Das hätte - im Wortsinn - böse in die Hose gehen können: Weil sie sich an einem 24-Jährigen aus der gleichen Gruppe rächen wollte, griff die Bewohnerin einer Behinderteneinrichtung im Landkreis Kulmbach zu einer fast mittelalterlich anmutenden Foltermethode: Feuer unter der Gürtellinie. Im Klartext: Die 20-Jährige hielt dem schlafenden Opfer ein brennendes Feuerzeug an den Penis, nachdem ihr Mittäter (25) dem jungen Mann die Hosen heruntergezogen hatte.

Mit den Folgen musste sich am Mittwoch Jugendrichter Christoph Berner am Amtsgericht Kulmbach befassen. Die beiden Übeltäter waren wegen gefährlicher Körperverletzung angeklagt. Zu einer Verurteilung wegen dieses Straftatbestands kam es letztlich aber nicht. Das Verfahren wurde eingestellt, obwohl der Geschädigte nach eigenen Angaben eine Wochen lang Schmerzen an seinem "Heiligtum" hatte.

Laut Anklageschrift, die Staatsanwalt Jan Köhler verlas, kam es an Silvester 2015 gegen 16 Uhr in der Küche des Wohnheims zu einem Streit zwischen dem späteren Opfer und den beiden Angeklagten - eine von vielen Nickligkeiten, die nach Schilderung der Beteiligten offenbar zum Alltag gehören.


"Der hat Angst"

Bei der Vernehmung der Angeklagten stellte sich heraus, dass der 25-Jährige nur ein Mitläufer war. Der junge Mann löste zunächst eine Beratungspause aus, um die sein Anwalt Walter Bagnoli gebeten hatte. Sein Mandat tat sich offenbar schwer, sich über die äußerst delikate Angelegenheit zu artikulieren. Seine Wohnungsnachbarin war da schon selbstbewusster und klärte das Gericht gleich auf: "Der traut sich net, der hat Angst. Das seh' ich ihm sofort an." Und an ihren Mitangeklagten appellierte sie: "Komm', wir haben das zusammen gemacht, und wir stehen das auch durch." Mehrmals musste Richter Berner sie ermahnen, mit Aussagen zu warten, bis sie an der Reihe sei.

Der Angeklagte sagte nach einigem Zögern dann doch aus. Demnach war der später Geschädigte bei ihm im Zimmer, um gemeinsam Musik zu hören. Als dieser dann - auf dem Bett liegend - eingeschlafen war, sei die Angeklagte hereingekommen und habe ihn aufgefordert, dessen Hose herunterzuziehen.


Ziel der Aktion unklar

Was Ziel dieser Aktion war, sei ihm nicht klar gewesen - bis die 20-Jährige das Feuerzeug zog.
Als der malträtierte Mitbewohner dann aufgewacht sei, habe er "dumm geschaut" und dann herumgeschrien. Als Richter Berner wissen wollte, was der junge Mann ausgerufen habe, entgegnete der Angeklagte: "Keine Ahnung."

Sicher war er sich aber darin, dass er den Geschädigten "überhaupt nicht" mag. "Der schlägt einen zusammen. Der macht das ständig." Auf die Frage, warum er sich nicht gewehrt habe, antwortete der 25-Jährige: "Er ist stärker. Ich habe total Angst."

Dies konnte Staatsanwalt Köhler nicht verstehen: "Als Sie ihm die Hose herunterzogen, mussten sie doch damit rechnen, dass es wieder Ärger gibt."
Den hätte es vermutlich auch so gegeben, denn die Haupttäterin soll gedroht haben: "Wenn du nicht mitmachst, dann patsch' ich dir eine."

Die von Rechtsanwalt Ralph Pittroff vertretene Angeklagte - einzige Frau in der Wohngruppe - gab an, von dem vier Jahre älteren Mitbewohner einen Tag vor Silvester eine Ohrfeige bekommen zu haben und auch schon mal gewürgt worden zu sein. "Am 1. Januar hatte sich die ganze Wut angestaut, da ist mir die Hutschnur geplatzt", sagte sie, bestritt aber, dem Mitangeklagten mit einer Ohrfeige gedroht zu haben.

Die Tat räumte sie ohne Umschweife ein und erklärte auf Nachfrage des Richters, dem 24-Jährigen das Feuerzeug für etwa zwei Sekunden an den Penis gehalten zu haben: "Was passiert ist, war scheiße. Aber wenn man einen Fehler gemacht hat, dann muss man dazu stehen."


Entschuldigt und verziehen

Das Opfer, zu dem die Angeklagte im vergangenen Jahr auch eine sexuelle Beziehung hatte, konnte keinen konkreten Grund für die Tat nennen ("Es gab schon mal Streitigkeiten"). Er berichtete, dass er danach eine Blase und eine Woche lang brennende Schmerzen an seinem "Heiligtum" verspürt hatte. Die Aussagen der Angeklagten, wonach diese sich entschuldigt haben, bestätigte der 24-Jährige: "Ich war schon angepisst, aber ich hab' denen verziehen."

Den beteiligten Juristen war der Grad der Behinderung der Angeklagten bekannt, dieser wurde in der öffentlichen Verhandlung aber nicht thematisiert. "Bei beiden stellt sich die Frage der Schuldfähigkeit", sagte Richter Berner. Seiner Anregung, das Verfahren einzustellen, wurde einstimmig befürwortet. "Das darf aber nie wieder passieren", appellierte er an die Heimbewohner, woraufhin die 20-Jährige sofort antwortete: "Das verspreche ich Ihnen."


Info: § 153

Strafprozessordnung Im Absatz 1 des Paragrafen heißt es: Hat das Verfahren ein Vergehen zum Gegenstand, so kann die Staatsanwaltschaft mit Zustimmung des für die Eröffnung des Hauptverfahrens zuständigen Gerichts von der Verfolgung absehen, wenn die Schuld des Täters als gering anzusehen wäre und kein öffentliches Interesse an der Verfolgung besteht. Quelle: dejure.org