Für die Abiturienten in Bayern wird es diese Woche ernst. Nach zwei herausfordernden Jahren Qualifikationsphase, die von Corona, Quarantäne und Distanzunterricht geprägt waren, müssen sie nun ab Mittwoch ihre Prüfungen schreiben. Mit Maske, noch mehr Abstand als sonst, und - das beklagen Elternvertreter aus Oberfranken - in den oberfränkischen Hochinzidenz-Gebieten mit deutlichen Nachteilen in der Vorbereitung aufgrund des zum Teil monatelangen Distanzunterrichts.

"Keine Chancengleichheit"

Die Pandemie-Lage hat vor allem die Schulen im Osten Oberfrankens stärker als andere Schulen im Freistaat getroffen. "Eine Chancengleichheit in der Abiturvorbereitung ist schon längst nicht mehr gegeben", sagen die Vertreter der Landes-Eltern-Vereinigung der Gymnasien in Bayern (LEV), zu denen auch die Kulmbacherin Uschi Prawitz (Vorsitzende der Arge Bayreuth-Kulmbach) und der in Kulmbach praktizierende Arzt Jens Meister (Gesamtvorstand) gehören.

Bereits seit längerem weisen die Elternvertreter auf die ungleichen Rahmenbedingungen innerhalb Bayerns hin und fordern eine entsprechende Berücksichtigung. Nachdem von Seiten des Kultusministeriums in dieser Hinsicht bislang nicht viel passiert ist, hat der Sprecher der oberfränkischen LEV-Arbeitsgemeinschaften, Stefan Peter aus Coburg, am 7. April an Kultusminister Piazolo sowie alle oberfränkischen Landräte und Abgeordneten geschrieben. Darin heißt es unter anderem: "Schüler und Eltern der Klassen Q11 und Q12 an den Gymnasien in Oberfranken sind stark verunsichert. Der Lernstand der angehenden Abiturienten ist ortsabhängig sehr unterschiedlich. Für unsere Region ergeben sich Besonderheiten, welche, so ist zumindest unsere Wahrnehmung, von Seiten der Politik und dem Kultusministerium bisher nicht mit der erforderlichen Aufmerksamkeit beachtet wurden."

Rainer Ludwig hat sich eingesetzt

Überschaubar blieben auch die Reaktionen auf dieses Schreiben. Lediglich der Kulmbacher Landtagsabgeordnete Rainer Ludwig (FW) und der Bayreuther MdL Tim Pargent (Grüne) sind aktiv geworden. Rainer Ludwig hat sich laut Arge-Vorsitzender Uschi Prawitz für die Thematik in München sehr stark eingesetzt und viele Gespräche geführt. Er hatte den LEV-Vertretern am 9. April geantwortet: "Ich habe Ihre Anliegen umgehend und mit Nachdruck persönlich gegenüber meinem FW-Parteikollegen und Kultusminister Piazolo untermauert - mit der Bitte um schnelle Bewertung und zielorientierte Behandlung. Da Sie Ihr Schreiben direkt an die Adresse von Minister Piazolo geschickt haben, gehe ich davon aus, dass Sie zeitnah Rückmeldung aus dem Ministerium erhalten werden."

Die Antwort vom Ministerium kam, allerdings fast vier Wochen später am 3. Mai und auch nicht von Minister Piazolo, sondern von dessen Ministerialrat Peter Kammler. Sie enthielt eine Aufzählung aller Maßnahmen, die vom Kultusministerium bezüglich des Abiturs (bayernweit) ergriffen wurden und die Beteuerung, dass es "dem Staatsministerium ein besonderes Anliegen ist, für die Schülerinnen und Schüler der Q11 und für unsere Abiturienten faire, vergleichbare und - soweit es das Pandemiegeschehen zulässt - auch verlässliche Bedingungen zu schaffen. Dabei haben wir alle bayerischen Regionen in gleicher Weise im Blick".

Videokonferenz am Montag

Der Frust bei den oberfränkischen LEV-Vertretern über diese wenig spezifische Reaktion sorgte dafür, dass es nun am Montagabend eine Videokonferenz gibt, an der auch Ministerialbeauftragter Harald Vorleuter (früher Schulleiter am MGFG), die LEV-Vorsitzende aus München und Vertreter der oberfränkischen Arbeitsgemeinschaften teilnehmen. Jens Meister ist über das Gesprächsangebot froh und hofft, "dass sich noch etwas bewegt". Zum Beispiel bei der Notengebung für die Schüler aus Hochinzidenz-Gebieten ("Die Lehrer waren bisher gütig in der Bewertung, aber jetzt ist es ja eine zentrale Prüfung"). Die Eltern wollen von den Vertretern des Kultusministeriums außerdem wissen, was konkret geplant ist, damit es für die jetzige Q11 nächstes Jahr und die künftigen Abiturjahrgänge besser läuft. Man sollte auch nicht vergessen, gibt Jens Meister zu bedenken, dass es nicht nur um die Gymnasien geht. "Die Thematik betrifft alle anderen Schularten ja auch." Für ihn ist vor allem wichtig: "Es muss der Druck raus aus diesem System Schule, Eltern, Schüler."

