Mitglieder der Soko Tierschutz, einer Gruppe von Tierschutzaktivisten, haben sich vor einigen Wochen Zutritt zum Kulmbacher Schlachthof verschafft. Ein Mitglied hatte dabei eine Kamera in der sogenannten "Gaskammer" platziert - also in jenem Bereich, in denen die Betäubung von Schweinen mittels CO2 vonstattengeht.

Die Aufnahmen sind nichts für schwache Nerven und zeigen, wie die Tiere teils 40 Sekunden lang unter den Folgen des Gases leiden und dabei heftige Panikreaktionen vor der Bewusstlosigkeit zeigen. Das sei alles, aber keine "sanfte Betäubung", beklagt Friedrich Mülln von der Soko Tierschutz. Die Aufnahmen wurden der Redaktion von "Report Mainz" zugespielt und waren am Dienstagabend in der ARD zu sehen, dazu kamen Aufnahmen aus einem Schlachthof in Landshut.

Die Stadt Kulmbach, die den Schlachthof betreibt, teilt auf Anfrage dazu mit: "Die CO2-Betaubung ist ein durch die EU-Verordnung 1099/2009 zugelassenes und im Kulmbacher Schlachthof angewendetes Verfahren zur Betäubung von Tieren. Dieses Verfahren wird in zahlreichen Betrieben angewandt, selbst Neuanlagen werden nach wie vor mit CO2 zugelassen und betrieben. Jährlich werden rund 40 Millionen Schweine in Deutschland auf diese Art betäubt. Neben der CO2-Betäubung wird in Kulmbach zusätzlich die Elektrobetäubung - wenn auch in geringerem Ausmaß - angewendet."

Weiter schreibt die Stadt Kulmbach: "Das oberste Ziel ist in jedem Falle, die Tiere tief und sicher zu betäuben. Da das Gas stimulierend auf das Atemzentrum wirkt, reagieren die Tiere mit einer höheren Atemfrequenz. Dadurch steigt der CO2-Gehalt im Blut und es tritt Sauerstoffmangel ein. Der pH-Wert im zentralen Nervensystem sinkt - und dadurch werden die neuronalen Funktionen gestört, wodurch letztlich die Betäubungswirkung einsetzt. In Einzelfällen kann es zu verlängerten Abwehrbewegungen der Schweine kommen - diese liegen in den allermeisten Fällen bei etwa 30 Sekunden. Diese Phase soll möglichst kurz gehalten werden, indem die Anlage mit einer Konzentration von 95 Prozent CO2 und einer Expositionsdauer von mindestens 110 Sekunden betrieben wird. Diese Werte liegen deutlich über der gesetzlichen Mindestanforderung von 80 Prozent bzw. 100 Sekunden."

"Soko Tierschutz"-Mann Mülln geht mit den Betreibern der Einrichtungen dennoch hart ins Gericht. "Das ist die Standardmethode der Schweinebetäubung in Deutschland. Das bedeutet aber auch: 40 Millionen Mal Kampf, Panik und Todesangst in dieser Box für Lebewesen." So viele Schweine werden pro Jahr in deutschen Schlachthöfen getötet.

Die Soko Tierschutz empfindet die Bilder aus Kulmbach als "besonders perfide", denn der Betrieb gelte als Vorzeigemodell mit hohem Bio-Anteil und fungiere auch als Forschungsschlachthof der Bundesrepublik. Im Schlachthof herrschte am Tag der Filmaufnahmen zufolge zusätzlich pure Gewalt durch Mitarbeiter. Schweine wurden offenbar mit dem Elektroschocker regelrecht in den Vergasungsapparat geprügelt, mehreren Tieren wurde ins Gesicht getreten, wie auf den Bildern zu sehen ist.

Hierzu schreibt die Stadt Kulmbach: "Der unerlaubte Einsatz eines Elektrotreibers durch einen Mitarbeiter ist untragbar und überaus schädlich für den guten Ruf des Schlachthofes Kulmbach. An oberster Stelle steht bei allen Arbeitsvorgängen das Tierwohl. Ds Fehlverhalten des Mitarbeiters ist ein klarer Verstoß gegen die Standardarbeitsanweisung und wird Konsequenzen haben. Alle Mitarbeiter wurden in diesem Zuge eindringlich auf eine strikte Einhaltung der Arbeitsanweisungen sensibilisiert. Wir entschuldigen uns für diesen bestürzenden Vorfall und werden in Zukunft noch intensiver die Arbeit der Angestellten im Auge behalten"

In dem Fernsehbeitrag kommt auch Schlachthofleiter Dirk Grühn zu Wort. Er sagt: "Die CO2-Betäubung an sich ist eine suboptimale Betäubung. Sie hat Vorteile, aber auch Nachteile. Nachteil ist definitiv die Abwehrreaktion der Tiere in der Gondel. Die geht 20 bis 30 Sekunden, teilweise länger. Das ist zu lang, definitiv." Die Methode sei jedoch rechtlich zugelassen, obwohl sie dem Tierschutzgedanken widerspreche.

