Er sollte eine Auseinandersetzung mit einer umstrittenen Person anstoßen, der Vortragsabend, zu dem der Geschichtsverein Colloquium Historicum Wirsbergense (CHW) Mitte des Monats eingeladen hatte. Über Kuni Tremel-Eggert (1889-1957), Heimatdichterin und im Dritten Reich Bestsellerautorin, wird seit Jahren kontrovers diskutiert. Antisemitische Aussagen, ja üble Hetze, in ihren zur Zeit des Nationalsozialismus erschienenen Werken stehen frühere Texte gegenüber, die als historische Quellen ihrer oberfränkischen Heimat gelten. Der Heidelberger Literaturwissenschaftler Ralf Georg Czapla hatte sich intensiv mit der Autorin befasst. Dazu gekommen war er während seiner Arbeit an der Biografie über Unternehmer Friedrich Baur. Die Schwester dessen Frau Kathi war nämlich mit Kunigunde Tremel eng befreundet. Czapla konnte persönliche, unveröffentlichte Dokumente einsehen. In seiner wissenschaftlichen Aufarbeitung skizzierte er ein differenziertes Bild einer Frau, die er als warnendes Beispiel auch für die Gegenwart bezeichnete - weil sie sich "um des Erfolges willen an eine menschenverachtende politische Bewegung verkaufte".

Die Diskussion in Burgkunstadt wurde indes anders geführt, wenn denn überhaupt eine Diskussion geführt wurde. Medial beziehungsweise vor allem im Internet wurden Meinungen verbreitet. Tagesgespräch vor Ort sei das Thema keineswegs, fand Bürgermeisterin Christine Frieß (CSU), die auch keine Notwendigkeit darin sah, die nach Kuni Tremel-Eggert benannte Straße umzuwidmen.

Damit teilt sie zwar Professor Czaplas Standpunkt, der dafür Kritik einstecken musste. Das war aber nicht sein eigentliches Thema. Czapla habe genau das gemacht, was nottut, unterstrich Professor Günter Dippold, Bezirksheimatpfleger und Vorsitzender des CHW: "Nämlich zu erklären, wie die Prinzipien von Verführung funktionieren. Kuni Tremel-Eggert ist eine Frau, die sich hat verführen lassen und die zur Verführung zum Bösen hin beigetragen hat. Sie ist aber kein aus der Hölle emporgestiegener Dämon, sondern ein Mensch wie jeder Mensch, mit guten und mit schlechten Seiten. Es geht ums Verstehen, nicht ums Verdammen. Es geht ums Beurteilen, nicht ums Verurteilen. Und das ist wesenhaft für Wissenschaft."


Von Anrufern beschimpft

Anmerkungen, die den Literaturwissenschaftler (übrigens auch Holocaust- und Resistenza-Forscher) in die Nähe zu rechtsextremen Positionen rücken, nennt Dippold "absurd". Auch der Vorhalt, an die Täter werde erinnert, an die Opfer nicht, treffe überhaupt nicht zu. Czapla habe etwa in seiner Baur-Biografie an mehrere jüdische Personen erinnert und damit Opfergedenken betrieben.

Ralf Georg Czapla selbst ist enttäuscht und empört über die Reaktionen. Er habe schon im Vorfeld etwa ein Dutzend Anrufe bekommen, die meisten wohl aus Oberfranken. "Viele Anrufer blieben anonym. Die einen beschimpften mich, weil ich überhaupt über die NS-Autorin Tremel-Eggert spreche, die anderen wollten, dass ich sie als gute deutsche Autorin hinstelle. Nicht einer fragte danach, worum es in meinem Vortrag überhaupt geht."
Der Professor beklagt "eine Kultur des bewussten Missverstehens". Nach dem Vortrag sei eine Rufmord-Kampagne gegen ihn angelaufen. Czapla nannte in dem Zusammenhang die Facebook-Seite von Marcus Dinglreiter, auf der kolportiert worden sei, er habe eine Gedenkveranstaltung für Kuni Tremel-Eggert abgehalten. Auf Anfrage unserer Zeitung an Dinglreiter, Rechtsanwalt aus Burgkunstadt und ehemaliger Vorsitzender des dortigen Bürgervereins, wies dieser den Vorwurf zurück und sagte, der Begriff Gedenkveranstaltung habe sich auf zukünftige Ereignisse wie den am 14. April anstehenden 60. Todestag der Autorin bezogen. Der Vorwurf des Kolportierens beziehe sich möglicherweise auf einen Satz in einem von ihm auf Facebook mit einer zustimmenden Meinungsäußerung geteilten Blog-Beitrag. Zwischen ihm und dem Blog-Autor habe keine Absprache bestanden. "Meine Meinungsäußerungen bewegen sich nach meiner Auffassung im Rahmen der grundrechtlich geschützten Meinungsfreiheit."

Auf der Facebookseite - die inzwischen aus dem Netz genommen wurde! - ging es vor allem um die Frage, Straßenumbenennung oder nicht. Professor Czapla hatte sich gegen eine Umbenennung ausgesprochen. "Weil man niemals weiß, wohin das führt", wie er erklärte. Am Ende würden Gräber eingeebnet und Häuser abgerissen, wie die Nazis es auch getan hätten. Im Internet äußerten dann Burgkunstadter, der Abriss des Geburtshauses sei abwegig, aber Straßen dürften nicht nach Tätern benannt werden. "Burgkunstadt muss sich hier eindeutig positionieren", schrieb etwa Matthias Huth.

Günter Dippold merkte im Hinblick auf diese Debatte an, es dürfe auf keinen Fall Denkverbote geben. Entscheidend sei nicht die Straßenbenennung. "Wir müssen verstehen, wie jemand Täter werden konnte, der eigentlich begabt war, der eigentlich ein netter Mensch war. Das ist gerade heute wichtig! " Um dieses Begreifenwollen gehe es. "Wer da dagegen redet, der hat die soziale Relevanz von Geschichte nicht begriffen." Der habe nicht begriffen, worauf es ankommt.