Kulmbach
Gefahr

Ohne Angst Gassi gehen

Hundehalter sind alarmiert, wenn Giftköderfunde gemeldet werden. Doch man kann seinen Liebling schützen. Trainerin Jasmin Ohnemüller erklärt, wie sich mit konsequentem Üben verhindern lässt, dass der Vierbeiner unterwegs alles frisst, was ihm vor die Schnauze kommt.
So soll es sein: Mischling Kimba sieht Verlockendes am Boden  - aber erst wenn Trainerin Jasmin Ohnemüller ihr Okay gibt, darf die Hündin zugreifen. Eine wichtige Übung, denn nicht immer sind Leckerchen in freier Wildbahn so harmlos wie dieser (Übungs-)Speck. Üble Zeitgenossen haben es auf Vierbeiner abgesehen, so mancher Hund ist an präparierten Ködern elend gestorben.
So soll es sein: Mischling Kimba sieht Verlockendes am Boden - aber erst wenn Trainerin Jasmin Ohnemüller ihr Okay gibt, darf die Hündin zugreifen. Eine wichtige Übung, denn nicht immer sind Leckerchen in freier Wildbahn so harmlos wie dieser (Übungs-)Speck. Üble Zeitgenossen haben es auf Vierbeiner abgesehen, so mancher Hund ist an präparierten Ködern elend gestorben. Foto: Jochen Nützel

Die Meldung ging vor dreieinhalb Jahren bundesweit durch die Presse, sogar die Tierschutzrechtsorganisation Peta setzte eine Belohnung von 500 Euro aus. Was war passiert? Ein Unbekannter hatte auf dem Radweg zwischen Kulmbach und Mainleus einen mit Schneckenkorn präparierten Köder ausgelegt. Ein Hund nahm den Giftcocktail auf und verendete daran qualvoll (am Dienstag wurde ein ähnlicher Fund in Weismain gemeldet).

Damit dieses Schicksal anderen Vierbeinern und deren Haltern erspart bleibt, gibt die zertifizierte Hundetrainerin Jasmin Ohnemüller aus Kulmbach spezielle Anti-Giftköder-Übungseinheiten. Die 35-Jährige weiß, dass unter Hunden wahre "Staubsauger" weilen, die alles inhalieren, was sich auf ihrem Weg befindet - und damit leider auch unkontrolliert mit Gift oder Rasierklingen präparierte "Leckerli". Daher lautet das oberste Trainingsprinzip, dieses Fressverhalten nachhaltig zu ändern. "Es ist bei einem Welpen oder Junghund natürlich leichter, ein solches Verhalten von Beginn an konsequent zu unterbinden. Je älter der Hund ist, desto schwieriger wird es, weil sich bestimmte Muster bereits stark verfestigt haben können."

Pfoten weg vom Speck!

Kimba ist so ein Fall, Border-Collie-Deutscher-Pinscher-Mix, elf Jahre alt. Sobald Jasmin Ohnemüller leckere Speckwürfel auslegt, dominiert beim Fellknäuel nur noch ein Gedanke: Meins, will haben! Genau das aber soll er eben nicht denken. - Menno, dabei riecht das doch so verlockend... Die Nase rückt immer näher an den Speck. "Kimba, nein!" Das Kommando der Trainerin lässt keine Alternative zu. Geschickt dirigiert sie den Mischling um die Versuchung herum. Ein kurzer sehnsuchtsvoller Blick auf den entgangenen Happen, dann tänzelt die Hundedame weiter auf dem Weg. Geschafft.

"Fein gemacht!" Die Trainerin tätschelt Kimbas Kopf, dann gibt es eine dicke Kaustange. "Wichtig ist, dass der Hund das Nicht-Fressen als etwas absolut Positives erlebt, was dann vom Halter unbedingt belohnt werden muss." Diese Belohnung sollte das vermeintlich unschlagbare Leckerchen am Boden übertreffen. "Man muss dem Hund also buchstäblich schmackhaft machen, dass der Verzicht auf den schnellen Bissen für ihn die lohnendere Alternative darstellt. Es ist eine Art von Tauschgeschäft mit der Gewissheit für das Tier: Es kommt garantiert was Besseres nach. Das geht aber nur mit absoluter Konsequenz, und daran scheitert es oft."

Eine echte Geduldsprobe

Die höchste Weihe des Trainings ist erreicht, wenn der Vierbeiner seinem Herrchen oder Frauchen von sich aus anzeigt: Achtung, da liegt etwas am Boden, schau mal! Keine Sorge, ich nehm' nix davon. "Bis ein Hund so weit ist, können Wochen und Monate ins Land ziehen. Das kann zum echten Geduldsspiel werden, eine Sisyphusarbeit, die sich aber lohnt, denn die gewonnene Sicherheit beim Spaziergang oder Spielen im Freien wiegt das alles auf."