"Das ist kein Corona-Not-Abitur"

Und wie sehen die Kulmbacher Gymnasien die Situation? Von einer Chancenungleichheit will der Schulleiter des Markgraf-Georg-Friedrich-Gymnasiums, Horst Pfadenhauer, nicht sprechen. "Für unseren Bereich kann ich das nicht sagen. Wir haben in Kulmbach nichts anbrennen lassen und unsere Abiturienten intensiv betreut." Alle Unterrichtsstunden seien gehalten worden, zum Teil eben online. Er betont: "Dieses Abitur hat die gleiche Wertigkeit wie das der Vorjahre. Das ist kein Corona-Not-Abitur."

Höchsten Respekt vor den Leistungen der Abiturienten hat Nicole Hall, Mitglied des Elternbeirats des Markgraf-Georg-Friedrich-Gymnasiums, die die Schule auch in der Landeselternvereinigung vertritt. Die Situation für die Abiturienten ist alles anderes als einfach, sagt sie. Ihre Tochter Larissa ist eine der Abiturientinnen, die am Mittwoch unter erschwerten Bedingungen die Prüfungen beginnen. Der ständige Wechsel zwischen reinem Distanzunterricht und Wechselunterricht sei eine große Herausforderung in der Vorbereitung gewesen, sagt sie. Auch die Vorbereitungsklausuren seien coronabedingt stark gekürzt worden. So hätten die Schüler nicht die Gelegenheit gehabt, auszuprobieren, ob ihr Zeitmanagement für die Prüfungen passt.

Masken als Erschwernis

Doch Nicole Hall sieht in der Situation auch etwas Positives: "Die Schüler haben gelernt, sehr selbstständig und eigenverantwortlich zu arbeiten, sich selbst zu organisieren. Für Studium und Beruf ist das eine sehr gute Vorbereitung." Dass die Prüfungen mit Masken geschrieben werden müssen, sieht die Mutter allerdings als echtes Erschwernis. "Jeder, der öfter ein paar Stunden mit diesen Masken arbeiten muss, weiß, dass es damit schwerer fällt, sich zu konzentrieren." Dazu komme der Covid-19-Test vor der Prüfung: "Das ist eine große psychische Belastung. Was ist, wenn man positiv ist und nicht mitschreiben darf?"

Das sagt ein Abiturient

Hannes Winkelmann (Name geändert) aus dem Landkreis Kulmbach startet am Mittwoch mit der Deutsch-Prüfung in die Zielgeraden seiner schulischen Laufbahn. Wie bereitet sich der 18-Jährige auf diese so entscheidenden Wochen vor, zumal er als Oberfranke - und damit lange Zeit "Hochinzidenzler" - in den vergangenen Wochen und Monaten sein Gymnasium von innen eher selten bis gar nicht gesehen hat? "Für die hohen Coronazahlen kann man nicht unbedingt was, da kann auch die Schule nichts dafür - aber es ist schon schwierig, wenn man bei Fragen oder Problemen seine Lehrkraft vor Ort eben nicht direkt fragen kann, sondern sich über Meetings anmelden und dann oft gedulden muss, bis man eine Antwort bekommt. Eigentlich ist man ziemlich oft auf sich allein gestellt gewesen." Es stehe und falle extrem mit dem Lehrer und wie flexibel er mit der Situation umgehen könne, sagt der Abiturient.

Das beginne schon damit, ob ein Pädagoge mit modernen Techniken vertraut sei oder eher weniger.

Ist es da fair, dass solche Einschränkungen bei einem landesweit für alle gleichen Prüfungsstoff letztlich keine Rolle spielen sollen? "Das Kultusministerium hat immerhin angekündigt, einige Themen aus den Prüfungen zu streichen - was ich schon mal ganz gut finde." Dennoch müsse sein Jahrgang 2021 womöglich mit einem Corona-Malus leben.

"Ich bekomme es ja von anderen mit, die uns bedauern, unter diesen Bedingungen in die Prüfungen gehen zu müssen. Dass wir die ,ärmsten Säue' sind, war auch zu hören. Ich für mich kann sagen: Eine Wiederholung der Q12 wäre nicht infrage gekommen. Dann ziehe ich das jetzt durch."

Sollte es aufgrund der Schwierigkeiten eine wohlwollende Anpassung der Noten geben, so würde das der Schüler begrüßen. "Das darf dann aber nicht dazu führen, dass man uns im Nachhinein vorwirft, unser Abi sei ja viel leichter gewesen und könne deswegen nicht so zählen wie andere Abschlüsse. Diese Kehrseite der Medaille sehe ich sehr wohl auch."