57 Kilometer Luftlinie trennen die beiden Orte. Mit dem Auto sind es rund 81 Kilometer. Michelau in Oberfranken hat mit Michelau im Steigerwald in Unterfranken ein Pendant, das nicht nur durch die Namensgleichheit neugierig macht. "Von Michelau nach Michelau" lautete deshalb der "Marschbefehl" für Bertram Wich, den seine Fans in Oberfranken als "DJ Wichwahn" kennen.

Gemeinsam mit Freunden startet er zu einem Kurzbesuch im "anderen Michelau." Doch während seine Kumpel die Anfahrt mit dem Fahrrad wählten, suchte Bertram Wich eine andere sportliche Herausforderung. Als begeisterter Langstreckenläufer legte er die Strecke in Laufschuhen zurück.

Erste Kontakte in den 90ern

Erste Kontakte zwischen den beiden Ortschaften gab es, wie Bernd Tischer zu berichten wusste, bereits in den 90er Jahren im Zuge einer Weinfahrt der Oberfranken nach Unterfranken. Doch das zarte Pflänzchen der Freundschaft verfiel in einen Dornröschenschlaf, ehe es im Rahmen einer Radtour im Corona-Jahr wiedererweckt wurde. Das Hexenhäusle Neuhausen, in einem Ortsteil von Michelau im Steigerwald gelegen, hatte es den Freunden mit seinem Biergarten und dem originellen Ambiente angetan. Die separate Übernachtungshütte mit ihren Stockbetten lud zum Übernachten ein.

Das Abenteuer "Michelau meets Michelau" begann für Bertram Wich am Samstagmorgen um 6 Uhr. Mehrere Wochen hatte sich der Hobbyläufer auf die lange Strecke vorbereitet. Nicht umsonst, wie sich zeigen sollte, denn nach heißen Sommertagen regnete es am Samstag den ganzen Vormittag.

Hauptsache ankommen lautete das Ziel. Die Zeit war bei diesem Lauf gegen den "inneren Schweinehund" Nebensache. Nicht alles lief glatt. Allein auf weiter Flur, als Proviant-Selbstversorger, kämpfte Bertram Wich mit der Strecke und dem Regen, der erst zur Mittagszeit nachließ. Nach rund 40 Kilometern war er am Tiefpunkt angelangt. In einem Bushäuschen in Priegendorf, einem Stadtteil von Baunach, machte er sich Gedanken über den Sinn seines Tuns. Schließlich waren es noch über 30 Kilometer bis zum Ziel.

Positives Denken hilft

Bertram Wich wusste, auch Finisher von Ultratrails kennen diese Schwachpunkte. Da hilft es nur, einfach weiterzulaufen und so trabte er wieder los. "Es wird nicht schlimmer, sondern besser, wenn man weitermacht", hatte er gelesen, und so war es auch. Er erlebte einen richtigen Flow, registrierte, dass er bereits acht Kilometer geschafft hatte, ohne gleichzeitig über die verbleibenden 24 Kilometer nachzudenken.

Bei Eltmann ging es ewig lang den Berg hoch und danach runter nach Unterschleichach. Um sicherzugehen, dass er noch auf der richtigen Route war, fragte er einen Einheimischen. "Wo willst'n hin?" fragte der. "Nach Michelau." "Und wo kommst'n her?" "Von Michelau." Der Einwohner war etwas verdutzt, klärte aber dann auf: "Das sind fei noch mindestens neun Kilometer."

Tatsächlich wurden es in Wirklichkeit einige mehr, da Bertram Wich einmal falsch abgebogen war und einen kräftezehrenden Umweg lief. Doch das spielte alles keine Rolle mehr. Nach 8:13 Stunden kam er in Michelau im Steigerwald an. Die 74 Kilometer mit 940 Meter Höhenunterschied hatten ihn knapp 4400 Kalorien gekostet. Doch was zählte, war der persönliche Sieg.

