Ego. So heißt das Programm, mit dem das Quintett "Viva Voce" derzeit durch die Lande zieht. Aber um das Ich ging es musikalisch am Samstagabend eigentlich weniger als um das Wir. Die Jungs aus Ansbach präsentierten zwar sehr geschickt das Können eines jeden einzelnen, blieben dabei aber doch immer Ensemble. Knapp 700 Besucher ließen sich von einer interessant aufgearbeiteten Frage gefangen nehmen: Wie war das mit der Musikgeschichte gleich nochmal?
Und so zogen die fünf Jungs aus Ansbach ihre Show auch auf, bewegten sich chronologisch auf der Zeitleiste der Musik, bewiesen ihre Tauglichkeit für Choräle, für Minnegesang, Klassik, Schlager, Rock, Soul, Beat-Box- Gesang oder Hip-Hop. Chorknaben, die sich in 16 Jahren Show-, und Tour-Betrieb eine Bühnenreife und Klasse im Umgang mit dem Publikum zugelegt haben.
Da gelang selbst ein Scheitern charmant, denn der gelegentliche Ausfall eines Mikrofons war eher unterhaltsam als peinlich, diente dieser Anlass doch dazu, ins Programm eingebaut zu werden.
Und sonst? Ansonsten zeigten die fünf Ansbacher, dass es nicht die große Bühnenshow sein muss, mit der sich Aufmerksamkeit erregen lässt. Schon gar nicht in Bad Staffelstein, wo die ehemaligen Preisträger der Hanns-Seidel-Stiftung ("Songs an einem Sommerabend") einen wohl ähnlichen Status wie Bodo Wartke genießen: Man sieht sie irgendwie als hier dazu gehörig an.
55 kleine Bühnenlampen, in wechselnden Farben aufleuchtend, und Bühnennebel, das war alles an Show-Aufwand. Den Rest leisteten Jörg Schwartzmanns, David Lugert, Mateuszu Phouthavong, Bastian Hupfer und Heiko Benjes, Rampensäue im besten Sinne des Wortes, mit Augenzwinkern über das eigene Tun. Dann, wenn man sich als Boyband präsentiert und die unglückseligen 90er Jahre aufleben lässt, eingedenk solcher Bands wie Take That oder Backstreet-Boys. Da tanzt Phouthavong mit einem besonders herausfordernden Lächeln über die Bühne.

Einst Zivi in Bad Staffelstein

Selbst tänzerisch überzeugten die Jungs, wohl wissend, dass die Überzeugungskraft aus lausbübischen Momenten und dem Charme des Unvollkommenen besteht. Aber das Komische ging nicht selten auch eine Ehe mit dem Experimentellen ein. Oder wie sonst sollte man es nennen, wenn alpenländisches Liedgut durch Lugerts Tenor im Max-Raabe-Gewand daher kommt? Eben jenem Lugert fiel es auch immer wieder ein, zu erwähnen, dass er einst Zivildienstleistender in Bad Staffelstein war; eine Randnotiz, die er ausschmückte. Ebenso wie seinen gekonnten Augenflirt mit irgendwem in Blockmitte links, Reihe zwei bis vier. Souverän auch das Gegengewicht in der Gruppe, der Mann, der ein Senior der Gruppe ist und den Bass singt: Benjes, ein Conferencier zwischen sportlicher Stilsicherheit, Intellekt und Frivolität. "Super Locken" sang er in textlicher Anlehnung an einen aktuellen Schlager, während seine Hand durchs Haar fuhr, "super Glocken", sang er pointiert reimend in die Richtung einer Frau deutend, die sich angesprochen fühlen durfte, so sie wollte.
Doch es wäre zu kurz gegriffen, den Abend auf leichte Unterhaltung zu verknappen. Leicht ist an ihrer Gesangskunst nichts, leicht wirkt nur die Art der Darstellung. Auch kompositorisch und textlich haben sich die fünf Männer weiterentwickelt, abseits jugendlicher Themen, dorthin, wo Gesellschafts- oder Zeitkritik melodiös ist. Gammelfleisch, Respektlosigkeit vor Vater, Mutter, Abendmahl.

Stehende Ovationen

Am Ende wollte man "Viva Voce" gar nicht erst gehen lassen. Die Konzertbesucher erhoben sich nach Verklingen des letzten Tons nahezu umgehend von den Plätzen und klatschten auf die Zugabe hin. Die erhielten sie auch. Genauso wie einen Witz mit Lokalkolorit, wurde ihnen von der Band doch in Aussicht gestellt, dass man sich zur After-Show-Party ohnehin in Schwabthal träfe.