Und wenn der Hund noch nicht so gefestigt ist? Jasmin Ohnemüller rät zu einer gewissen Eigensicherung. Heißt im Zweifel: anleinen. "Dann ist der Aktionsradius schon mal deutlich verringert, der Gassigeher hat unmittelbarere Kontrolle und könnte im Notfall das gefährliche Stück Fleisch oder Brot noch rechtzeitig aus dem Maul holen." Wer einen Hund hat, der alles frisst, was rumliegt, sollte überlegen, mit Maulkorb nach draußen zu gehen. "Das sind aber schon die Härtemaßnahmen", sagt die Trainerin.

Übrigens: Wer als Hundehalter über einen solchen Köder stolpert, sollte ihn vorsichtig (etwa mit dem Hundekotbeutel) einsammeln und den Fund umgehend bei der Polizei melden, aber auch das Veterinäramt und den Tierschutz informieren. Es gibt zudem Apps wie "Giftköder-Radar"; auch hier sollte man den Fund kundtun, um andere zu warnen.

Was aber, wenn der verhängnisvolle Bissen doch geschluckt wurde? Jasmin Ohnemüller wird ernst. "Dann kommt es darauf an, womit der Köder bestückt war. Besonders dramatisch und oft auch tödlich sind die Verletzungen, die eine versteckte Rasierklinge im Organismus, vor allem an der Speiseröhre und im Magen-Darm-Trakt, anrichten kann. Der direkte Weg zum Tierarzt ist unumgänglich. Hier muss geröntgt werden, an einer Not-OP führt kein Weg vorbei, wenn es nicht eh schon zu spät ist, weil der Hund innerlich verblutet."

Schleichende Vergiftung

Rattengift wirke oft mit Verzögerung, das könne bis zu 75 Stunden dauern und je nach Art des Gifts und des Immunstatus' des Hundes diverse Erscheinungen zeigen. "Das Gemeine ist: Wenn der Hund plötzlich apathisch wirkt, Krämpfe hat oder aus heiterem Himmel kollabiert, bringt man das mit dem bösen Bissen vom Spaziergang drei Tage zuvor vielleicht gar nicht mehr in Verbindung. Wenn man eine solche Wirkung bemerkt, muss man leider vom Schlimmsten ausgehen."

Genau hinschauen

Typische Anzeichen für eine Vergiftung sind rötliche Einblutungen am Zahnfleisch, erhöhte Temperatur/Fieber (ab 39,5 Grad), eine Pulsfrequenz jenseits von 180 Schlägen sowie eine unregelmäßige Atmung und merklich eingeschränkte Koordination. "Das Gift muss schnellstens raus aus dem Körper. Eine Methode ist es, den Hund zwangsweise mit einem Präparat zum Erbrechen zu bringen - wenn man sicher ist, dass er kein Metall verschluckt hat. Manche Hunde überleben eine solche Vergiftung nicht, weil die multiple Schäden anrichtet, die irreversibel sind."

Ob das Beispiel aus Mainleus ein trauriger Einzelfall ist? Nach Auskunft von Peter Hübner, Inspektionsleiter der Kulmbacher Polizei, gibt es für die vergangenen Jahre in Kulmbach keine aussagekräftigen Zahlen. "Aus 2020 ist mir kein Fall bekannt. Das kann zum einen daran liegen, dass beim ersten Verdacht entweder letztlich nicht zweifelsfrei ein Köder als Ursache nachgewiesen werden konnte oder aber der Halter sich nicht bei uns gemeldet hat. Allerdings haben bei mir Fälle, in denen Kinder und Tiere betroffen sind, einen besonders hohen Stellenwert, was die Aufklärungsarbeit angeht."

In Hundehaltergruppen, die sich regelmäßig in den sozialen Netzwerken austauschen, werden vor allem der Kessel, Burghaig und die Flutmulde als potenzielle Gefahrenzonen genannt. Ein besonders dreister Täter hatte vor Jahren einen mit Nägeln gespickten Wurstköder deponiert - und zwar direkt vor dem Eingang der Fressnapf-Filiale, wo Mitarbeitende regelmäßig ihre Hunde in der Pause ausführen.

Die Hundehasser kommen in der Regel unerkannt davon, werden also nie zur Rechenschaft gezogen. Juristisch greift das Tierschutzgesetz: Paragraf 17 sieht als Strafmaß eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren oder Geldstrafen vor für jeden, "der ein Wirbeltier ohne vernünftigen Grund tötet oder ihm aus Rohheit erhebliche Schmerzen oder Leiden zufügt".