Die Hausärzte sind stinksauer auf die AOK Bayern, nachdem Vorstands-Chef Helmut Platzer erklärt hat, dass die Mediziner "in großem Stil zulasten ihres Vertragspartners falsch abgerechnet haben". "Das ist diffamierend. Eine absolute Frechheit", sagt Markus Ipta, der nicht nur von einer Verleumdung, sondern auch von einem Betrugsvorwurf spricht, den man nicht auf sich sitzen lassen könne. Der Hausarzt aus Kasendorf und seine Thurnauer Kollegen Anja Tischer, Volker Seitter und Gisela Leclerc sprechen für den Hausarztverein Kulmbach Stadt und Land und kritisieren die Allgemeine Ortskrankenkasse scharf.

AOK will zwölf Millionen zurück

Rückblick: Der Bayerische Hausärzteverband und die AOK Bayern hatten 2014 über den neuen gemeinsamen Hausarztvertrag gestritten, den die Kasse ablehnt. Im Dezember hat die AOK dann Honorar-Rückforderungen in Millionenhöhe gestellt.
Von 2700 Ärzten hat die AOK, die mit 4,3 Millionen Versicherten die mit Abstand größte Kasse im Freistaat ist, zwölf Millionen Euro eingefordert. Ohne plausiblen Grund, ohne eine gesetzliche Grundlage dafür zu haben, wie Kulmbachs Ärzte betonen.Streitpunkt sei der sogenannte Amtho-Bogen, in dem Ärzte Änderungen, aber auch das begründete Beibehalten der Medikation eines Patienten dokumentieren und diese Leistung dann auch mit der Kasse abrechnen. Die AOK habe den Ärzten dabei Fehler vorgeworfen, die aber nicht zu belegen seien, da es auch keine Prüfkriterien gebe, stellt dazu Markus Ipta fest.

Immense Forderungen

Auch die Forderungen, die auf die rund 40 Hausärzte im Landkreis zugekommen sind, sind beträchtlich. Bei einem Treffen des Hausarztvereins ist deutlich geworden, dass diese zwischen 5000 und 35 000 Euro überweisen sollen. Wie viele Kollegen will auch Anja Tischer nicht zahlen. Sie hat Widerspruch eingelegt. Dafür laufe man Gefahr, von der Kasse bestraft zu werden. Anja Tischer: "Man hat uns angekündigt, dass wir für Februar keine der üblichen Vorauszahlungen bekommen. Es gibt Kollegen, die sich schwer tun würden, den laufenden Betrieb zu finanzieren, wenn ihnen tausende Euro fehlen."

Bezeichnend sei es, dass die Rückforderungen just zu dem Zeitpunkt gestellt worden seien, als ein Schlichter einen Schiedsspruch in den Verhandlungen über den Hausarztvertrag gesprochen habe. Die AOK lehne den Vertrag weiter ab und habe auch angekündigt, notfalls gerichtlich dagegen vorzugehen, wie Markus Ipta mitteilt. Dabei habe die Bundesregierung die gesetzlichen Kassen dazu verpflichtet, Sonderverträge abzuschließen. Die AOK habe das Gebot anfangs begrüßt, "weil sie dadurch viele neue Mitglieder gewonnen hat". Seit Jahren werde der Vertrag nun aber bekämpft.

Auch Patienten "bluten"

"Wir haben mit keiner anderen Kasse so viele Probleme", sagt Markus Ipta, nach dessen Worten nicht nur die Ärzte, sondern auch viele Patienten "bluten". Um Leistungen von der AOK zu erhalten, müsse man anders als bei anderen Kassen kämpfen, "auch wenn diese aus medizinischer Sicht dringend erforderlich sind". "Jedes Rezept wird hinterfragt."

Es geht auch anders ...

Die AOK sei die einzige Kasse, die den Hausarztvertrag blockiere. Dass es auch anders gehe, mache die Krankenkasse in Baden-Württemberg deutlich. "Dort denkt man nicht nur wirtschaftlich. In Baden-Württemberg wird der Hausarztvertrag gefördert", wie Gisela Leclerc berichtet.
Volker Seitter erinnert daran, dass es ein Ziel gewesen sei, durch den Hausarztvertrag den Job des Arztes auf dem Land attraktiver zu machen. Mit dem Gebaren der AOK werde das Gegenteil erreicht.
"Uns werden immer wieder Knüppel zwischen die Beine geworfen", sagt der Thurnauer Hausarzt und führt an: "Dabei bräuchten wir positive Signale von Politik und Kassen, damit wir die medizinische Versorgung auf dem Land sicherstellen können. So, wie die AOK handelt, schreckt man junge Ärzte aber nur ab, eine Praxis zu übernehmen."

Das sagt die AOK

Die Kasse weist "die öffentliche Verurteilung" des Hausärzteverbands daher zurück. Diese hätten der AOK vertragswidriges Vorgehen bei der Abrechnungsprüfung vorgeworfen.
Zur hausarztzentrierten Versorgung schreibt die AOK, dass der Schiedsspruch vom 19. Dezember rechtswidrig und nicht umsetzbar sei. Man erwäge daher, Klage beim Sozialgericht München einzureichen.

"Rechtswidrige Punkte"

"Die rechtswidrigen Punkte des Schiedsspruchs betreffen Rechtsfragen, die die künftige Handlungsfähigkeit der AOK Bayern massiv einschränken können", erklärt dazu Vorstandsvorsitzender Helmut Platzer. Darauf habe man das Gesundheitsministerium auch hingewiesen.