In Neuselsbrunn verstehen die Bewohner die Welt nicht mehr. Mitten im Winter sind zunächst die Hochhaus-Fassaden von der angeblich brandgefährlichen Dämmung für einen Millionenbetrag im Hauruckverfahren befreit worden. Nach dem wochenlangen Baulärm und den unerwarteten Existenzsorgen rund um Weihnachten kämpfen nun viele Eigentümer mit dem Schimmelpilz in ihren unisolierten Wohnungen.

Unisolierte Wohnungen: Einwohner kämpfen mit Schimmelpilz

"Die ganze Ecke hier im Schlafzimmer hat geschimmelt und ich musste die Tapeten entfernen", erzählt Eugen Schuler und schüttelt mit dem Kopf. "Der Abriss der alten Fassade wäre überhaupt nicht notwendig gewesen", ist sich der pensionierte Postbeamte sicher, der seit über 50 Jahren mit seiner Frau im achten Stock des Hochhauses mit der Hausnummer 32 wohnt.

Warum musste die alte Fassade weg?

Wie die allermeisten seiner Nachbarn kann Schuler nicht verstehen, warum die alte Fassade praktisch über Nacht verschwinden musste. Die Eigentümer seien von dem Sanierungsplan der Hausverwaltung vollkommen überrascht worden. Nun müssen die Bewohner für die Kosten der vermeintlichen Brandschutz-Aktion aufkommen. Bis zu 50.000 Euro sollen die Neuselsbrunner pro Wohnung für die Sanierung der Fassade berappen. Finanziell sei das für die allermeisten Bewohner schwer zu stemmen. Ältere Bewohner wie Eugen Schuler fürchten um ihre hart erarbeiteten Ersparnisse. "Wenn meine Frau ins Pflegeheim müsste, könnten wir die Wohnung hier gleich verkaufen", sagt Schuler.

Auf dem Balkon der Wohnung im achten Stock wird das Ausmaß der Fassaden-Sanierung auf einen Blick sichtbar. Zurückgeblieben an der Fassade ist das Baugerüst und der nackte Beton. Die angeblich brennbaren Heraklit-Platten sind mit dem Presslufthammer von der Hausfassade abgerissen worden. Die Bewohner in Neuselsbrunn sind der festen Überzeugung, dass ihre Hausfassade nicht wie Zunder gebrannt hätte. "Es bestand keine Brandgefahr", ist sich auch Schuler sicher und erklärt wie ein Fachmann, warum die Dämmplatten nicht einen verheerenden Hochhaus-Brand wie bei den "Grenfell-Towers" in Großbritannien begünstigt hätten. Die Brandkatastrophe in England hatte auch die Behörden in Nürnberg im letzten Jahr veranlasst, die Brandschutz-Maßnahmen bei Hochhäusern wie in Neuselsbrunn genauer unter die Lupe zu nehmen.

Ein paar Stockwerke tiefer ist die Lage genauso angespannt. Auch die Haseneders im dritten Stock haben Schimmel im Schlafzimmer. "Der Lärm war unerträglich", erzählt Gabriela Haseneder und berichtet von Kindern, die sich während der Abrissarbeiten an der Hausfassade nicht ohne Lärmschutz über den Ohren in den Wohnungen aufhalten konnten. Täglich über zehn Stunden habe das nervtötende Konzert der Presslufthammer gedauert. Nachdem die Fassade nun endlich weg ist, sind die Wände der Wohnungen eiskalt. Die Heizkörper laufen auf vollen Touren, um die Temperatur in den Räumen einigermaßen erträglich zu gestalten. Überall summen Luftentfeuchter im Kampf gegen den drohenden Schimmel. Zusätzlich lüften die Bewohner ihre Wohnungen um die Wette. "Ich habe schon eine Erkältung vom vielen Lüften", sagt Eugen Schuler.