Immerhin veranlasste diese Energieleistung den frisch gewählten Bürgermeister Michael Wolf aus Michelau/Unterfranken, sich mit Bertram Wich am Ortsschild zu einem Erinnerungsfoto zu treffen. Wie sich das gehört, wurden Geschenke ausgetauscht. Bertram Wich fungierte als Überbringer des Michelauer Erinnerungstellers und konnte dafür eine Nachbildung des dortigen Gemeindewappens mit in seinen Heimatort nehmen.

Beide Wappen regten zu einem Vergleich an: Die Michelauer Fischreuse weist auf das ehemalige Fischerdorf und den Weidenanbau in Oberfranken hin. Das unterfränkische Gemeindewappen ziert ein durchgehender silberner Bischofsstab, oben mit je einer goldenen Weintraube, unten belegt mit einer geöffneten goldenen Schere. Michelau in Unterfranken ist eben im Gegensatz zum großen Bruder überwiegend katholisch und von zahlreichen Weinbergen umgeben. Schließlich gibt es im Ort sechs Winzerbetriebe, und so wird ein Weißwein aus Michelau/Unterfranken gern auch mal im Michelau/Oberfranken den Gästen kredenzt.

Die unterfränkische Gegend ist weit ländlicher geprägt als das Obermaingebiet. Dagegen hat sich die ehemalige Korbmachergemeinde längst zum Industriestandort gemausert. "Wo ist denn hier das Gewerbegebiet?" Das bekommen die Unterfranken immer wieder einmal von einem auswärtigen Lkw-Fahrer zu hören, der versehentlich nicht in Michelau in Oberfranken, sondern in Unterfranken gelandet ist. Dort gibt es aber kein derartiges Gewerbegebiet.

1120 Einwohner und elf Ortsteile

Das liegt wohl auch an den Einwohnerzahlen. Während Michelau/Oberfranken insgesamt rund 6300 Einwohner zählt, von denen etwa über 3500 in der Kerngemeinde beheimatet sind und der Rest in den übrigen vier Gemeindeteilen, zählt Michelau/Unterfranken aktuell 1120 Einwohner. Elf Ortsteile bilden die Gesamtgemeinde, sieben größere Ortschaften und vier kleinere Ansiedlungen.

Bei aller Verschiedenartigkeit haben beide Orte auch Gemeinsamkeiten. Bei den jüngsten Gemeinderats- und Bürgermeisterwahlen gab es in beiden Orten einen Machtwechsel. Michael Wolf ist seit dem 1. Mai ehrenamtlicher Bürgermeister im unterfränkischen Michelau. Sein Vorgänger Siegfried Ständecke stand 18 Jahre an der Spitze der Gemeinde und kandidierte 2020 nicht mehr.

Analog verhielt es sich auch in der Korbmachergemeinde. Hier hat der neu gewählte Bürgermeister Dirk Rosenbauer am 1. Mai das Amt des Bürgermeisters übernommen. Sein Vorgänger Helmut Fischer stand seit dem 9. April 2006 an der Spitze der Großgemeinde. Auch er verzichtete zuletzt auf eine erneute Kandidatur.

Nachbarschaftliches Verhältnis

So war es nur zu verständlich, dass Bürgermeister Michael Wolf darum bat, seinen Amtskollegen Dirk Rosenbauer herzlich zu grüßen. Damit könnte der Hobbylauf von Bertram Wich dazu betragen, das nachbarschaftliche Verhältnis der beiden Ortschaften wieder etwas zu beleben. Die Heimatkapelle Michelau im Steigerwald musste coronabedingt die Feier ihres 75-jährigen Bestehens auf 2021 verschieben. "Unser Besuch und das geplante Kreismusikfest könnten ja den einen oder anderen Michelauer anregen, sich Michelau in Unterfranken mal näher anzuschauen", stellte Bertram Wich in diesem Zusammenhang fest.