Üblich ist so etwas nicht. Aber in diesem Fall muss eine Vorbemerkung einfach sein: Ohne Erich Olbrich wären wir in der Redaktion oft aufgeschmissen!

Wann wurde der Kulmbacher Milchhof abgerissen? Wann die Brücke gebaut, die jetzt verbreitert wird? Und wie sah es früher eigentlich dort aus, wo jetzt der große Neubau hochgezogen wird?

Meist reicht ein kurzer Anruf im Stadtarchiv. "Da hab' ich was", sagt Erich Olbrich, und eine Viertelstunde später ist alles da: Zeitungsberichte, Ratsprotokolle und vor allem Bilder. Gibt es überhaupt irgendeinen Ort in der Stadt, zu dem er kein Foto herbeizaubern kann? Vermutlich nicht.

Filme, Negative, Glasplatten

Der 61-Jährige hütet, wenn man es so sagen will, das fotografische Gedächtnis der Stadt. Und nicht nur das. Viele der unzähligen Fotos, Negative oder alten Glasplatten, die sich dort stapeln, hat er mittlerweile digitalisiert. Das spart Platz im Archiv, ermöglicht einen schnelleren Zugriff - und schont das Originalmaterial.

Zwar sind die alten Fotos und Filme einst gemacht worden, um angeschaut zu werden. Aber mit jeder Hand, durch die so ein altes Bild geht, und mit jeder Umdrehung, die eine Filmspule macht, schwindet ein kleines bisschen die Qualität.

Nicht so, wenn Erich Olbrich sich der Zeugnisse vergangener Zeiten annimmt. Dann werden aus angejahrten Schwarz-Weiß-Fotos mit Schrammen und Knicken ganz moderne JPG-Dateien und aus dem 16-mm-Film mit den ruckelnden Bildern vom legendären Seifenkistenrennen in Ziegelhütten ein modernes Video, das sich ohne Qualitätsverlust immer wieder anschauen lässt.

Das ist wichtig. Denn Erich Olbrich versteckt seine Fotos nicht im Archiv. Er zeigt sie lieber her. Seine Vortragsveranstaltungen sind längst zum Selbstläufer geworden. Mehr als einmal hatten die Veranstalter dabei schon Mühe, genügend Stühle herbeizuschaffen.

Beliebte Vorträge

Das Publikum ist dabei bunt gemischt; alle Altersgruppen sind vertreten. "Wie Kulmbach früher einmal ausgesehen hat, interessiert Junge und Alte gleichermaßen", sagt Erich Olbrich. Und freut sich gleich doppelt. Sieht er zum einen doch, dass sich die viele Arbeit, die das Digitalisieren der Fotos macht, lohnt. Und kann er zum anderen so auch immer wieder Spenden sammeln für das, was ihm am Herzen liegt: Projekte, die Kindern helfen.

Vom profunden Wissen um die Stadtgeschichte profitiert auch die Bayerische Rundschau. Die wöchentliche Rubrik "Entdeckertouren", die Olbrich gemeinsam mit seinem Enkel Marcus gestaltet, hat viele Fans.

Aber zurück ins Stadtarchiv. Dorthin hat es - nach beruflichen Stationen unter anderem im städtischen Bauhof und auf der Plassenburg - den gebürtigen Pressecker ("Ich bin ein Highlander") vor etlichen Jahren verschlagen. Ein großer Glücksfall, sagt Olbrich selbst. "Wer kann schon sein Hobby zum Beruf machen?"

Fotos aus dem Container

Wann genau der Startschuss für die intensive Beschäftigung mit den alten Bildern begann, können weder Olbrich noch sein Kollege Hermann Müller sagen, mit dem er anfangs gemeinsam Vorträge veranstaltete. Auslöser, so erinnern sie sich, waren alte Fotos aus einem Nachlass, die sie gewisserweise in letzter Minute aus dem Container gerettet hatten. In tagelanger Arbeit haben die beiden diese Fotos mit Hilfe eines Scanners zu digitalen Bild-Dateien verarbeitet. Unzählige weitere kamen im Laufe der Zeit dazu: Es hatte sich schnell herumgesprochen, wo alte Bilder gut aufgehoben waren. "Als ich mir dann die Achilles-Sehne gerissen habe und sieben oder acht Wochen daheim war, habe ich viele, viele Bilder digitalisiert."

Die Leidenschaft für alte Fotografien lässt Olbrich nach Feierabend nicht in seinem Büro. Auch zuhause stapeln sich die Alben und Schachteln mit Bildern und die Magazine mit den betagten Dias, läuft oft stundenlang der Scanner. Das Ergebnis ist auf vielen Kanälen zu besichtigen: In der Zeitung, bei Vorträgen - und auch auf der Internet-Plattform Facebook, wo Olbrich während des Lock-Downs mit alten Bildern, die er zunächst ohne Ortsangabe einstellte, schnell eine große Rätselgemeinde um sich scharte.

Auch jetzt sind Vorträge nur unter erschwerten Bedingungen möglich und historische Stadtspaziergänge schwierig. Dass es so langsam wieder losgeht, wünscht sich der 61-Jährige. Und das wünschen sich auch seine Fans, die nicht nur die Fotos schätzen, sondern auch die "Gschichtla", die Olbrich dazu erzählen kann.

Anekdoten willkommen

Wenn jemand von den Zuschauern selbst eine Anekdote oder eine Jugenderinnerung beisteuern kann, ist er damit hochwillkommen. Und manchmal überreicht jemand Erich Olbrich dann auch ein altes Fotoalbum oder einen Schuhkarton voller nostalgischer Fotos. Dann sitzt der Hüter des fotografischen Gedächtnisses wieder stundenlang am Scanner. "Es wär' doch schade um all die schönen Bilder."