' und hatte nur noch den einen Gedanken, meine Freundin und mich da sicher raus zu bringen."

Dann geht alles ganz schnell. Die beiden ziehen sich die ersten Klamotten an, die sie finden können und rennen durch das verrauchte Treppenhaus nach draußen. In einem Akt der Verzweiflung kehrt Gandy nochmal um, holt seinen Geldbeutel und seine Schlüssel. Sekunden später steht er wieder auf der Straße und muss dabei zusehen, wie das gesamte Hab und Gut in der Dachgeschosswohnung verbrennt.



Später werden erste Ermittlungen ergeben, dass ein Nachbar das Inferno ausgelöst hat. Ein 40-Jähriger hatte früh am Morgen den Gasgrill angeheizt und unbeaufsichtigt gelassen. Die Holzbalkone gerieten daraufhin in Brand, das Feuer breitete sich rasend schnell aus. Bis die Feuerwehr die Flammen löschen kann, haben sich Gandys Besitztümer nahezu vollständig in Rauch aufgelöst.


Brandmeldung verbreitet sich viral im Internet
Der Tweet, den Danny Gandy alias @eyjaygaming am Samstagvormittag auf Twitter veröffentlicht, löst in kürzester Zeit eine Welle der Bestürzung und Anteilnahme aus. Freunde, Bekannte und Fans seines YouTube-Let's-Play-Channels "eyjay gaming" verbreiten die Kurznachricht, kommentieren und teilen sie in den sozialen Netzwerken.

Dabei war größere Aufmerksamkeit nie das Ziel, gibt der 34-Jährige im Gespräch mit inFranken.de zu: "Wir standen draußen in der Kälte, wir waren unter Schock und haben erstmal unsere Angehörigen per Telefon informiert. Ich wollte auch meine Freunde wissen lassen, dass es uns gut geht, dass wir die Sache körperlich heil überstanden haben. Also habe ich den Stand der Dinge auf Twitter gepostet."

Die Nachricht über den Brand und das Schicksal aller Hausbewohner verbreitet sich im Netz. Boulevardmedien berichten über das Twitter-Lauffeuer, lokale Internet-Medien betten die Tweets in ihre Berichterstattung ein. Plötzlich sehen sich Danny und seine bessere Hälfte, die auf Twitter als @Strahlemaedchen schreibt, einer enormen Öffentlichkeit ausgesetzt.


"Ich dachte, es wäre schlimmer, alles zu verlieren."
Tage nach dem Brand ist Danny Gandy der Stress buchstäblich anzuhören. Das Interesse an seinem Schicksal ebbt nicht ab. Am Telefon schildert er die Erfahrungen der vergangenen Tage. Das Erlebte kann er in klare Worte fassen, so richtig begreifen kann er es aber anscheinend noch nicht. Auf die Frage, wie es sich anfühlt, vor den Trümmern seiner Existenz zu stehen und wie es jetzt weitergehen soll, reagiert er so gefasst, wie in seiner ersten Videobotschaft: "Ich dachte, es wäre schlimmer, alles zu verlieren."



Seit Tagen quält sich der 34-Jährige zusätzlich mit einer fiesen Grippe. "Die hab' ich mir wohl geholt, als ich leicht bekleidet in der Kälte stand und meinen Sachen beim Brennen zugesehen habe." Hin und wieder lacht Gandy. Sein Lachen wirkt gedankenverloren. Im Kopf ist er ganz wo anders. Bei den Versicherungen, mit denen nun zu klären ist, wer für den entstandenen Schaden von rund 500.000 Euro aufkommt. Bei der Polizei, die ermittelt, wie es genau zu dem Brand kommen konnte. Bei seinem Anwalt, der ihn nun im weiteren Vorgehen berät.

"Es läuft so viel gleichzeitig. Und ich bin wütend. Wütend darüber, dass ich eine Sache ausbaden muss, die ich nicht verursacht habe, für die ich nichts kann. Jemand anderes hat uns durch eine dumme Aktion unsere Existenz genommen. Aber andererseits bin ich auch froh und überwältigt, über so viel Hilfe und Anteilnahme, die uns durch die Hilfsaktion erreicht."


Freunde gründen Weblog "helpdannygetback"
Danny spricht vom Hilfsprojekt "helpdannygetback". Volker Bonacker, ein guter Freund und Mitinitiator der Aktion, erklärt im Gespräch mit inFranken.de, was genau dahinter steckt: "Wir wollen, dass Danny und seine Freundin so schnell wie möglich wieder auf die Beine kommen. Was sich unter dem Hashtag #SupportOurBro innerhalb weniger Tage auf Twitter und Facebook an Hilfe, Spendenangeboten und Anfragen gesammelt hat, wollten wir zentral bündeln. Deshalb das Blog."

Seit Tagen berichten Volker Bonacker und ein fester Kern aus fünf weiteren Unterstützern über Gandys Schicksal. Sie schreiben Firmen an, senden Videobotschaften und koordinieren eine öffentlich zugängliche Liste für private Sachspenden. Auch ein Spendenkonto wurde eingerichtet. Das gesammelte Geld soll Gandy und seiner Freundin in der ersten Zeit über die Runden helfen. Und die Arbeit der Freunde wirkt.

Fachmedien aus der Gaming-Szene berichten als erstes über das Schicksal des Hobby-Let's-Players, andere sogenannte Streamer thematisieren die Geschichte in ihren Sendungen auf Video-Plattformen wie Twitch und Hitbox und fordern zur Hilfe auf.


Überwältigende Hilfsbereitschaft
Der enorme Rücklauf hat auch Volker Bonacker und seine Mitstreiter überrascht. "Wir haben aus dem Nichts nach nur vier Tagen über 20.000 Zugriffe auf das Weblog. Seit Mitte der Woche erreichen uns Pakete mit Kleidung und Artikeln des täglichen Bedarfs, sogar ein Notebook wurde schon gespendet." Die Bereitschaft Wildfremder zur Hilfe und auch deren Spendenbereitschaft sei überwältigend. Mit Stand vom Freitag, 27. März 2015, liegt die Spendensumme bei fast 3000 Euro.



Danny Gandy möchte verantwortungsvoll mit den Spenden umgehen. In seiner neuesten Videobotschaft bedankt er sich für die Unterstützung. Seine nächste Herausforderung wird sein, die Wohnung zu räumen und die kaputten Sachen zu entsorgen. Die Räumungsaktion findet am Samstag statt, die gesamte Organisation läuft über soziale Netzwerke. Auch bei diesem Kraftakt werden ihn viele Menschen unterstützen - aber dieses Mal ohne Hashtags und Videobotschaften, sondern mit ihren Händen.