Susanne Schilling, ehemalige Leiterin des Kulmbacher Tierheims und Tierschützerin, machen die Bilder aus dem Kulmbacher Schlachthof fassungslos - aber sie bestätigen sie auch in ihrer Einschätzung, dass es so etwas wie "humanes Töten" nicht geben kann. "Kein Lebewesen, das weiterleben will, gibt sein Leben freiwillig her. Wenn ein Schwein in diese Gondel steigt, herrscht logischerweise Panik, diese Tiere sind ja alles, nur nicht dumm. Dieser letzte Gang ist immer mit Todeskampf und Qual verbunden, egal, was wir uns ausdenken", sagt die langjährige Tierheimleiterin und überzeugte Veganerin. Die Betäubung mit Gas sei für sie nichts anderes als das, was vor 80 Jahren in den Konzentrationslagern passiert ist.

Bedenklich sei, dass die Aufnahmen aus einer Einrichtung stammen, die auch von zertifizierten Biolandwirten mit großem Verständnis fürs Tierwohl beliefert wird. "Das sollte auch beispielsweise unserer regionalen Haltern von Weideschweinen zu denken geben, ob sie ihre umsorgten Tiere auf dem letzten Weg dem Kulmbacher Schlachthof anvertrauen wollen."

Dazu kommt für die Tierschützerin der Kostendruck, unter dem die Fleischindustrie den immer höheren Nachschub produzieren müsse. "Der jeweilige Mitarbeiter hat doch gar keine Zeit, um festzustellen, ob ein Tier vor seinem Ende leidet. Dann greift er eben zum Elektroschocker." Für die 52-Jährige liegt das Versagen auf mehreren Ebenen - unter anderem bei den Kontrollbehörden. "Wenn eine Behörde die Überwachung nicht sicherstellen kann, dann ist das ein Armutszeugnis." Wenn es am angeblich fehlenden Personal scheitere, dann müsse man eben mehr Leute einstellen.

Aber auch die Verbraucher lässt Schilling nicht aus der Verantwortung. "Es ist leider ein weiteres Beispiel dafür, dass wir unseren Umgang mit Tieren prinzipiell überdenken müssen. Das ist schizophren, wenn wir Hunde und Katzen verhätscheln - und gleichzeitig tun wir Benutztieren wie Rind und Schwein die größten Grausamkeiten an, nur um die Gier nach Fleisch zu befriedigen. Das ist ein krankes System."

Der Kulmbacher Schlachthof jedenfalls möchte zu einer alternativen Betäubungsmethode übergehen. Hierzu schreibt die Stadt Kulmbach: "Dass die CO2-Betäubung nicht nur Vorteile hat, ist offensichtlich. Der Anteil an Fehlbetäubungen ist zwar deutlich geringer als bei einer Elektrobetäubung, der Weg zum Erlangen der Betäubung ist allerdings bedenklich. Durch das Gas werden die Atemschleimhäute gereizt, zudem kommt es zu einem Gefühl von Atemnot. Das führt zu Maulatmung, Abwehrreaktionen und Vokalisation.

Nach dem Verlassen der Betäubungsanlage wird geprüft, ob die Betäubung erfolgreich war. Sollte dies nicht der Fall sein, so ist das Personal angewiesen, die Tiere gegebenenfalls nachzubetäuben. Dies geschieht per Bolzenschuss.

Der Schlachthof Kulmbach ist aus den genannten Gründen seit vielen Jahren mit der Entwicklung einer alternativen Betäubungsmethode beschäftigt. Diverse Testreihen kamen zu dem Ergebnis, dass das ungiftige Edelgas Helium als Betäubungsmittel zu einem schnellen, narkoseähnlichen Eintritt der Betäubung führt, welchen die Tiere nicht intensiv wahrnehmen."