Braucht es die Stromtrasse überhaupt? Hat wirklich niemand Ministerpräsident Horst Seehofer und die bayerische Staatsregierung von den Plänen in Kenntnis gesetzt, dass eine Stromautobahn quer durch Bayern gebaut werden soll? Die Kulmbacher Kommunalpolitiker - darunter auch CSU-Mitglieder - haben Zweifel.
Seit Tagen sorgt die geplante Gleichstrompassage Süd-Ost für Schlagzeilen, nachdem bekannt geworden ist, dass die Trasse möglicherweise durch den Landkreis Kulmbach führen könnte. Bis zu 70 Meter hohe Masten würden dann bei Marktschorgast und Himmelkron errichtet werden. Besonders betroffen wären die Menschen im Himmelkroner Ortsteil Gössenreuth.
Dort würde für die Masten nur ein 200 Meter breiter Korridor zur Verfügung stehen.

Seehofer schaltet sich ein

Nach Protesten bei Informationsveranstaltungen des Netzbetreibers Amprion hat sich am Donnerstag nun Ministerpräsident Horst Seehofer in die Debatte eingeschaltet. Er kündigte an, dass es eine solche Leitung nur "zusammen mit den Regionen und Bayern" geben werde und erst die Grundfragen der Versorgungsstruktur geklärt werden müssten, bevor Leitungen gebaut werden. Seehofer hatte auch betont, dass noch niemand mit der Staatsregierung über die Leitung gesprochen habe.
Doch das kann Marktschorgasts Bürgermeister Hans Tischhöfer (Freie Wähler) nicht glauben. Denn an der Gesetzgebung im Bundesrat - die Trasse ist im Bundesbedarfsplangesetz - seien die Länder beteiligt. Und er gehe davon aus, dass Seehofer als Ministerpräsident informiert war. "Wenn er davon nichts gewusst hat, dann weiß ich nicht mehr ..."
Doch er begrüßt, dass sich der Ministerpräsident eingeschaltet hat. Ob das mit den anstehenden Kommunalwahlen zusammenhängt, dazu wollte er nichts sagen.
Er, Tischhöfer habe nun die ebenfalls betroffenen Gemeinden Himmelkron, Bad Berneck, Gefrees, Stammbach, Goldkronach und Bindlach am Donnerstag zu einem Gespräch ins Rathaus eingeladen, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Ziel sei es, "sachliche Gründe zu finden, um das Ganze zu verhindern". Zudem finde am 10. Februar um 20 Uhr im Marktschorgaster Rathaus eine Sondersitzung des Gemeinderats zum Thema statt.

Was steht schon fest?

Dass die erst so spät durchgeführt wird, verwundert Gemeinderat Marc Benker (CSU), dessen Fraktion am 26. Januar den Antrag dazu gestellt hatte. Denn für ihn sei das Thema zu wichtig, um es erst nach 14 Tagen zu beraten. Auch er hat Zweifel daran, dass Seehofer nichts von den Plänen wusste. "Es ist ein Bundesgesetz, und die CSU war mit Ministern in Berlin vertreten", stellt er fest.
Er sei zwar froh, dass sich der Landesvater des Themas annimmt, habe aber nur eine verhaltene Erwartung. "Mein Eindruck ist: Vieles steht schon fest." Aber nun könne Seehofer den Vorwurf widerlegen, er kümmere sich nur um Südbayern.
Auch Himmelkrons Bürgermeister Gerhard Schneider (CSU) ist zufrieden, dass die Stromautobahn in München politisch diskutiert wird. "Aber ich habe meine Zweifel, dass sich grundsätzlich etwas ändert, weil es sich um ein Bundesgesetz handelt."

Schutzgürtel freigehalten

Er verweist darauf, dass man zum Schutz der Menschen bewusst einen 200 Meter breiten Grünstreifen zwischen Gössenreuth und dem Industriegebiet Himmelkron sowie der Bundesstraße freigehalten habe. "Und jetzt sollen dort die Masten hin." Sollte das Projekt nicht zu verhindern sein, so hofft er dann zumindest auf mehr Flexibilität. "Es muss doch möglich sein, problematische Passagen unterirdisch zu führen."
Landrat Klaus Peter Söllner erwartet nach den "positiven Aussagen" Seehofers nun, dass die Leitung, so wie Amprion sie plant, nicht kommen wird. Denn Seehofer habe deutlichen Einfluss auf die Regierung, ist Söllner überzeugt.
Mehrere Punkte sind es, die dem Landrat sauer aufstoßen. So habe Oberfranken Ost schon mit Windrädern, Photovoltaik-Anlagen und energieautarken Dörfern seinen Anteil an der Energiewende geleistet. Zudem könne die Leitung nicht angezapft werden. "Oberfranken, das Nürnberger Land und Mittelfranken hätten ausschließlich die Belastung ohne Vorteile."
Zudem stellt sich für Söllner die Frage, ob nicht doch eine Erdverkabelung möglich wäre, wie sie in einem Pilotprojekt erprobt werden soll. Hinzu komme noch der Umstand, dass die Linie über Marktschorgast und Himmelkron als alternative Vorzugstrasse von Amprion mit in das Verfahren gegeben werde.

Nicht alle Tage so ein Protest

Wie groß die Chancen sind, das Projekt zu verhindern, kann er nicht sagen. "Aber solche Protest erlebt man nicht alle Tage", sagte er mit Blick auf die Unmutsbekundungen bei der Informationsveranstaltung am Dienstag in der Dr.-Stammberger-Halle in Kulmbach.