Bewohner sind enttäuscht von OB Maly

Die Stadt hat den Menschen in Neuselsbrunn immerhin versprochen, die durch den plötzlichen Abriss der Fassaden drastisch erhöhten Heizungskosten nicht über den städtischen Energieversorger in Rechnung stellen zu wollen. Gut zu sprechen auf die Stadt sind die Bewohner trotzdem nicht. "Ich bin besonders von Oberbürgermeister Ulrich Maly und der SPD enttäuscht", sagt Eugen Schuler und dürfte damit vielen Nachbarn aus der Seele sprechen. Viele Menschen in Neuselsbrunn hätten sich gewünscht, dass das sozialdemokratische Stadtoberhaupt die Menschen in der Hochhaussiedlung für kleine Bahn- und Bahnbeamten beispielsweise vor Ort besucht. Stattdessen habe Maly die aufgebrachten Bewohner in Neuselsbrunn in Interviews von oben herab behandelt und für dumm verkaufen wollen, erzählen sich die Bewohner, die sich alle seit Jahrzehnten kennen und meist ein ganzes Leben gemeinsam unter einem Hochhausdach verbracht haben. Auf Ministerpräsident Markus Söder (CSU) sind die Bewohner dagegen gut zu sprechen. Söder habe sich die Probleme der Menschen angehört und die Sorgen der Bewohner ernst genommen. Wohl wegen dieser politischen Brisanz wollen sich selbst Stadträte, die direkt neben den betroffenen Hochhäusern wohnen, zumindest offiziell zu dem Fall nicht äußern. Zumal sich aktuell eine spektakuläre Wende in dem Fall anbahnen könnte.

Anwalt: Vonovia ist ein kapitaler Fehler unterlaufen

Jedenfalls dann, wenn der Nürnberger Anwalt der Bewohner, Klaus W. Kratzer, am Ende tatsächlich recht behalten sollte. Kratzer ist sich sicher, dass der großen Vonovia-Wohnungsgesellschaft als Verwalterin des Viertels ein kapitaler Fehler unterlaufen ist. "Was wir herausgefunden haben, spottet in der Tat jeglicher Beschreibung", betont der Anwalt im Gespräch mit diesem Medienhaus und zählt die wichtigsten Erkenntnisse seiner Recherchen auf. "Erstens gibt es keinen Bescheid der Stadt Nürnberg, der die Entfernung der Fassaden verlangt hätte. Diese Aussage von der Vonovia ist schlicht gelogen." Auf der Eigentümerversammlung im Oktober des vergangenen Jahres hätte die Bauverwaltung unter Vorspiegelung falscher Tatsachen die Erlaubnis der überrumpelten Eigentümer zur kostspieligen Fassadenrenovierung mehr oder weniger erschwindelt, erklärt der Rechtsanwalt, der mittlerweile die Interessen von zahlreichen Wohnungseigentümern vertritt, weiter. Zweitens habe Vonovia die Fassaden-Sanierung ohne Gutachten praktisch freiwillig beschlossen. Derartiges Fehlverhalten habe sich Kratzer niemals vorstellen können. Immerhin handelt es sich bei Vonovia um Deutschlands größtes Wohnungsunternehmen.

Der Anwalt erklärt sich die fatale Fehlerkette so: Die Stadt habe Vonovia im Jahr 2018 mehrmals aufgefordert, ein Brandschutzgutachten vorzulegen. Als Vonovia nichts unternahm, hätte die Stadt mit Zwangsgeldern versucht, Vonovia zum Handeln zu bewegen. Bei einem Krisentreffen von Stadt und Vonovia im Herbst habe die unter Druck gesetzte Hausverwaltung sich dann praktisch freiwillig dazu entschlossen, die Fassaden im Hauruckverfahren für einen Millionenbetrag herunter zu reißen. Der Fall Neuselsbrunn werde laut Kratzer für Vonovia in einem "absolutes Debakel" enden.

