"Wächter in einer Welt der Überwachung" - diesen Auftrag sieht die Rundfunkpfarrerin Melitta Müller-Hansen für die Kirche. Heute ist die prominente Kirchenvertreterin Ehrengast beim Festgottesdienst zum Reformationsfest um 19.30 Uhr in der Petrikirche.

Sie sind in Siebenbürgen geboren. Wann und wie kamen Sie nach Deutschland?
Melitta Müller-Hansen: Ich bin 1980 mit meinen Eltern und Geschwistern ausgewandert, wir gehörten zu den 15 000 Aussiedlern aus Rumänien, die dem Abkommen zwischen der damaligen BRD und dem rumänischen Staat gemäß freigekauft wurden und dann das Land verlassen durften.

Waren Sie schon früher gläubig?
Ja, Kirche und Glaube waren von Kindheit an für mich sehr wichtige Lebensräume.
In der Wirklichkeit einer Diktatur, in der man auch als Kind schon mit gespaltener Zunge reden muss, nach außen eine Wahrheit vertreten und nach innen eine andere, waren das Krippenspiel, der Sonntagsgottesdienst mit den biblischen Geschichten eine heile Welt, in die man sich hineinsingen konnte.

Warum haben Sie Theologie studiert?
Ich habe 1983 Abitur in Ingolstadt gemacht und in meinen drei Schuljahren dort einen Religionsunterricht kennengelernt, der das intellektuelle Interesse an Theologie und existenziellen Fragen in mir geweckt hat. Warum gibt es zwei Schöpfungsgeschichten in der Bibel? Was bedeutet die Gottebenbildlichkeit des Menschen? Das andere vielleicht noch stärker wirksame Motiv war meine persönliche Erfahrung in der Zeit: Ich fühlte mich entwurzelt, hineingeworfen in eine fremde Welt, auf die ich neugierig, wissenshungrig zuging. Zum ersten Mal konnte ich Zeitung lesen! Aber ich war in dieser fremden Welt auch sehr einsam und meiner tiefen Bindungen beraubt. Und da war wieder die Kirche da - meine Arche Noah. Im Gottesdienst habe ich alles verstanden und mich im tiefsten Inneren verstanden gefühlt. Diese Erfahrung von Trost und Kraftquelle war der Grund, Seelsorgerin, Predigerin, Pfarrerin werden zu wollen.

Wie wurden Sie Rundfunkpfarrerin?
Durch Ermutigung eines Kollegen. Durch Fürsprache einer Kollegin bei der Hörfunkredaktion "Religion und Kirche" bin ich im ersten Erziehungsjahr meiner Kinder erst Autorin für kleinere Hörfunksendungen geworden, dann kam "Auf ein Wort" dazu, und schließlich im Januar 2003 wurde ich Rundfunkpredigerin bei den evangelischen Morgenfeiern. Im gleichen Jahr wurde im Rundfunkreferat die zweite Pfarrstelle frei, und die Rundfunkbeauftragte Petra Harring hat mich gefragt, ob ich mir das vorstellen kann.

Welche Aufgaben hat eine Rundfunkpfarrerin, sicherlich mehr als nur eine Predigt in der Woche?
Es laufen parallel jede Woche die Textredaktion von "Auf-ein-Wort", der evangelischen Morgenfeier und von Fernseh- und Hörfunkgottesdiensten, und manchmal ist man ja selbst auch Autorin. Dann gilt es, die Sendungen im Studio zu produzieren, Musik dafür auszusuchen, Regie zu führen bei der Aufnahme und bei Gottesdienstüber tragungen am Wochenende bei der Gemeinde zu sein, die Proben zu leiten und vieles mehr.

Ist die Predigt im Radio noch zeitgemäß?
Radio lebt vom Hören, und Predigt lebt auch vom Hören, von dem persönlich zugesprochenen Wort Gottes. Radio und Predigt führen den Menschen in den Innenraum hinein, und ich denke, dieser Innenraum wird immer kostbar sein, gerade in Zeiten, da der äußere Raum so expandiert. Die modernen Netzwerke schützen den inneren Raum nicht. Im Fernsehen ist eine Predigt nicht so nachhaltig wie im Radio, die hohen Einschaltquoten bei den evangelischen Morgenfeiern belegen das.

