Ein Monat ohne Schwimmtraining - wahrlich keine optimale Vorbereitung für eine Weltmeisterschaft. Doch am Samstag wird sich Andreas Dreitz um 6.25 Uhr Ortszeit in der Kailuba Bay von Kona mit den Triathlon-Profis im Wasser tummeln, bis die Kanone am Strand das Signal gibt, bei einem der prestigeträchtigsten Sportwettbewerbe um den WM-Titel zu kämpfen. Ironman und Hawaii - die klingen in den Ohren der Dreikämpfer wie der Himmel, der aber auch zur Hölle werden kann.

"Ironman - das heißt Geschichte, große Herausforderung, Leidensfähigkeit", sagt Andreas Dreiz. Der 30-Jährige aus Michelau (Lkr. Lichtenfels) tritt seit sieben Jahren als Profi an. Seinen größten Triumph feierte er in diesem Jahr im Juli, als er im deutschen Triathlon-Mekka Roth als Erster ins Ziel kam.

Dreitz als Lokomotive für Lange

Im vergangenen Jahr fungierte er - ungewollt - für seinen Kollegen aus dem Team Erdinger alkoholfrei, Patrick Lange, auf der 180 Kilometer langen Radstrecke als Lokomotive. Lange siegte in Rekordzeit und verteidigte seinen Titel von 2017. Dreitz landete nach einer Hitzeschlacht beim Marathon auf Rang 13 und verpasste sein Ziel, unter die Top Ten zu kommen, knapp.

"Die Hitze war am Ende unerträglich. Ich muss meinen Körper im nächsten Jahr besser kühlen. Ich habe überall Eiswürfel in meinen Anzug getan", sagte der Oberfranke schon kurz nach dem Zieleinlauf.

Sturz bremst Vorbereitung

Doch in diesem Jahr hatte Dreitz im Vorfeld mit ganz anderen Problemen zu kämpfen. Ein Sturz auf dem Rad bei der 70.3-Weltmeisterschaft in Nizza am 7. September verhinderte fast einen Start am Samstag. "Es war ein dummer Unfall. Die Straße war mit Hütchen markiert und es war nicht klar erkennbar, wie es weitergeht. Und dann kam schon der Bordstein", erzählte der Radspezialist vor wenigen Tagen. Abschürfungen und eine tiefe Wunde an der Schulter, aber nichts gebrochen, lautete die Diagnose im Krankenhaus. Doch an Schwimmen war zunächst nicht zu denken. "Die Beweglichkeit in der Schulter war stark eingeschränkt. Ich war erst in dieser Woche erstmals wieder im Wasser", sagt Dreitz, der am Samstag 3,8 Kilometer gegen die Wellen im Pazifik pflügen wird. Neun Tage vor der WM reiste er aus dem Trainingslager auf Gran Canaria an, um sich an die Hitze vor Ort zu gewöhnen. "Bis auf das fehlende Schwimmtraining bin ich guter Dinge”, gibt sich der Franke ganz locker. "Für mich ist es schon ein Erfolg, am Start zu stehen."

Wunsch nach richtig Wind

Seine Ziele formuliert der Modellathlet so: "Wenn ich nach dem Schwimmen noch in Schlagdistanz bin, es auf der Radstrecke diesmal - so wie es alle Teilnehmer in der Vergangenheit erzählt haben - richtigen Wind gibt, dann schaut's für mich gut aus. Wenn die Bedingungen ähnlich wie im Vorjahr sind, dann haben die Läufer einen klaren Vorteil."

Diese kommen wieder einmal aus dem deutschen Lager und heißen Patrick Lange und Jan Frodeno, der 2018 nicht am Start war und heuer wieder vorne angreifen will. Die beiden Sieger der vergangenen vier Jahre könnten sich im Marathon ein Duell liefern. Langes Traumszenario lautet: "Gemeinsam mit Jan Frodeno ins Energy Lab zu laufen und das Duell um den Sieg dort auszutragen."

