Die Regale leeren sich zusehends, das Sortiment ist zum großen Teil schon abverkauft. Und ganz oft, wenn die Ladenglocke bimmelt, steht eine treue Stammkundin in der Tür, die sich persönlich von Alexandra Hofmann verabschieden und schnell noch mit den geschätzten Waren eindecken will. Es ist Ausverkauf in der Parfümerie Benker im Kressenstein 3. Ende Februar ist Schluss. Damit endet eine Kulmbacher Einzelhandels-Ära, denn das Geschäft wurde 1860 von ihrem Ururgroßvater gegründet und seitdem in Familienhand am gleichen Ort geführt.

Der Weg war vorgezeichnet

52 Jahre lang stand Alexandra Hofmann im Geschäft. 1969 hat sie in dem Familienbetrieb ihre Lehre begonnen, 1985 den Laden von ihrer Mutter übernommen. Er war und ist ihr Leben, zugleich auch Lehrstätte, Hobby und ein bisschen auch Hass-Liebe, sagt sie. Vielleicht auch deshalb, weil sie nie wirklich eine Wahl hatte. Das Haus im Kressenstein ist seit dem 19. Jahrhundert in Familienbesitz, im Erdgeschoss der Laden, darüber die Familienwohnung. Alexandra Hofmann ist nicht nur über dem Geschäft groß geworden, sondern mittendrin. "Schon als Kind habe ich Lottoscheine sortiert", erzählt sie. Ihre Zukunft war von Anfang an vorgezeichnet. "Die geht ja ins Geschäft", habe es immer geheißen - obwohl sie noch zwei Brüder hatte. "In der Familie Benker haben immer die Frauen weitergemacht", sagt die 69-Jährige.

Schon die Mutter war eine Macherin

Eine besonders charismatische und für ihre Zeit ungewöhnlich emanzipierte Frau war ihre Mutter Walpurga, eine Kosmetikfachfrau der ersten Stunde. "Meine Mutter war eine Macherin, eine Person mit Ecken und Kanten", sagt die Einzelhändlerin und ist sich dabei auch bewusst, dass der Apfel eben doch nicht so weit vom Stamm fällt. Ihr kaufmännischer Ziehvater war ihr Großvater Konrad Benker, der Alexandra Hofmann nach dem Prinzip "Zuckerbrot und Peitsche" geprägt hat. Er hat viel verlangt, hat ihr aber auch zum Handelsfachwirt-Abschluss eine Reise nach New York geschenkt. Damals eine kleine Sensation.

"Ich habe mein Leben lang gearbeitet", erklärt die 69-Jährige. Vor zwei, drei Jahren sei die Entscheidung gereift, dass es reicht. Eine Nachfolge war nicht in Sicht, der Laden laut Expertenmeinung zu klein, zu individuell, betriebswirtschaftlich nicht interessant. Auch nicht für ihre langjährige Mitarbeiterin Simone Brendel, die der Einzelhändlerin seit 30 Jahren zur Seite steht ("Wir sind wie ein altes Ehepaar"), und die sich nun neu orientieren muss.

"Für's Leben gelernt"

Seit bekannt ist, dass das Traditionsgeschäft schließt, kommen auch ehemalige Mitarbeiterinnen - der Laden hatte zu Hochzeiten bis zu fünf Angestellte - vorbei. Neulich waren ehemalige Azubis da. "Bei Ihnen haben wir fürs Leben gelernt", haben sie der früheren Chefin gesagt. Sie alle blättern dann durch die ausliegende Chronik, die Alexandra Hofmann mit ihrer Mutter 1985 zum 125. Geschäftsjubiläum erstellt hat. Einige verewigen sich darin sogar mit einem Gruß, weshalb Hofmann inzwischen scherzhaft vom "Kondolenzbuch" spricht. Es ist ein Abschied von alten Bekannten, denn die Parfümerie hat 70 Prozent Stammkundinnen, "sie sind zum Teil schon mit der Mutter oder Großmutter in den Laden gekommen, manche weinen sogar, weil wir aufhören."

Bekannt für direkte Worte

Dabei hat es die Geschäftsfrau so mancher Kundschaft mit der ihr eigenen, direkten Art nicht immer leicht gemacht. Ihre Vorliebe, Dinge schonungslos beim Namen zu nennen, wird gefürchtet und geschätzt zugleich. In Verbindung mit ihrer Tatkraft und ihrem Fachwissen hat ihr diese Eigenschaft auch das eine oder andere Amt eingebracht. Sie war Mitglied im Bundesverband der Parfümerien, der IHK-Vollversammlung und hat immer auch die Interessen der Kulmbacher Einzelhändler vertreten, zuletzt als Vorsitzende der Vereinigung "Unser Kulmbach". Im Mittelpunkt standen für sie immer die Kunden ("Ich wollte stets das besondere Etwas bieten"), zu denen sie natürlich auch ihre ganz eigene Meinung hat. "Der Kulmbacher ist prinzipiell nörgelig. Er sieht nicht, was du hast, sondern nur, was du nicht hast. Die Kunden aus der Großstadt waren begeistert von unserem Sortiment."

Anderes Einkaufsverhalten

Den Wandel im Einzelhandel hat sie in den vergangenen Jahren hautnah miterlebt. Das Einkaufsverhalten der Menschen hat sich verändert, nicht zuletzt durch den Online-Handel. "Die Leute möchten zwar Heimat, vergessen dabei aber, dass wenn sie das Angebot vor Ort nicht nutzen, es auch irgendwann nicht mehr da sein wird", sagt Hofmann, die außerdem beobachtet hat: "Früher sind die Menschen in die Stadt zum Einkaufen und haben dann noch etwas gegessen. Heute gehen sie zum Essen in die Stadt und schauen dann, was es sonst noch gibt."

Das Inventar ist begehrt

Pläne für den Ruhestand hat die 69-Jährige noch nicht. Erst einmal muss der Laden abgewickelt werden, der eine wahre Fundgrube an alten Schätzen ist - von der 100 Jahre alten Schirmmacher-Werkbank über Deko-Unikate bis hin zu Jahrzehnte alten Dokumenten. Interessenten für den markanten Leuchtreklame-Schriftzug über der Eingangstür und die große, knallrote Lippenstift-Lampe gibt es schon. Alles auszusortieren und zu ordnen, wird bestimmt noch ein halbes Jahr dauern, "und dann wird sich alles finden". "Ich hatte bis jetzt ein erfülltes Leben", sagt Alexandra Hofmann. Was die Zukunft noch für sie bereit hält, möchte sie ganz entspannt auf sich zukommen lassen.