Verklebte Augen, struppiges Fell, Schnupfen und abgemagert bis auf die Knochen: Ein Katzenelend, das beinahe jeder Urlauber aus südlichen Ländern kennt. Vernachlässigte, verwahrloste und herrenlose Katzen sind mittlerweile aber auch im Landkreis Lichtenfels eine traurige Realität. "Heuer gibt es auf den Dörfern Zustände, wie wir sie sonst nur aus dem Ausland kennen", sagt Amtstierärztin Rebecca Holmes.
Aktuell werden das Lichtenfelser Tierheim und der Tierschutzverein nahezu täglich mit dem Elend heimischer Katzen konfrontiert. "Erst vor wenigen Tagen wurden uns zwei Katzenbabys im Alter von vier bis fünf Wochen gebracht", berichtet die Leiterin des Tierheims, Caroline Hetzel-Farr. Eine Frau hatte die ausgesetzten Tiere in Burgkunstadt auf einer Wiese in einem Schuhkarton entdeckt, dessen Deckel ihrer Aussage nach noch mit einem Stein beschwert war. Die beiden darin gefundenen Katzenbabys befinden sich in einem erbärmlichen Zustand. Wären sie nicht gefunden worden, hätten sie ohne Nahrung und bei den momentanen nächtlichen Temperaturen wahrscheinlich die nächsten Tage nicht lange überlebt.
Gerade dieser Nachwuchs, für den sich offenbar niemand zuständig fühlt, verursacht dem Tierschutzverein hohe Tierarztkosten, die bei weitem nicht durch die Umlage, die Gemeinden zahlen, gedeckt ist.
Eine der Ursachen für die prekäre Lage sieht Amtstierärztin Rebecca Holmes auf den Bauernhöfen im Landkreis begründet: "Wir bekommen immer wieder
Beschwerden, dass zehn bis 20 Katzen auf einem Bauernhof rumlaufen." Doch die Landwirte fühlen sich dafür nicht verantwortlich. "Sie sagen, sie hätten zwei eigene Katzen, der Rest seien herrenlose Tiere", berichtet Holmes. Für herrenlose Tiere wären aber die jeweiligen Gemeinden und Städte zuständig.
Verschärft wird die Situation ausgerechnet noch von Menschen, die es eigentlich nur gut meinen, von Leuten, die Katzen aus Mitleid füttern. Dadurch vermehren sich diese explosionsartig, was letztlich nur noch zu mehr Tieren an den Futternäpfen und zu höheren Kosten für den Tierfreund führt.

Was kann man tun?


Besser wäre es, einmal die Kosten für eine Kastration aufzubringen, sagt der Vorsitzende des Tierschutzvereins, Rolf Herter. Um der immensen Katzenflut Herr zu werden, bietet das Lichtenfelser Tierheim eine Patenschaft an, mit der die dringend notwendige Kastration für herrenlose Katzen finanziert werden soll. Eine Patenschaft für eine weibliche Katze kostet 100, für einen Kater 50 Euro.
Zudem überlegt der Tierschutzverein, Gespräche mit den Tierärzten des Landkreises zu führen, ob diese nicht eine kostengünstige, zeitlich befristete Kastration für verwilderte, herrenlose Katzen vornehmen könnten. Eine ähnliche Aktion habe es bereits in der Vergangenheit gegeben.
Auch der Gesetzgeber hat das Problem erkannt. Künftig könnte die Kastration und Kennzeichnung von Freigängern über fünf Monate gesetzlich vorgeschrieben werden. Über das entsprechende Gesetz berät der Bundestag im November in einer zweiten Lesung. Eine Kastrationspflicht für Katzen ist in Paderborn bereits Pflicht.
Im Verlauf ihrer jahrelangen Erfahrung im Lichtenfelser Tierheim hat Leiterin Hetzel-Farr erlebt, dass sich die Leute allzu oft Tiere zulegen, ohne über die Konsequenzen nachzudenken. "Die meisten holen sich ein Tier und kommen dann mit der Haltung nicht zurecht. Viele setzen dann ihre Tiere einfach aus." Dass es sich dabei um eine Ordnungswidrigkeit handelt, die nach dem Tierschutzgesetz geahndet wird, bedenken viele nicht. Durch aufmerksame Bürger werden immer wieder die Autonummern der Leute notiert, die einen Karton am Straßenrand absetzen, und dem Landratsamt mitgeteilt. Die Folge ist dann in saftiges Bußgeld. Dann gibt es auch Leute, die ihre eigene Katze als Fundtier deklarieren und im Tierheim abgeben. Seitdem diese in Facebook eingestellt werden, erhält das Tierheim immer wieder Anrufe mit vollständigen Namen und Adresse des ursprünglichen Katzenbesitzers.