Die Kirchenglocken läuten. Die Letzten suchen sich eine noch freie Bank in der gut besuchten Kirche. Der gewohnte Beginn eines Gottesdienstes. Doch in der sonst so feierlichen Sonntagsstimmung schwingt diesmal etwas anderes mit: Andächtig und etwas wehmütig blicken viele Ebensfelder nach vorne zu "ihrem" Pfarrer Rudolf Scharf.

"Diese Stunde ist geprägt von Gefühlen und Erlebnissen", richtet er seine Worte an die aufmerksame Kirchengemeinschaft und führt an: " Lachen und Tränen, das gehört einfach zu uns dazu."

Verbindung von Wort und Tat

Seit 25 Jahren ist Rudi, wie er von vielen liebevoll genannt wird, Pfarrer für Ebensfeld. Nun tritt er das letzte Mal vor seine Gemeinde, um den Gottesdienst zu feiern. Zum Abschied gelten ihm viele warme Worte. Pfarrer Otmar Fuchs, der Scharf in der Seelsorge seit langem unterstützt, hält eine Predigt, die zum Nachdenken anregt: "Authentisch. Was bedeutet Authentizität? Authentisch sein heißt im Deutschen so viel wie glaubwürdig sein, echt sein. Oft sagt jemand etwas und hält sich nicht daran." Das hinter ausgesprochenen Worten auch wirklich Taten folgen sei nicht oft der Fall, für das Gesagte würde selten etwas riskiert werden, sagt er und verweist auf Rudi: "Mit eurem Pfarrer habe ich in den 25 Jahren ein Beispiel für die Verbindung von Wort und Tat erlebt. Diesen Pfarrer habe ich als authentischen Menschen erfahren. Und das ist wunderbar, das ist stark und hilfreich." Die Stunde des Abschieds sei auch eine Stunde der Dankbarkeit. "Auch ich selbst war immer gerne hier. Hier ist viel von dem spürbar, was authentische Gemeinde ist." Dadurch, dass Rudolf Scharf früher in den Ruhestand versetzt wurde als angenommen, sei die Gemeinschaft in früher Stunde in der gegenseitigen Dankbarkeit gelandet. Rudi bleibe für viele unvergessen.

Die ersten richtigen Schuhe

So auch für den jungen Zabihullah, der nun seit fünf Jahren Teil dieser Gemeinde ist. Er wird seinen Kindern noch erzählen, wie Pfarrer Scharf sich für ihn einsetzte, um die Abschiebung zurück nach Rumänien zu verhindern und ihm und seinen Freunden ermöglichte, richtige Schuhe in Bamberg zu kaufen. "In schweren Situationen hat er uns geholfen und war immer da. Wir konnten Tag und Nacht bei ihm anrufen", erinnert er sich an die Zeit, als er als Flüchtling nach Ebensfeld kam und macht deutlich: "Wir werden dich nie vergessen!"

Auch Bürgermeister Bernhard Storath findet Worte, die Dank ausdrücken: "Es gibt schöne und nicht so schöne Gottesdienste. Rudi hat die Glaubensgemeinschaft in unserem Gottesgarten gut zusammengehalten." Mit seiner direkten Art verkörpere er genau das, was Fuchs in seiner Predigt erläuterte. Wie es mit den Gottesdiensten für Ebensfeld weitergeht, wisse er noch nicht, sagt Storath. "Es liegt an uns."

Wer in Rudis Pfarrgewand schlüpft ist noch ungewiss, der angedachte Kandidat musste aufgrund eines Krankheitsfalls zurücktreten. "Hinter einem starken Mann steht auch eine starke Frau", verweist der Bürgermeister auf Maria, die gemeinsam mit dem Pfarrer als Abschiedsgeschenk Rosen und eine Gartenbank bekommt, um gemeinsam entspannt in den Abendhimmel blicken zu können". Für Rudis Wunsch, "fast schon ein bisschen makaber", merkt Storath an, die letzte Ruhe - "bis zu der es hoffentlich noch sehr lange dauern wird" - auf dem Ebensfelder Friedhof zu finden, sei vorgesorgt. Ums "weltliche" Geschenk hat der Bürgermeister sich Gedanken gemacht: "Neben seinen wunderschönen Gottesdiensten denkt man bei unserem Pfarrer vor allem an eines: Biertrinken und Rumänien." Aus diesen Schlagworten wurde nun das Geschenk von seiner Gemeinde. Von der Brauerei Engelhardt für Rudi gebraut gibt es nun den sogenannten "Ebensfelder Hochwürdentrunk", ein leicht, rauchiges Lagerbier, von dem ein Teil des Erlöses als Spende an Rudis Rumänienhilfe gehen wird.

"Nacht-und-Nebel-Aktion"

In einer "Nacht-und-Nebel-Aktion", wie Diana Geissendorfer es beschreibt, wurden dafür noch kurzfristig die Etiketten angebracht, die den lachenden Pfarrer Scharf bei einem vergangenen Gottesdienst zeigt. "Endlich kann ich zu meiner Frau sagen: Ich trinke für einen guten Zweck", fügt der Bürgermeister schmunzelnd an und heitert damit die sonst etwas gedrückte Gottesdienststimmung auf.

Nach dem Gottesdienst versammeln sich die Ebensfelder noch auf dem Kirchplatz, auf dem die Musikvereinigung Ebensfeld unter der Leitung von Katrin Motschenbacher für festliche Stimmung sorgt. Zur Feier des Tages dürfen sich die Anwesenden ein Tragerl vom Hochwürdentrunk gegen eine kleine Spende mitnehmen. "Eine ganz tolle Idee!", hört man hier und da, während Rudi sich unter seine Kirchengemeinschaft, darunter Ministranten, Mitarbeiter des Pfarrgemeinderats, Gemeindereferenten und viele ehemalig in der Kirchenarbeit Tätige mischt. Zur Frage, mit welchem Gefühl er aus diesem letzten Gottesdienst nun rausgeht, findet er keine Antwort, aber wie gerührt er von den lieben Dankesworten ist, zeigen seine Augen. "Heute ist der Tag des Abschieds gekommen", sagt Landrat Christian Meißner. "An seinem 70. Geburtstag wussten wir, dass dieser Tag kommen wird, aber so schnell hat keiner mit gerechnet. Die Menschen suchen Rat und Trost bei ihrem Pfarrer. Er begleitet sie durch das ganze Leben: Er tauft Kinder, schließt Ehen und begleitet die Verstorbenen und ihre Angehörigen." Mit brechender Stimme schließt Meißner ab: "Es war eine schöne Zeit." Und gemeinsam mit Bernhard Storath stößt er mit Rudi an: "Auf 25 scharfe Jahre!"