Draußen windet es, Schwüle liegt in der Luft. Drinnen Stille, Geschichte und Geschichten. 27 Besucher kamen pünktlich zu der anberaumten Kirchenführung. Doch über 35 werden sie verlassen. Kein mathematisches Wunder, sondern einem erhellenden Vortrag geschuldet.
Nein. Gertrud Hammerich mag nicht, über sich sprechen. "Es geht um die Kirche", sagt sie und dieser Satz charakterisiert sie wohl. Es ist der Seniorin peinlich, wenn man sie auf sie anspricht, denn sie ist bescheiden und möchte sich nicht "hervortun". So sieht sie das nämlich, sollte ihr Name im Zusammenhang mit der von ihr gehaltenen Kirchenführung fallen oder ihr Foto erscheinen. Aber sie ist am heutigen Tag die Kirchenführerin und sie ist da, und an ihr vorbei oder um sie herum schreiben, geht nun mal nicht.
Also willigt sie ein. Resigniert aber lächelnd. Eine Glocke schlägt 15 Uhr. Dann, lächelnd und ruhigen Schritts, kommt Gertrud Hammerich von Richtung Hauptaltar auf die Wartenden zu, stellt sich vor, erklärt, dass sie heute nur ausnahmsweise führt, und legt los. Altarnische um Altarnische und Fresko um Stuckwerk arbeitet sie sich in Richtung Hochaltar vor, nimmt die Gruppe Meter um Meter mit. Nicht belehrend und offen für Fragen der Besucher, viel wissend und zugebend, auch nicht alles zu wissen.


Das eingemauerte Herz

Es betreten acht weitere Menschen die Kirche, sie fühlen sich angezogen von dem Gesagten und gehen Meter um Meter mit, schließen sich an. Wie durchkomponiert das Gotteshaus ist, wird den Zuhörern ein ums andere Mal klar. Ein Heiliger verweist auf einen anderen, deutet gar in dessen Richtung. Und das Herz, nur das Herz eines Herzogs, liegt zur ewigen Ruhe in einem Pfeiler eingemauert. Wilhelm Herzog in Bayern hat sein Herz in der Kirche gelassen, nicht nur sprichwörtlich. Er war ein Förderer des Ortes und der Grund, warum er nicht Herzog von Bayern sondern Herzog in Bayern war, hat damit zu tun, dass er nur zur wittelsbachischen Nebenlinie gehörte. Auch Humor hat diese Kirche, deren Grundstein 1710 gelegt wurde, aufzuweisen, wenngleich das ein Insider-Witz ist, aber immerhin ein 27 Mal vorkommender. Johann Jakob Vogel (1661-1727) hieß der Stuckateur, der sich hier verewigte. 27 Mal taucht er als modellierter Vogel im Stuckwerk der Klosterkirche, die das Patrozinium von St. Dionysius und St. Petrus trägt, auf. Dass Vogel aus Wessobrunn stammt und in Bamberg verstarb, weiß die Kirchenführerin, die heute nur ausnahmsweise für einen anderen Kirchenführer einspringt. Die Hektaranzahl des Schieferdachs kennt sie auch, weiß um die architektonischen Raffinessen und dass der berühmte Baumeister Balthasar Neumann dieses Kirchengewölbe studierte, um sich an Vierzehnheiligen wagen zu können. Als die Kirchenführerin auf das zu sprechen kommt, wofür das Kloster einstmals stand, gerät eine gewisse Traurigkeit in ihre Stimme: "Es wurde Religion, Wissenschaft und Kunst bis zur Säkularisation1803 vermittelt, und dafür stand je eine Rose in den Abtswappen." Vorbei und vergangen seit 1803. Da begann die Ausräumung der Klosterbibliothek. "15000 Bücher war der Bestand, sie sind weg, keines mehr da." Da war es wieder, das resignierte milde Lächeln.
Auch die Motive der großen Kuppelfresken sind nicht einfach nur fromm gewählt, sondern wollen ein ganzes Programm erklären: wie sich die Seele mit Gott vereinigt, ganz nach der Vorstellung der Heiligen und Mystikerin Theresia von Avila. Bald wird kleiner Graben erkennbar, nicht tragisch und nicht komisch, sondern einfach nur vorhanden. Eine Besucherin erzählt von ihrem Befremden gegenüber den ausgestellten Reliquien und wie sie sich als Kind vor ihnen fürchtete. Für Gertrude Hammerich haben diese Knochen keinen Grusel, sie erklärt die Hintergründe der Reliquienverehrung, stellt sie in die Epoche und hat ansonsten Verständnis für die Ansicht und das Kindheitserleben der Besucherin. Zum Ende hin führt Gertrud Hammerich die Besucher durch die Sakristei ins Chorgestühl, zum Höhepunkt der Führung. Dort wird sie seitens einer Besucherin ein Lob erfahren: "Vielen Dank für die sehr kompetente Führung."
Ob sie sich über Zwischenfragen freut? Ja, sagt Gertrud Hammerich, die über Jahrzehnte diese Führungen machte und nun im Schwerpunkt Rentnerin und Oma ist. Doch es gibt auch Fragen, die sie ärgern. "Beispielsweise wenn Leute immer wissen wollen, was das früher alles so gekostet hat, wenn es den Leuten nur ums Geld geht." Der Frau, die von sich sagt "ich liebe meine Kirche sehr", ist das Gotteshaus Zeichen und Kunstwerk, Hinweis auf Gott und voller Geschichten, mehr als die Summe von Geldern also. Und ja, ab und an bemüht sie sich noch um neue Quellen, dann, wenn sie was in Büchern findet. "Das lese ich immer." Und noch einmal ja: Wenn irgendwo steht, "Fotografieren verboten", dann habe das seinen Sinn. "Ja, fotografieren mit Blitz schadet den Bildern ganz gewaltig." Dann ist es der bescheidenen Frau genug, sie mag nun nicht mehr über sich sprechen. Es sei ja schon heute nur eine Ausnahme. Da war es wieder, das Lächeln.