Freischaffende Künstler gehören zu dem Personenkreis, der von den Corona- Einschränkungen besonders hart betroffen ist. Sämtliche Konzerte und öffentliche Veranstaltungen wurden von heute auf morgen abgesagt. Keine Auftritte - keine Einnahmen, so einfach ist das. Am eigenen Leib haben dies auch die beiden einheimischen Künstler Suzan Baker und ihr Partner Dennis Lüddicke erfahren müssen.

Doch wie sieht die Alternative aus? Da trifft es sich gut, dass Dennis Lüddicke von Haus aus gelernter Krankenpfleger ist. Angesichts des Bedarfs an Pflegekräften war es nicht schwer, eine passende Stelle zu finden. Auch Suzan Baker orientierte sich in die gleiche Richtung und fand bei der Tagespflege Bürgerbräu Lichtenfels, die sich auf die ambulante Pflege spezialisiert hat, ihr neues Betätigungsfeld. Die Pflegeeinrichtung ist, wie viele andere Hilfsorganisationen auch, auf der Suche nach Pflegefach- und Pflegehilfskräften.

Sport, Musik und Gesang

"Ich glaube, Außenstehende können sich gar nicht vorstellen, was für ein großartiges und vielfältiges Programm hier geboten wird", schwärmt Suzan Baker. "Da werden Ausflüge gemacht, Sport getrieben, wir singen und musizieren auch." Und das macht den rund 20 Senioren, die sich am Nachmittag in der Tagespflege eingefunden haben mächtig Spaß.

Nach einer gemütlichen Kaffeerunde geht's mit einem kleinen Spaziergang in den größeren Nebenraum, wo Suzan Baker Liedtexte verteilt und ihre Gitarre auspackt. Liebgewordene Erinnerungen werden wach, wenn die Lieder aus den 50er und 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts angestimmt werden. Die Ohrwürmer von damals, die die Senioren in ihrer Jugend bei den "Schlagern der Woche" oder bei der "ZDF-Hitparade" mitgeträllert haben, haben sich tief ins Gedächtnis eingegraben. Beim gemeinsamen Singen kehrt ein Stück Jugend zurück, und es klingt wirklich gut, was die älteren Herrschaften da zur Gitarrenbegleitung durch Suzan Baker hören lassen.

Zweimal in der Woche, jeweils am Mittwoch, singt man im Chor. Viele der Senioren sind regelmäßig dabei, aber die Zusammensetzung wechselt, wie das bei einer Tagespflege eben der Fall ist. Damit können auch weitere Interessierte jederzeit hinzustoßen, betont Suzan Baker, die völlig in dieser für sie neuen Aufgabe aufgeht.

"Ein bisschen Frieden"

Los geht's mit "Ein bisschen Frieden" von Nicole, die damit den Sieg im Eurovision Songcontest 1982 davongetragen hat. "Dann mach mer gleich noch ,Sierra Madre‘", heißt es und schon wird eifrig in den Textheften geblättert. "Natürlich haben wir noch mehr auf dem Kasten", ermuntert Suzan Baker ihre Truppe, die inbrünstig "Du, du liegst mir am Herzen" schmettert. Mit diesem Herzschmerz-Lied feierte Marlene Dietrich 1952 ihre größten Erfolge.

"Des sen Liede, die kenna die Kinne heut gar nimmer", meinte eine Sängerin zu ihrer Nachbarin, die eifrig Zustimmung nickt. Das gilt sicher auch für das "Irgendwo auf der Welt" von den Comedian Harmonists und dass sich Liebeskummer nicht lohnt, so wie es Siw Malmkvist bereits 1964 gesungen hat, das ist den hier Anwesenden mit ihrer reichen Lebenserfahrung schon längst klar.

"Schön ist es auf der Welt zu sein" sang Roy Black 1971 gemeinsam mit der kleinen Anita. "Wie alt die inzwischen wohl ist?", fragt eine Seniorin. Und das Heimwehlied von Freddy Quinn "So schön war die Zeit" machte den beliebten Sänger zum Rekordhalter. Es gab keinen Song, der sich länger an der Spitze der deutschen Charts halten konnte. Die Platte wurde über drei Millionen Mal verkauft. "Ihr dürft euch fei auch was wünschen", heißt es zum Ende der Singstunde. Noch einmal schmachten die zumeist weiblichen Senioren zu den "Weißen Rosen aus Athen" von Nana Mouskouri. Und die sagen bekanntlich "Komm recht bald wieder", und so könnte man den musikalischen Blumenstrauß auch als Aufforderung an die Chorleiterin Suzan Baker verstehen, die schon jetzt sicher ist, dass sie diese Arbeit mit ihren Senioren auch dann fortsetzen will, wenn die Corona-Beschränkungen für die Künstler wieder gelockert worden sind.

Sie selbst erlebt die neue Tätigkeit als totale Bereicherung. Einmal für sich selbst, da sie damit für sich diese alten Lieder wieder entdeckt hat, aber auch für die älteren Menschen. Auch wenn die vereinzelt schon an leichter Demenz leiden, so können sie sich doch an diese Lieder aus der Jugend noch erstaunlich gut erinnern. Das gemeinsame Singen vermittelt eben ein positives Selbstwertgefühl.

Auftritt ist vorstellbar

Im Grunde ist es schade, dass dieser Chor bisher nur in den Räumen der Bürgerbräu zu hören ist. Die Teilnehmer könnten sich einen öffentlichen Auftritt durchaus vorstellen. Es muss ja nicht gleich im Radio sein, wie einer der Sängerinnen meinte. Der Auftritt könnte ein positives Zeichen setzen, könnte Mut machen. Alt werden bedeutet eben auch, dass man noch etwas leisten und dass man Freude am Leben haben kann.