Das Szenario ist ein Alptraum: Ein Flugzeug stürzt ab, direkt über der Innenstadt von Kulmbach. Hunderte Retter und Helfer werden mobilisiert. Der Einsatzleiter übernimmt an der Absturzstelle die Regie, steht im ständigen Funkkontakt mit dem Krisenstab im Landratsamt. Von dort aus wird alles koordiniert, was gebraucht wird - Menschen, Fahrzeuge und Material, die Zusammenarbeit aller Institutionen und Behörden. Und nicht zuletzt die Warnung und Information der Bevölkerung.

Die Situation ist glücklicherweise nur erdacht, aber sie könnte Realität sein - und deshalb wird sie geübt. Ebenso wie andere Szenarien: eine Hochwasser-Katastrophe oder ein Giftgas-Unfall. "Wir hoffen, dass so etwas bei uns nie passiert. Aber wir müssen als Katastrophenschutzbehörde auf alles vorbereitet sein, um so schnell und gut wie nur irgend möglich reagieren zu können", sagt Kathrin Limmer, stellvertretende Leiterin das Krisenstabs am Landratsamt.

Die Flutkatastrophe im Ahrtal hat erst kürzlich gezeigt, wie wichtig ein gut funktionierendes Warnsystem ist - für die Helfer und natürlich für alle Bürger. Deshalb werden auch Katastrophenwarnungen geübt: Einmal im Jahr, am zweiten Donnerstag im September, findet ein bundesweiter Sirenen-Warntag statt. Nur dieses Jahr nicht: Der für heute vorgesehene Warntag wurde vom Bundesinnenministerium abgesagt.

Warum? "Vor dem nächsten bundesweiten Warntag soll das Zusammenwirken aller relevanten technischen Systeme unter Volllast in einer neu entwickelten virtuellen Testlandschaft erprobt werden", so Anne Breitenstein von der Pressestelle des Ministeriums. Außerdem werde der Aufbau neuer und die Instandsetzung vorhandener Sirenen gefördert. "Hierfür stellt der Bund den Ländern 88 Millionen Euro zur Verfügung."

Wie sieht es aktuell mit dem Warnsystem für die Menschen im Landkreis aus? Erfahren im Katastrophenfall alle rechtzeitig, was passiert ist und wie sie sich verhalten sollen? Am Anfang jeder Katastrophenwarnung steht die Integrierte Leitstelle Bayreuth/Kulmbach (ILS), so Kathrin Limmer. Dort gehen Warnungen des Deutschen Wetterdienstes vor Starkregen und Unwettern ebenso ein wie alle Notrufe und Notfallmeldungen. Die Leitstelle gibt jede Gefahrenmeldung für den Landkreis direkt an das Landratsamt weiter.

Das Amt gewährleistet an jedem Tag rund um die Uhr, dass diese Meldungen gesehen und bewertet werden. Je nach Art der Gefahr organisiert der Krisenstab die Warnung der Bevölkerung: Lautsprecherfahrzeuge, Radiodurchsagen, Informationen via App, mobile Sirenen. Eine Standardlösung für jede Situation gibt es dabei nicht: "Das hängt vom konkreten Fall und dem Ausmaß des Unglücks ab."

Müssen Menschen schnell und direkt gewarnt werden, sind Lautsprecherdurchsagen vor Ort für Kathrin Limmer die erste Wahl - ähnlich wie das zu Beginn der Corona-Pandemie organisiert wurde. "Im Notfall geht das ganz schnell", sagt die Juristin am Landratsamt. "Und man hat nicht nur einen Alarm, sondern kann den Leuten auch konkret sagen, was sie tun sollen."

Von einem Sirenenförderprogramm könnte auch der Landkreis Kulmbach profitieren. Zwar gibt es 128 Sirenen, aber dabei handelt es sich überwiegend um ältere Feuerwehrsirenen, die nur den Dauerton mit Unterbrechungen von sich geben können: Feuer! Den auf- und abschwellenden Heulton, der vor besonderen Gefahren warnt, können sie nicht senden - mit zwei Ausnahmen: In Gössenreuth und Lanzendorf wurden die Feuerwehrsirenen umgerüstet, da dort bei Störfällen in einem Unternehmen Katastrophenwarnungen möglich sein müssen.

Könnte man das auch mit den anderen Feuerwehrsirenen machen? Technisch ist das möglich, sagt Marcel Hocquel, ebenfalls Mitglied des Krisenstabs und Kreisbrandmeister bei der Feuerwehr Kulmbach.

Eine sehr gute Alternative zu fest installierten Sirenen sieht Marcel Hocquel in "mobilen Bevölkerungswarnanlagen". Hinter dem sperrigen Begriff steckt eine handliche, mit einem Lautsprecher kombinierte Sirene, die in Nullkommanichts an jedem beliebigen Fahrzeug angebracht werden kann. Zwei solche mobile Sirenen hat der Landkreis im vergangenen Jahr angeschafft.Für rund 5000 Euro pro Stück könnten weitere gekauft werden.

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NINA Die Abkürzung steht für Notfall-Informations- und Nachrichten-App und ist eine vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe zur Verfügung gestellte App für Smartphones. Sie bietet Nachrichten und Warnungen über Katastrophen oder Gefahrenlagen wie Großbrände oder Gefahrstoffe, die sich unkontrolliert ausbreiten. Warnmeldungen werden über einen Push-Dienst aufs Smartphone geschickt.