Der Rückzug ist beschlossen. Die Buchhandlung H.O. Schulze wird über kurz oder lang eine Standortverlagerung vornehmen - von der Innenstadt in die Viktor-von-Scheffel-Straße. Die Bücher aus dem ersten Stock gehen zuerst. Ein Stimmungsbild.
Heiner Schulze wirkt ein wenig verloren. Wie er so zwischen den immer noch vor Bestand berstenden Regalen steht, wird einem bewusst, was die Zahl 20 000 bedeutet. So viele Bücher, so schätzt der Geschäftsführer, stehen hier oben versammelt. "Antiquare aus Dresden, Nürnberg, Bamberg waren schon hier und haben schon Bücher mitgenommen", gibt er dem Fränkischen Tag gegenüber Auskunft.

Das Haus soll verkauft werden

Am Ende soll der oberste Stock leer stehen, danach auch irgendwann das Erdgeschoss. Schulze hofft, das Haus verkaufen zu können, das wäre ihm das liebste.
Jetzt, wo seine Buchhändlerin schwanger geworden ist und sich aus dem Verkauf zurückzog, sei die Entscheidung gefallen. Aber Schulze, Bücher und Innenstadt sind zusammenhängende Begriffe. Das Antiquariat im 1. Stock zählte gar zu den bedeutendsten in Oberfranken.
Liest Lichtenfels denn etwa nicht? Heiner Schulze zuckt bei dieser Frage die Achseln. Er will sich an den Zahlen orientieren und sich nicht von Sentimentalität leiten lassen. Er selbst, so sagt er, hänge nicht sehr an den Büchern hier oben. Weil der Antiquariatshandel nie wirklich etwas abgeworfen habe. Wer die 22 Stufen nach oben steigt, traut seinen Augen nicht. So geht es vielen Menschen, die des sich hier bietenden Anblicks erstmalig ansichtig werden. Es scheint, als ob sich hier oben der Traum des Jorge Luis Borges erfüllt, der sich das Paradies als riesige Bibliothek vorstellte.
Wir blättern. 200 Mark (die Preise stehen noch in alter Währung und mit Bleistift verzeichnet zumeist auf der Innenseite der Buchdeckel) kostet die "Culturgeschichte des classischen Alterthums" von Jakob von Falke, erschienen um 1880. Ein großes Buch, mit Goldschnitt und Abbildungen von Zeichnungen, mit Auskunft über Staatsform und Leben und Sitte der Griechen und Römer. Der Preis wurde einst von Rudi Tischer bestimmt, einem längst verstorbenen Mann, der vor vielen Jahren hier oben saß und dem ein mythischer Ruf nacheilt. "Der hat alles gewusst", sagt auch Heiner Schulze achtungsvoll. Alles, das bedeutet alles, was mit dem antiquarischen Buch zu tun hat: Preis, Erscheinungsjahr, Autor, Auflage. "Der hat dafür gelebt", heißt es über den als freundlich und bescheiden geschilderten älteren Mann, der im hintersten Winkel, abgeschirmt von Regalen, Kataloge und Bestandslisten erstellte, Paketsendungen für andere Antiquariate oder Privatpersonen zurechtmachte. "Es hat ihn ernährt", sagt Schulze. Aber darüber hinaus sei finanziell kaum etwas hängengeblieben.
Mathematik, Philosophie, Kunstgeschichte, Religion, Dogmatik, Seefahrt, Belletristik, Geschichte - eine ganze Welt stand und steht hier oben, quoll und quillt einem seit bald 25 Jahren aus den Regalen entgegen. David Hume (1711-1776) schreibt über den menschlichen Verstand, in einem Nachbarregal berichtet ein Autor über die Gefangenschaft Casanovas in Venedigs Bleikammern, über Picassos Leben, die italienische Architektur während der Renaissance. Unter der Rubrik Militaria steht Winston Churchills Abhandlung über den Zweiten Weltkrieg - Churchill, Staatsmann und Literaturnobelpreisträger. Das Wissen, welches hier versammelt steht, ist durch die Geschichte geboren worden.
Bibliophile Raritäten? Bestimmt gibt es solche hier! Und Staub. Und was einstmals seinen Preis wert gewesen ist, wird nun für einen Euro pro Buch veräußert. Das ist eine Räumungsaktion, um Geld zu sparen, wie Schulze erklärt. Je weniger Bücher er zum Abtransport in eine Mulde werfen lassen muss, umso günstiger. Die meisten Regale sind hier noch voll, doch es dünnt sich aus, wirkt stellenweise zerfleddert.
Ein Vergleich drängt sich auf - ein literarischer: Hemingways "Der alte Mann und das Meer". Dort versucht der Fischer Santiago, einen schönen Fisch in Gänze an Land zu bekommen. Die Haie und andere Fische des Meeres nagen an seinem schönen Körper. Er wird nicht überdauern. Das Antiquariat aber soll es auch gar nicht erst.