Dieser Streckenabschnitt gilt als der härteste im Marathon. Auf dem Teil der Route, der nach den dortigen wissenschaftlichen Laboratorien benannt ist, geht es nach etwa 25 Kilometern zum Wendepunkt zunächst hinab Richtung Pazifik. Bei erwarteten 33 Grad, einer Luftfeuchtigkeit von 70 Prozent und einer Asphalttemperatur von gut 45 Grad werden die Athleten an ihre physischen und psychischen Grenzen gebracht, zumal hier keine Zuschauer an der Strecke stehen und unterstützen. Anders als etwa in Roth sind die Teilnehmer auf Hawaii weitgehend auf sich allein gestellt.

Anne Haug halbes Jahr verletzt

Lange Zeit auf sich allein gestellt war auch die 36-jährige Vorjahresdritte Anne Haug. Fast ein halbes Jahr war die gebürtige Pegnitzerin verletzt und konnte nicht an Wettkämpfen teilnehmen. "Ich habe mich erst auf den allerletzten Drücker qualifiziert", sagte das 51-Kilo-Leichtgewicht. Erst Mitte August löste die Oberfränkin beim Ironman in Kopenhagen als Siegerin ihr Ticket für Kona. Nach einem Riss in der Plantarfaszie (Sehnenplatte im Bereich der Fußsohle) folgte ein Ermüdungsbruch des Schienbeins. Der Ironman in Dänemark war somit die letzte Gelegenheit, sich für die WM zu qualifizieren.

Ohne Druck zum deutschen Rekord

"Dort wollte ich einfach nur ins Ziel kommen. Schließlich habe ich erst drei Langdistanzrennen bestritten. Ich bin also ohne Druck angetreten und dann kam ein deutscher Rekord heraus. Jetzt bin ich superhappy, dass ich hier starten kann." Die Oberfränkin weiß aber, dass die WM ein ganz anderes Rennen mit einer anderen Dynamik ist. "Hier starten die besten 45 Frauen auf einen Haufen, nicht nur drei, vier Profis. Um hier vorn zu landen, muss man im Pulk sein, kann nie mal die Beine hochlegen, wenn man mal ein Tief hat, sondern muss auch mit der Konkurrenz mitgehen und taktische Entscheidungen treffen."

Dazu kommen die klimatischen Bedingungen. Ob die fast sechsmonatige Laufpause nicht zu lang war, weiß Haug selbst nicht. Nachdem sie bei der letztjährigen WM die beste Marathonzeit von 2:55 Stunden gelaufen war, tritt sie also am Samstag zum zweiten Mal auf der Vulkaninsel an. "Ich weiß, dass mir meine Grundschnelligkeit im Marathon hier nichts bringt. Im Triathlon muss man effizient, aber auch kraftvoll laufen, einen - wie ich es nenne - Schmidtchen-Schleicher-Schlappschritt drei Stunden lang durchziehen."

Ein Ziel nennt die 36-Jährige nicht. "Ich bin erstmal dankbar, überhaupt hier starten zu können. Andererseits bin ich Hochleistungsportlerin, will immer mein Bestes geben und aufs Podium kommen."

Haug über Preisgeld und Kosten

Als Dritte des Vorjahres kassierte Haug 40 000 US-Dollar - ein ordentlicher Geldsegen. Die Prämien auf Hawaii sind aber nicht vergleichbar mit den übrigen Rennen während des Jahres.

In einem Interview mit der Deutschen Presse-Agentur sagte die Fränkin in dieser Woche, dass sie von ihrem Profitum leben, aber nichts zurücklegen könne. "Mein Preisgeld von Kopenhagen geht für Hawaii drauf - und ich muss da noch was draufzahlen. Die Hawaii-Reise kostet mich zum Beispiel 10 000 Euro. Das ist schon happig. Meine Ausgaben sind nicht vergleichbar mit vielen anderen Sportlern."

Haushohe Favoritin auf den 120 000-Dollar-Siegerscheck bei den Frauen ist die Schweizerin Daniela Ryf, die viermal hintereinander in Kona triumphierte.

Unter dem Radar fliegt dagegen Haug, die wie Dreitz nicht im Fokus der Öffentlichkeit steht. Beide machen ihr Ding abseits des großen Rummels und treten am Samstag ohne Druck an - mit Chancen auf eine Überraschung.

