Die Zahlenkolonnen, mit denen Klaus Buß hantiert, changieren in Sachen Maßangaben zwischen den Extremen. Mal geht es um Tausende Tonnen, wenn das Gespräch auf die Betonhülle eines Kernkraftwerks kommt; dann wieder muss er den Milli- und sogar Mikro-Bereich bemühen, sobald er Einheiten wie Becquerel und Sievert heranzieht: Die eine gibt die Aktivität radioakti ver Stoffe an, die andere dient zur Bestimmung der Strahlenbelastung biologischer Organismen.

Buß, Physiker und Leiter des Referats für Strahlenschutz in Nordbayern, hat von Berufs wegen mit Radioaktivität zu tun: einer geruchlosen wie unsichtbaren Materie, aber umso verheerender, wenn sie ihre Kräfte unkontrolliert entfesselt. Dass dies nicht passiert, auch dafür tragen Buß und seine Mitarbeiter seit fast 30 Jahren Sorge im Landesamt für Umwelt (LfU). Die Dienststelle Kulmbach in Steinenhausen ist ein ehemaliges Schloss der Guttenbergs. Ein besonderes Betätigungsfeld: das Kernkraftwerk in Grafenrheinfeld, das im Juni 2015 seinen Leistungsbetrieb eingestellt hat, von Betreiber Eon Kernkraft (für den Rückbau in Preussen Elektra umbenannt) vom Netz genommen wurde.

"So ein Reaktor lässt sich nicht auf Knopfdruck ausknipsen, da stecken eine Vielzahl von Mechanismen und technischer Prozesse dahinter, die wir als Behörde zu überwachen haben", sagt Buß. Das KKW wird ihn und seine Mitarbeiter noch einige Jahre beschäftigen. "Der sogenannte Nachbetrieb dauert bis 2018, danach sprechen wir vom Restbetrieb mit einem Zeitfenster bis 2033. 2035 dürfte der Gebäudeabriss über die Bühne gegangen sein."


Blaupause für den Rückbau

Der Weg von der Dekontamination bis zum kompletten Rückbau auf den Zustand "grüne Wiese" (O-Ton CSU-Umweltministerin Ulrike Scharf) ist ein weiter. Es gibt jedoch eine Art Blaupause dafür: das Versuchsatomkraftwerk Kahl am Main, von 1961 bis 1985 in Betrieb. "Das war sozusagen die Testanlage für das, was auch in Grafenrheinfeld zu bewerkstelligen ist", sagt Jörg Zimmerhackl. Der Doktor der Chemie und Buß' Stellvertreter ist etwa alle 14 Tage am Ort des Geschehens. Sorge um seine Gesundheit hat er keine, wie er bekundet. "Jeder Mitarbeiter wird dort lückenlos überwacht. Und außerdem hält sich die Strahlenbelastung absolut im Rahmen. Die Dosis für den Menschen durch das Einatmen des natürlich in der Luft vorkommenden Radons beträgt ein Vielfaches von dem, was wir vom LfU vor Ort als Dosis abbekommen."

In Grafenrheinfeld reden die Experten aus Kulmbach vom Ziel der "Kernbrennstoff-Freiheit". Bedeutet: Alle Brennelemente (es sind laut Eon annähernd 600) mussten aus der Anlage entfernt werden. Dazu wurden sie zunächst aus dem Reaktor ins Abklingbecken befördert. Nach fünf Jahren soll das verstrahlte Material so weit abgekühlt sein, dass es in Behälter (Castoren) verpackt und auf dem Kraftwerksgelände in ein Zwischendepot transportiert werden kann. Das trägt die wohlklingende Abkürzung "BELLA" und steht für BrennELementeLAger.

Die Brennstäbe machen, so Buß, 99 Prozent der Radioaktivität in der gesamten Anlage aus. Aber natürlich sind auch alle Bauteile, die mit Strahlung in Berührung kamen, zu reinigen und gegebenenfalls zwischenzulagern. Der Abbau erfolgt nach dem Prinzip "von innen nach außen". Besonders knifflig ist das Zerlegen des Reaktordruckbehälters und seines Betonmantels; beides ist am stärksten kontaminiert. Die Komponenten werden dabei unter Wasser zerkleinert, um die Strahlung abzuschirmen.

Was beim AKW-Rückbau an Material zusammenkommt, verdeutlicht Buß an einer Tortengrafik. "Wir reden hier von rund 31 000 Tonnen, während das Reaktorgebäude mehr als das Zehnfache wiegt. Nur ein Bruchteil des Materials wurde während des Anlagenbetriebes kontaminiert." Im Rahmen des sogenannten Freigabeverfahrens wird entschieden, was von den rund 31000 Tonnen als radioaktiver Abfall entsorgt werden muss und was in den konventionellen Stoffkreislauf zurückgeführt werden kann.

Der Grenzwert für eine Rückführung sei extrem niedrig. "Es gilt ein Dosiswert von 10 Mikro-Sievert pro Jahr. Zum Vergleich: Die mittlere Strahlenexposition der Bevölkerung in Deutschland auf Grund natürlicher Radioaktivität beträgt 2100 µSv." Der Grafik-Kuchen zeigt, dass knapp 90 Prozent des Materials den Dosiswert einhalten. Nach der Entkernung des Reaktorgebäudes und der Entfernung der radioaktiven Stoffe könne der konventionelle Abriss beginnen.


Zwischenstop auf dem Gelände

Dazu zählen dezidiert nicht die hochradioaktiven wärmeentwickelnden Abfälle. Sie werden in besagte Castoren verpackt. 19 Brennelemente passen in einen hinein, er wiegt beladen 120 Tonnen. 50 davon werden im "BELLA" auf dem Werksgelände zwischengelagert. Wie lange? Jörg Zimmerhackl spricht von 40 Jahren. "So lange läuft derzeit die Genehmigung für das BELLA. Oder bis es ein Endlager gibt, das freilich noch zu finden ist." Mittel- und schwachradioaktive Abfälle werden ins Zwischenlager Konrad gebracht; es handelt sich um den Schacht eines stillgelegten Eisenerz-Bergwerks in Salzgitter.

Nach Auskunft der Fachleute liegt der Rückbau im Zeitplan. Aber ohne grünes Licht aus Kulmbach geht nichts. "Unsere Behörde als Kontrollstelle sorgt mit dafür, dass die zulässigen Grenzwerte eingehalten werden", sagt Klaus Buß. Drei Mitarbeiter kümmern sich um die Aufsicht, dazu kommt das LfU-Labor. Jörg Zimmerhackl spricht von Material- und Wischtestproben, ob Wasser, Beton oder Stahl, die in Steinenhausen ausgewertet werden. Damit die Messgeräte auch die tatsächliche Gammastrahlung der unterschiedlichsten Materialien
korrekt wiedergeben, hat die Dienststelle in Zusammenarbeit mit der Uni Regensburg eine besondere Kalibrierwand entwickelt. Know-how aus Kulmbach für eine der wohl außergewöhnlichste Baustellen in Bayern.