Martin Ständner wird es "schlecht", wenn er vor dem Fernseher die Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Doha (Katar) verfolgt, sagt er. Nicht, weil er krank wäre, sondern weil ihn das Geschwätz der Funktionäre des Deutschen Leichtathletikverbandes (DLV), der TV-Moderatoren und mancher Athleten aufregt. "Ich höre viele krampfhafte Erklärungen und Ausreden für das schwache Abschneiden. Dabei müsste die deutsche Leistungssport-Reform, die eine absolute Zentralisierung vorsieht, doch schon in Doha richtig fruchten - wenn die Theoretiker Recht hätten."

Haben sie aber nicht, meint der Kulmbacher, der von 1991 bis 98 Bundestrainer der deutschen Hammerwerferinnen war. Im BR-Interview attestiert er den DLV-Oberen um DLV-Generaldirektor Idriss Gonschinska eine verfehlte Förder-Strategie. Der deutschen Leichtathletik prognostiziert Martin Ständner blecherne Zeiten: "Der DLV gibt so viel Geld wie nie zuvor aus, doch die Ergebnisse in Doha und bei Olympia 2020 werden so schwach sein wie nie zuvor."

Herr Ständner, haben Sie so ein schwaches Abschneiden der Deutschen in Doha erwartet? Liegt's an der Hitze?

Na ja, die WM ist ja noch nicht zu Ende, und eine Gesa Felicitas Krause hat sich ja auch nicht von den Bedingungen beeinflussen lassen und mit neuem deutschen Rekord die Bronzemedaille über 3000 Meter-Hindernis erkämpft. Aber für so einen großen Verband wie den DLV dürfen Medaillen von individuellen Einzelkämpfern und reihenweise in der Qualifikation scheiternden Athleten nicht der Maßstab sein und vor allem nicht als "gar nicht so schlecht" verkauft werden. Die meisten sind schon zufrieden, wenn sie die WM-Norm schaffen - aber von Finale oder gar Medaillen spricht keiner mehr.

Sie kritisieren den DLV seit Jahren für eine falsche Förderpolitik. Sehen Sie sich durch das bisherige Doha-Debakel bestätigt?

In der deutschen Leichtathletik läuft einiges schief! Der sportlich Hauptverantwortliche, Idriss Gonschinska, schafft die Nachwuchsförderung praktisch ab, verwissenschaftlicht die Trainingsprozesse und das Umfeld der Athleten und stapelt vorsichshalber vor der WM tief. Wenn ich immer nur die Blüte gieße und nicht die Wurzel, dann brauche ich mich nicht wundern, wenn die Pflanze verdorrt.

Was meinen Sie konkret damit?

Der DLV gibt inzwischen für die Förderung der Lehrgangskultur im Nachwuchsbereich keinen Cent mehr aus. Die Nachwuchs-Bundestrainer haben für ihre eigentliche Aufgabe, die Disziplinentwicklung, überhaupt keine Etats mehr und sind nur noch auf dem Papier an den Olympia-Stützpunkten geparkt. So spart sich der DLV durch Mischfinanzierungen Geld, doch der Nachwuchs-Bundestrainer ist nicht in jedem Fall der oder die fachlich beste Mann oder Frau.

Was werfen Sie den Spitzenathleten vor?

Viele Athleten haben einfach die falsche Einstellung. Sprinterin Sina Lückenkemper erzählt in Interviews, dass sie ständig von ihrem Freund in Bamberg zu ihrem Verein in Berlin, zu Sponsorenterminen und so weiter pendelt. Ich frage mich, wann trainiert sie dann professionell? Wenn sie dann in Doha über 100 Meter etliche Meter hinterher rennt und dafür die Kamera im Startblock oder die heruntergekühlte Umkleidekabine verantwortlich macht, ist das nicht glaubwürdig. Diskuswerfer David Wrobel ist als Vollprofi bei der Bundeswehr nach seinem Ausscheiden "ganz zufrieden" und sagt, dass es "ein schöner Saisonausklang" war. Wie bitte? Saisonausklang hört sich nach Betriebsausflug an, aber die WM ist doch eigentlich der Saisonhöhepunkt! Sein Disziplinkollege Christoph Harting erzählt gar, dass ihm Leistungssport keinen Spaß mache, lebt aber als Sport-Polizist von Steuergeldern. Was hat so ein Mann bei einer WM verloren?

Und wie sieht es im deutschen Nachwuchs-Bereich aus?

