Mit gesenktem Kopf verfolgt der Angeklagte die Urteilsverkündung. Der Schlauch aus seinem Rucksack versorgt den Asthmakranken mit Sauerstoff. Der zweite Prozess vor dem Landgericht Bayreuth hat ihn, nachdem der erste Richterspruch vom Bundesgerichtshof aufgehoben worden ist, erkennbar belastet.

Der 61-Jährige nimmt das zweite Urteil regungslos hin. Es verschärft seine Strafe: von zwei Jahren und neun Monaten auf jetzt vier Jahre Gefängnis. Das Gericht erkennt diesmal nicht nur auf gefährliche Körperverletzung, sondern auch auf versuchten Totschlag.


Opfer aus Himmelkron

Warum die Strafkammer so entschieden hat, begründet Vorsitzender Richter Werner Kahler. Nach seinen Worten war die Feststellung des Tatgeschehens im Mai 2015 im Bad Bernecker Stadtteil Blumenau nicht kompliziert. Der Angeklagte und das Opfer (36) aus Himmelkron hätten weitgehend übereinstimmende Angaben gemacht.

Demnach sind die zwei Autofahrer in Bad Berneck erstmals aneinandergeraten. Der Angeklagte fährt an einem wartenden Auto nicht vorbei. Der spätere Geschädigte meint, dass er vorbeifahren hätte können. "Eine Situation, wie sie im Straßenverkehr tagtäglich vorkommt", so Kahler. Aufregung im Auto, Gefuchtel und Gesten - aber es bleibt nicht dabei. Die Kontrahenten steigen in der Eichendorffstraße aus.


"Ein heftiger Stich"

Der 61-Jährige hat sich geärgert und will den anderen zur Rede stellen. Er nimmt sein aufgeklapptes Brotzeitmesser mit. Es kommt zum Wortwechsel, und der Angeklagte sticht ohne Vorwarnung zu. "Es muss ein heftiger Stich gewesen sein", sagt der Richter: 6,5 Zentimeter Klingenlänge - zwölf Zentimeter tiefer Stichkanal. Glücklicherweise sei das Messer nicht in den Brustkorb eingedrungen, sondern oberhalb der Rippen geblieben. Eine andere Führung des Messers, eine andere Bewegung des Opfers - und es wären lebenswichtige Organe verletzt worden. Kahler: "Es war ein absolut glücklicher Zufall, das nichts Schlimmeres passiert ist."

Schwieriger, so der Vorsitzende weiter, sei die rechtliche Würdigung gewesen. Der Angeklagte habe die Gefährlichkeit seines Tuns erkannt. Die Folgen des Messerstichs seien ihm egal gewesen. "Die Kammer ist überzeugt, dass von einem bedingten Tötungsvorsatz auszugehen ist." Von einer Spontantat könne nicht die Rede sein. So emotional aufgeladen sei die Situation nicht gewesen.


Verschiebung des Strafrahmens

"Wir haben deshalb einen versuchten Totschlag in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung", stellt Kahler fest. Das Gericht erkennt in der Gesamtschau aber auf einen minder schweren Fall und kommt deshalb zu einer Strafrahmenverschiebung: ein bis zehn Jahre statt fünf bis 15 Jahre.

Bei der Strafzumessung fällt zulasten des Täters ins Gewicht, dass sich das Opfer in Todesgefahr befand. Strafmildernd wirkt sich aus, dass der Angeklagte die Tat bereut, dass er sich entschuldigt und Schmerzensgeld bezahlt hat. "Wir haben auch nicht die Augen davor verschlossen, dass er gesundheitlich erheblich angeschlagen ist", sagt Kahler.


Haftfähigkeit wird geprüft

Ob der Mann die Strafe antreten und wie lange er möglicherweise im Gefängnis bleiben muss, wird die Prüfung der Haftfähigkeit ergeben. Ohnehin ist das Urteil noch nicht rechtskräftig. Der Verteidiger, Rechtsanwalt Jürgen Koch aus Bayreuth, will prüfen, ob man erneut in die Revision geht.