Weitere aus Franken

Rund 2500 Triathleten sind für den Ironman am Samstag gemeldet. 279 kommen in diesem Jahr aus Deutschland - und einige aus Franken.

Chris Dels

Bereits 2017 startete der Bamberger von Böhnlein-Sports auf Hawaii. Nun will er das "Projekt Podium" in der Altersklasse erneut angehen. Nach seinem WM-Titel 2018 über die Mitteldistanz "bin ich jetzt mehr als bereit dafür", sagt der 35-Jährige. Nach dem Altersklassensieg beim Ironman Texas störte eine Schambeinentzündung zwar die Vorbereitung, sein Ziel ist es aber, mindestens unter den Top 5 seiner Altersklasse zu landen.

Christian Birke

Ein besonders ereignisreiches Jahr liegt hinter Christian Birke: Der 35-Jährige aus Bischwind (Lkrs. Coburg), der für die DJK Gaustadt startet, löste im Juni beim Ironman Frankfurt gleich ein Doppelticket: für die bereits stattgefundene 70.3-WM in Nizza und für Hawaii. Sein Ziel: "Gesund bleiben, Atmosphäre genießen und unter die ersten 500 Altersklassenathleten kommen."

Martin Falk

Der 37-Jährige stammt aus Rügheim im Landkreis Haßberge und startet für Böhnlein-Sports Bamberg. Er qualifizierte sich beim Ironman in Australien im Mai für Hawaii. Dort startet er zwar zum ersten Mal, hat die Langdistanz aber schon sieben Mal beendet - jeweils unter der Zehn-Stunden-Marke. "Neben meinem Hauptziel, überhaupt zu finishen, ist die Zehn-Stunden-Marke immer im Hinterkopf."

Katja Stöcker

Die 36-jährige Rehauerin lebt in Bayreuth und arbeitet in Kulmbach. Bei ihrem erst zweiten Ironman-Rennen im August qualifizierte sie sich in Kalmar als Sechste mit einer Zeit von 10:04:49 Stunden für Hawaii. "Damit habe ich mir den Lebenstraum vieler Triathleten erfüllt."

Bernd Hagen

Der 45-Jährige aus Möhrendorf (Lkr. Erlangen-Höchstadt) startet zum fünften Mal auf Hawaii, wo er 2015 nach dem Rennen seine Freundin Nicole heiratete. "Mit meinem Abschneiden war ich bisher nie zufrieden, ein Traum wäre, unter neun Stunden zu bleiben", sagt Hagen, der sich mit dem Altersklassensieg in Italien 2018 qualifizierte.

Zeiten, Daten & Fakten zum Ironman

Die ARD zeigt am Samstagabend den Start in ihrem ersten Programm ab 18.25 Uhr bis gegen 18.45 Uhr. Ab 21.45 Uhr gibt es Livebilder im dritten Programm des Hessischen Rundfunks, ehe das Erste ab 23.55 Uhr wieder übernimmt.

In voller Länge kann das Rennen im Livestream ab 18.15 Uhr bei sportschau.de oder auf der offiziellen Facebook-Seite Ironman now verfolgt werden. Frauen und Männer erhalten jeweils die gleiche Prämie. Die insgesamt 650 000 US-Dollar (593 000 Euro) werden auf die jeweils besten Zehn verteilt. Für den WM-Titel gibt es 120 000 Dollar. Für Rang 2 ist es die Hälfte, Platz 3 ist noch 40 000 Dollar wert. Der/Die Zehnte erhält noch 10 000 Dollar. Nach 17 Stunden ist Schluss, Wer es innerhalb dieser Zeit von seinem Startzeitpunkt nicht ins Ziel geschafft hat, wird aus dem Rennen genommen. 279 Deutsche, so viele wie noch nie, starten in diesem Jahr auf Hawaii. 225 Männer, 54 Frauen. Die Zahl der deutschen Profis ist ebenfalls gestiegen, sechs Frauen und 13 Männer haben eine Profilizenz.