Es gibt gute Nachwuchsergebnisse im Osten durch die Vollfinanzierung an den Sportgymnasien. Dort trainieren die Jungs und Mädchen zehn bis zwölf Mal in der Woche, denn die Trainer sind von den Erfolgen ihrer Schützlinge abhängig. Es gibt aber mindestens genauso viele und vergleichbare Erfolge von jungen Athleten aus individuellen Trainingsgruppen im Westen. Unser Talent Merlin Hummel trainiert fünf Mal in der Woche und gewann bei der Jugend-Olympiade in Baku Silber. Das gilt es zu hinterfragen, genau so wie die verbandsinterne Wertigkeit von Jugendleistungen. Merlin Hummel und ich haben nach dem Erfolg von Baku sehr viele Glückwünsche bekommen. Hammerwurf-Bundestrainer Helge Zöllkau oder DLV-Wurf-Cheftrainer Marco Badura haben sich bis heute nicht gerührt.

Was müsste der DLV an seiner Spitzensportförderung ändern?

Zunächst einmal da ansetzen, wo sich in Einzeldisziplinen oder Blöcken schon immer etwas entwickelt hat statt Planspiele zu betreiben. Es gibt im DLV auch kein Talentsichtungs-System. Alles beruht auf Zufall oder dem Gespür einzelner Individualisten. Herausragende Talente müssten vor Ort gefördert werden, solange es dort Entwicklungspotenzial gibt. Die deutsche Leistungssport-Reform ging in eine ganz andere Richtung. Die öffentlich als vorbildlich hingestellte deutsche Sporthilfe hat zwar kürzlich die Förderung für Athleten im Männer-/Frauenbereich erhöht, für den Nachwuchs dafür eingestellt. Ein Merlin Hummel hätte vor zwei Jahren wenigstens 100 Euro im Monat erhalten, heute bekommen Nachwuchsathleten seines Kalibers einen Umschlag mit Informationen.

Vor ein paar Jahren ist ihr Schützling Simon Lang als Deutscher Jugend-Meister an den Olympiastützpunkt nach München gewechselt - im Männerbereich hat er aber nichts mehr gerissen. Woran lag's?

Die Geschichte mit Simon liegt mir heute noch im Magen. Die, die ihn mehr oder weniger nach München gezwungen haben, interessiert ein Talent von damals heute nicht mehr. Er ist inzwischen aus allen Förderungen und Kadern rausgeflogen. Warum es sportlich nicht geklappt hat, muss man Joachim Lipske fragen. Er ist inzwischen leitender Landestrainer und immer noch Nachwuchs-Bundestrainer Hammerwurf, obwohl am Olympia-Stützpunkt München überhaupt keine Hammerwurf-Kaderathleten mehr trainieren.

Sie beklagen selbst, dass es im Landkreis Kulmbach keine optimalen Trainingsbedingungen gibt, weil zum Beispiel die schulischen Hallen in den Ferien nicht zur Verfügung stehen. Kann man hier überhaupt einen Weltklasse-Werfer trainieren?

Wir haben uns immer selbst geholfen und für das Wurftraining ordentliche Bedingungen geschaffen. Unsere Voraussetzungen sind für die Werferei nicht schlechter als in München oder Berlin, sonst hätte ein Merlin Hummel auch nicht 80 Meter werfen können. Dass in Kulmbach in den Ferien die Turnhallen geschlossen bleiben, daran wird wohl auch eine Silbermedaille bei den olympischen Jugendspielen nichts ändern.

Befürchten Sie, dass der DLV auch Merlin Hummel unter Druck setzt, zu einem Stützpunkt wie in München zu wechseln?

Ich denke, er ist jetzt schon intelligent und mündig genug u, zu entscheiden, was ihn voranbringt. Ich glaube nicht, dass er sich erpressen lassen würde. Das Training mit ihm war und ist auch für mich spannend.

Abschließend: Hätte der DLV nicht aus moralischen Gründen die WM in einem Land, das die Menschenrechte mit Füßen tritt und sich die sportliche Großereignisse mit Schmiergeldern einkauft, boykottieren sollen?

Ein Boykott würde am ehesten die treffen, die am wenigsten dafür können, nämlich die Sportler. Was da in Doha an Energie verschleudert wird, ist natürlich ein Wahnwitz. Länder, die Öl oder Gas besitzen, haben leider am wenigstens Bezug zum Energiesparen oder Umweltschutz.