In der Ukraine herrscht Krieg, in vielen Ländern demonstrieren die Menschen auf den Straßen für ein Ende der russischen Invasion. Und sie beten in den Kirchen für den Frieden. Auch im Landkreis Kulmbach sind die Menschen in Gedanken und mit dem Herzen bei den Ukrainern, und nicht wenige haben Angst: Kommt der Krieg nun auch zu uns? Die Menschen mit diesen Sorgen, in ihrer Machtlosigkeit nicht allein zu lassen, ist in diesen Tagen ein Anliegen der Kirchen.

Was Kirche kann und was nicht, darüber haben wir mit dem evangelischen Dekan Friedrich Hohenberger und dem leitenden katholischen Pfarrer Hans Roppelt gesprochen.

"Ich wünsche mir Zurückhaltung"

Für Friedrich Hohenberger steht eines fest: "Die Kirche soll nicht die Aufgaben der Politik übernehmen. Das ist nicht unsere Rolle." Angesichts des Konflikts stellt sich ihm auch die Frage nach dem achten Gebot: "Du sollst nicht falsch Zeugnis reden!" Dazu gehört für den evangelischen Dekan, nicht jede Information als wahr anzunehmen und weiterzugeben - egal, von welcher Seite sie kommt. Der Dekan wünscht sich ein wenig Zurückhaltung - mit der Äußerung eigener Ansichten wie auch mit dem Schüren von Ängsten. "Es gibt so viele Informationen, aber wir wissen eigentlich nichts."

"Anwalt für den Frieden sein"

Das solle freilich nicht heißen, dass Unrecht einfach hingenommen werden soll. Ganz im Gegenteil: "Unrecht muss benannt werden. Ich habe viel im Bereich der Beratung gearbeitet und dabei gelernt, dass man bei Konflikten aller Art vor allem eines tun muss: sich hineindenken in beide Seiten. Was ist da los, was treibt die Parteien um? Wenn man etwas erreichen und gute Lösungen finden will, muss man Anwalt für den Frieden sein, die Rechte aller Beteiligten anerkennen und immer genau schauen, was dem Frieden dient und was nur zu weiterer Eskalation führen würde."

Was ist die Rolle der Kirche in dieser Krisensituation? "Für die Menschen da sein - mit ihren Sorgen und Ängsten. Möglichkeiten bieten, als Gemeinschaft zusammenzukommen, zusammenzuhalten, gemeinsam zu beten: "Das Stärkste, was wir haben, ist das Beten."

Das gemeinsame Gebet hat Kraft. Davon ist auch Pfarrer Hans Roppelt überzeugt. Was kann ein Gebet erreichen? "Wir spüren in solchen Andachten, dass wir nicht allein sind mit unserem Anliegen und mit unseren Sorgen und Ängsten. Wir erleben, dass es viele andere gibt, die das ebenso bewegt."

In den letzten Tagen habe er sehr deutlich erlebt, dass die Menschen bei uns Angst haben, wenn sie die Bilder von zerbombten Häusern, Panzern und Müttern mit Kindern auf der Flucht in den Nachrichten sehen. "Und die Sorge, dass der Krieg auch zu uns kommen könnte, die ist nicht unbegründet", meint der katholische Geistliche. "Ich verspüre diese Angst auch selbst. Bewaffnete Konflikte waren für uns bisher immer weit weg, jetzt wirken sie nah und bedrohlich."

Hans Roppelt erinnert sich noch an die Zeit des Kalten Krieges, als die Menschen fürchteten, Deutschland könnte Schauplatz eines Krieges zwischen Ost und West werden. "Ich bin selbst damals auf die Straße gegangen, habe mit vielen anderen für Abrüstung demonstriert. "Frieden schaffen ohne Waffen", das war unser Motto. Am liebsten hätten wir damals die Bundeswehr abgeschafft."

Heute sieht Roppelt das anders, weil die Situation eine andere sei: "Da ist ein durchgeknallter russischer Präsident, dem man mittlerweile alles zutraut. Wenn wir keine schlagkräftige Bundeswehr haben, uns nicht verteidigen können, trägt das eher zum Unfrieden bei."

Die evangelischen und katholischen Kirchengemeinden im Kulmbacher Raum haben unmittelbar nach Kriegsausbruch mit verschiedenen Angeboten reagiert und werden weitere organisieren. In vielen Gemeinden werden die Gottesdienste und Andachten bereits für Friedensgebete genutzt. In der Spitalkirche ist die Reihe "30 Minuten für Gott" jeden Mittwochabend dem Friedensgebet gewidmet, in der "ULF" werden sonntags um 17 Uhr Friedensandachten gehalten. Ökumene ist den Geistlichen beider Konfessionen in der Krisenzeit besonders wichtig. "Jeder ist willkommen", sagt Roppelt.

Gebete zum Mitnehmen

In der Petrikirche gibt es einen Gebetsleuchter mit Gebeten zum Mitnehmen, in "Unsere Liebe Frau" und St. Hedwig sind ebenfalls Gebete zum Mitnehmen ausgelegt, und es können Kerzen für die Menschen im Kriegsgebiet entzündet werden. Diese Angebote werden auch intensiv genutzt, weiß Pfarrer Roppelt : "Wann immer ich zur Zeit in die Kirche gehe, ich bin dort fast nie allein. Immer ist jemand dort, der betet."