Sind Radiopredigten anders?
Zuerst und vor allem sind sie in einer Sprache gehalten, die kein Insiderwissen voraussetzt und es möglichst jedem ermöglicht, dabei zu bleiben, wenn er eingeschaltet hat. Eine Minute dreißig lang sind die Kurzandachten "Auf ein Wort", die Evangelischen Morgenfeiern im reinen Text durchaus 20 Minuten lang: Radiogemäß erzählerisch, im persönlichen Tonfall, begibt sich die Predigerin in einen vielschichtigen Dialog mit biblischen Texten, mit sich selbst, der Welt, mit Gott und dem Zuhörer. Langweilen ist verboten, herumdozieren auch!

Können Sie übers Radio junge Menschen erreichen - oder nutzen Sie dazu andere Medien?
Ich denke, wir können junge Menschen noch punktuell übers Radio erreichen, aber werden auf jeden Fall neue Wege suchen und auch gehen. Die neu errichtete Pfarrstelle "Social media" in unserer Landeskirche eröffnet uns neue Möglichkeiten der Vernetzung, auch mit Facebook.

Was halten Sie persönlich von Facebook und Twitter?
Diese Plattformen sind ein Gewinn und - je nach persönlichem Nutzerverhalten - eine Plage. Vernetzung, Infobörse, politisches Aktionsmittel, alles das ist wunderbar. Nur wenn man halt nicht mehr rausfindet aus dem Netz...? Ich finde, die Linie zwischen privat und öffentlich werden wir neu ziehen müssen, denn sie ist wichtig.

Sie haben ja zwei Kinder. Geben die der Mama ein bisschen Nachhilfe in Sachen Facebook und Co und darin, was in ist?
Absolut! Ohne meine beiden Jungs (16 und 13) wäre ich abgehängt, sie sind meine wichtige Brücke zur Jugendkultur."

Wie kam Ihr Kontakt zur Petrikgemeinde zustande?
Vor Jahren lernten Dekan Zinck und ich uns bei einem gemeinsamen Freund kennen, dann haben wir einen Rundfunkgottesdienst aus der Petrikirche übertragen.

Was wissen Sie von der Petrikirche?
Ich hoffe, noch richtig in Erinnerung zu haben, dass das Altarbild die Gethsemane-Szene darstellt. Außerdem weiß ich noch, dass sie reformationsgeschichtlich bedeutend ist und auch einige wichtige Gemälde aus dieser Zeit beherbergt.
Predigen Sie oft auswärts?
Trauungen und Taufen haben mich schon nach Hamburg und Freiburg geführt, aber ich bin vor allem in der Region München auf der Kanzel. In diesem Jahr auch in Nürnberg zur Eröffnung der Landessynode.

Das Reformationsfest ist ein sehr wichtiges Fest für die evangelische Kirche. Was ist der Hintergrund?
Am 31. Oktober 1517 hat Martin Luther, damals Professor an der Uni in Wittenberg, 95 Thesen zum Ablasshandel der Kirche veröffentlicht, wahrscheinlich an der Schlosskirche zu Wittenberg. Es war die Initialzündung zu einer Befreiung des Menschen von kirchlichen Autoritäten und Gesetzen. Zwischen Gott und dem Menschen stand fortan keine Institution mehr.

Sind die Unterschiede zwischen den Konfessionen noch zeitgemäß?

Die Unterschiede finde ich nach wie vor zeitgemäß, sie bilden eine Vielfalt ab, die diese Erde und uns Menschen bereichert. Die Trennung finde ich nicht zeitgemäß, die daraus entsteht, dass Mahlgemeinschaft nicht "erlaubt" ist. Dass die Orthodoxie das geistliche Amt von Frauen in den evangelischen Kirchen nicht achtet - das ist von vorgestern.

Was bedeutet Reformation für Sie?
Erneuerung ist ein Grundprinzip des Lebens, wer sich dagegen sperrt, erstarrt. Und das ist mir in meinen persönlichen Beziehungen genauso wichtig wie in meiner Arbeit und in meinem Verständnis von Kirche und Welt. Ich möchte und muss nie fertig sein, das lebendige Wort Gottes will jeden Tag neu gehört und neu gelebt werden, wie meine Liebesbeziehung zu meinem Mann auch.