Auch die Rolle der Stadt bewertet der Anwalt wie die Bewohner kritisch. Die Nürnberger Verwaltung habe "einfach nur zugeschaut". Anstatt ihrer Fürsorgepflicht nachzukommen und mit eigenen Experten vorbeizuschauen, habe man die kleinen Leute in Neuselsbrunn einfach im Regen stehen lassen. Alle haarsträubenden Details will Kratzer zunächst den Betroffenen in Neuselsbrunn in einer Eigentümerversammlung am heutigen Dienstagabend in Nürnberg präsentieren. Vor dem Nürnberger Amtsgericht hat Kratzer im Auftrag der Eigentümer eine Klage gegen die kostspielige Renovierung der Neuselsbrunner Hochhaus-Fassaden eingereicht.

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Vonovia-Geschäftsführer: Brennbarkeit steht außer Frage

Stefan Ollig, Geschäftsführer der Vonovia Immobilien Treuhand, bewertet den Fall Neuselsbrunn dagegen komplett gegenläufig. Aus der Perspektive des Verwalters stehe die Brennbarkeit der Fassaden und die damit verbundene Gefahrenlage "außer Frage". Durch die sofortige Sanierung der Fassade habe Ollig eine Räumung, mit der die Stadt gedroht habe, verhindern wollen. Bei den brennbaren Materialien handele es sich laut Stefan Ollig um Styropor und Hartfaserplatten, die bereits im Jahr 1965 bei Erstellung der Hochhäuser verbaut worden seien.

Stefan Ollig, Geschäftsführer der Vonovia Immobilien Treuhand, beschreibt die Chronologie der Ereignisse auf Anfrage unseres Medienhauses aus seiner Perspektive:

  • Die Vonovia Immobilien Treuhand (VIT) wurde als Verwalterin der Wohnungseigentümergemeinschaft am 11. Oktober 2018 von der Bauordnungsbehörde darüber informiert, dass eine konkrete Gefahrenlage vorliegt, weil im Bereich der Fassaden brennbare Materialien verbaut sind. Bei den brennbaren Materialien handelt es sich um Styropor und Hartfaserplatten, die bereits im Jahr 1965 bei Erstellung der Gebäude verbaut wurden.
  • Der Verdacht auf brennbares Material kam im Nachgang einer Brandschutzbegehung bei der Prüfung von Bauunterlagen auf und wurde im Rahmen eines anschließend beim Institut für Materialprüfung IfT Rosenheim eingeholten Prüfberichts bestätigt. Hierzu erfolgte eine Bauteilöffnung und Probenentnahme zusammen mit Vertretern des Prüfinstituts, der Hausverwaltung, eines Prüfsachverständigen sowie des Planungsbüros. Sodann führte das Prüfinstitut Brandversuche mit den entnommenen Materialien durch und legte der Stadt einen entsprechenden Prüfbericht vor.
  • Auf Grundlage des Befundes erging am 11. Oktober 2018 eine Anordnung der Bauordnungsbehörde, dass bis zum 19. Oktober 2018 ein Brandschutzverhütungskonzept seitens der Wohnungseigentümergemeinschaft vorliegen muss. Ferner hat die Bauordnungsbehörde entschieden, dass die Fassadenverkleidungen der Häuser unverzüglich, spätestens aber bis zum 20. Dezember 2018 entfernt werden müssen.
  • Im 19. Oktober 2018 entschied die Stadt, dass unter der Voraussetzung des sofortigen Abbaus der Fassadenverkleidung und der Umsetzung der weiteren Maßnahmen des Brandschutzkonzepts keine "erhebliche unmittelbare Gefahr" bestand. Wären die Arbeiten an der Fassade jedoch eingestellt bzw. nicht fristgerecht durchgeführt worden, hätte diese Gefahr erneut bestanden und die Stadt hätte die Häuser spätestens am 20.12.2018 geräumt.
  • Bei einer außerordentlichen Eigentümerversammlung am 29.10.2018 wurden sodann alle Eigentümer umfassend über den Sachstand informiert und sowohl die Maßnahmen als auch der zeitliche Ablauf sowie die gemeinschaftliche Finanzierung der Sofortmaßnahmen mit großer Mehrheit der Eigentümer beschlossen. Damit konnten ein Stopp der erforderlichen Maßnahmen und das damit weiterhin verbundene Risiko einer möglichen Räumung verhindert werden.

 

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