Es sind die wohl wichtigsten Wochen im Leben eines gläubigen Moslems - und sie sind 2020 ganz anders als gewohnt: Die Corona-Krise geht auch an den islamischen Gemeinden nicht spurlos vorbei.

"Unsere Moschee ist seit Wochen geschlossen", sagt Serkan Uzun, Vorsitzender der Türkischen Gemeinde Kulmbach. "Wir waren mit bei den ersten in Nordbayern, die zugemacht haben." Das wird wohl noch eine Weile so bleiben. Die Türkisch-Islamischen Gemeinden warten derzeit ebenso wie die christlichen Kirchen auf verbindliche Aussagen, wann wieder Gottesdienste gefeiert werden dürfen.

Kein Essen nach Sonnenaufgang

Im Mittelpunkt des Ramadans steht, so jedenfalls nimmt es die Öffentlichkeit wahr, das Fastengebot. Täglich von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang dürfen gläubige Moslems weder essen noch trinken. Ausgenommen vom Fastengebot seien Kinder, Schwangere und kranke Menschen, sagt Uzun. "Wer dauerhaft krank ist, muss nicht fasten. "Wer vorübergehend krank ist, holt, wenn es ihm besser geht, das Fasten nach."

Die Fastenzeit hat am Freitag um 4.30 Uhr begonnen. Sie dauert bis zum 23. Mai. Zum Fasten gehört das Fastenbrechen. Bei Sonnenuntergang - den jeweils exakten Zeitpunkt kann jeder Moslem anhand eines Kalenders oder einer App bestimmen - ertönt üblicherweise der Gebetsruf des Muezzins. Während in islamisch geprägten Ländern diese Rufe laut in der Öffentlichkeit zu hören sind, bekommen Andersgläubige hierzulande wenig davon mit. Eine einzige Ausgabe gab es in der jüngsten Vergangenheit: Am Freitag vor dem Beginn des Ramadan ertönte der traditionelle Gebetsruf "Ezan" in der Oberen Stadt über Lautsprecher (siehe auch "Gutes Miteinander in der Gemeinde").

Das Fastenbrechenr

Nach dem Gebet folgt das Fastenbrechen. Das ist üblicherweise eine Gelegenheit, bei der die Mitglieder der Gemeinde in großer Zahl in den Räumen der Moschee in der Oberen Stadt zusammenkommen; zum gemeinschaftlichen Mahl steuert jede Familie etwas bei. "Das geht heuer natürlich nicht", so Uzun. Das Fastenbrechen ist ausschließlich in der Familie möglich. So praktiziert die Familie von Ayhan und Emel Mazioglu die Riten des Ramadan ausschließlich in den eigenen vier Wänden. "Wir beten gemeinsam zu Hause", sagt Emel Mazioglu. Die Kulmbacherin ist ganz auf der Höhe der Zeit: Übers Internet verbindet sie sich mit anderen Gläubigen zum Gebet. Sie studiert in den 30 Tagen des Ramadan besonders aufmerksam den Koran. So ist es Vorschrift, denn der Ramadan ist jene Zeit, in der der Überlieferung zufolge den Menschen der Koran offenbart wurde.

Hilfe für Bedürftige

Ist der Ramadan 2020 bedingt durch die Einschränkungen weniger wert? Auf keinen Fall, versichert Vorsitzender Uzun. "Ramadan ist ja nicht nur Fasten und Gebet." Es gehe auch, sich auf sich und andere zu besinnen, mit den Armen mitzufühlen und sie zu unterstützen. Üblicherweise spenden gläubige Moslems im Ramadan einen bestimmten Prozentsatz ihres Einkommens für Menschen in Not. "Wenn wir fasten, denken wir dabei an die Menschen, die nicht genug zu essen haben. Wir spenden für bedürftige Menschen - und wir bemühen uns ganz besonders, nicht schlecht über andere zu denken oder zu reden." Das sei auch in Corona Zeiten möglich.