Schon beim Betreten des separierten Gästeraums im Landgasthof "Zum Anker" ist eine bedrückende Atmosphäre zu spüren. Während im großen Gästesaal nebenan lockere Stimmung herrscht, sind die regen Gespräche im Separee spürbar aufgeheizt. Der Redebedarf der ehemals bei der Baur-Kaufwelt in Altenkunstadt Angestellten ist groß. Etwa 15 Betroffenen finden sich an diesem Abend im Landgasthof ein. "Man spürt die Unruhe”, meint auch Betriebsseelsorger Norbert Jungkunz vom Arbeitnehmerpastoral Bamberg. Baur-Betriebsrat Rolf Gnatzy, der für Verdi in der Tarifkommission sitzt, steht den Anwesenden neben Norbert Jungkunz und Christina Adam bei Fragen zur Seite.

Christina Adam von der Arbeitslosenberatung der katholischen Betriebsseelsorge Coburg ist die "Fachfrau" in rechtlichen Fragen; denn "sie hat täglich mit diesen Fällen zu tun", wie Norbert Jungkunz weiß. Der Pastoralreferent, der den Abend
moderiert, fragt nach aktuellen Anliegen und möglichen Problemen in die Runde. "Was passiert, wenn ich in einem Monat nicht zehn Bewerbungen schreiben kann?" - "Muss ich die Weiterbildungskurse besuchen, zu denen mir mein Arbeitsvermittler rät?" Diese und viele andere Fragen stehen für das dringende Informationsbedürfnis und die Angst, die die Betroffenen verspüren. Viele der ehemaligen oder noch befristet bei Baur Angestellten fühlen einen großen Aufklärungsbedarf, was Behördengänge und die Bürokratie mit dem Arbeitsamt und dem Jobcenter anbelangt. "Sämtliche Arbeitslosenprobleme setzten sich aus existenziellen, aber auch rechtlichen Problemen zusammen", sagt Christina Adam. Ihre Funktion sei es, bei Unsicherheit in Hinblick auf Verhalten gegenüber Behörden und Bewerbungen zu beraten.

Dass die Bestimmungen, Forderungen und Rechte den Betroffenen oft im Kleingedruckten vermittelt werden - daraus macht Christina Adam keinen Hehl: "Lesen Sie sich Ihre Eingliederungsvereinbarungen genau durch!" Denn diese enthielten verschiedene Anforderungen und Bestimmungen, auch im Hinblick auf die Zahl der Bewerbungen, die die Arbeitssuchenden im Zuge ihrer Eigenbemühung zu schreiben haben. Der Teufel im Detail scheint gerade jener Punkt zu sein, vor dem einige der Frauen in der Runde am meisten Angst verspüren. Sie fürchten Fristversäumnisse, unzumutbare Forderungen und Sanktionen in Form von Sperrfristen.

Auch wenn Norbert Jungkunz die Stimmung im Gasthof als aufgeladen empfindet, verspürt er die Unruhe nicht als anormal. Aus Erfahrung weiß er, dass die meisten mit Arbeitslosigkeit konfrontierten Menschen Unsicherheit und Unruhe verspüren. "Die Menschen sind durch den Verlust ihrer Arbeit traumatisiert." Hier werde die Drucksituation deutlich, in der sich die Betroffenen angesichts der Forderungen vonseiten des Arbeitsamts befinden: "Sie erleben das Fordern, aber erwarten das Fördern", umreißt er deren Lage.


Mit der Arbeitslosigkeit allein gelassen

Die meisten der ehemaligen Kaufwelt-Angestellten hätten bis zur endgültigen Schließung mitgearbeitet. Verstärkt durch den Druck seitens des Arbeitsamts komme so im Allgemeinen das Gefühl auf, ungerecht behandelt worden zu sein. Norbert Jungkunz ist sich sicher, dass sich Baur um seine Mitarbeiter in fairer Weise gekümmert habe. "Allerdings fühlen sich die meisten mit der Erfahrung des Arbeitsloswerdens allein gelassen." Er macht außerdem darauf aufmerksam, dass auch die Jobcenter-Angestellten dem Leistungsdruck unterlägen. So müssten sich eben auch diese Angestellten um entsprechende Vertragsbedingungen der Eingliederungsvereinbarung kümmern.

Dass die Arbeitssuchenden mit dieser Vereinbarung nicht nur Pflichten, sondern auch Rechte durchsetzen können, betont Christina Adam - Voraussetzung sei aber die Kenntnis über die Leistungsforderung.

Mit Veranstaltungen wie diesen möchte Norbert Jungkunz die Betroffenen dazu ermuntern, Beratungsstellen wie der Arbeitslosenberatung in Coburg, Kulmbach oder Bamberg wahrzunehmen. "Ich weiß, dass die Frauen und Männer, die arbeitslos werden, individuell mit ihrer Situation umgehen müssen. Aber Vernetzung, Beratung und die Gemeinschaft mit den alten Kollegen helfen, dafür gibt es gute Beispiele.”