Dieser Fall ist konstruiert. Aber er könnte sich in den letzten Jahren so jederzeit und überall ereignet haben: Der Rettungsdienst wird zu einem Unfall gerufen. Das Unfallopfer hat viel Blut verloren und muss schnell mit Flüssigkeit versorgt werden. Der Notfallsanitäter weiß, genau, was zu tun ist, könnte theoretisch die vielleicht lebensrettende Infusion legen.

Tut er das, bringt er sich selbst allerdings in eine schwierige Situation. Denn eigentlich darf er es nicht. "Heilkundliche Maßnahmen", so sagt es das Gesetz, sind allein dem Arzt vorbehalten. Der Notfallsanitäter kann sich auf den sogenannten rechtfertigenden Notstand berufen, wie er im Strafgesetzbuch in § 34 verankert ist. Eine Grauzone - und ein unbefriedigender Zustand, über dessen Beendigung seit Jahren diskutiert wird.

Seit wenigen Tagen herrscht endlich Klarheit. Der Bundestag hat in der letzten Woche eine Änderung des Notfallsanitätergesetzes (NotSanG) verabschiedet, das den Mitarbeitern in Rettungsdienst mehr Rechtssicherheit bieten soll.

"Ein großer Schritt"

"Mit der Gesetzesänderung ermöglichen wir es Notfallsanitätern in dem Zeitraum, in dem noch kein Arzt vor Ort ist, rechtssicher Heilkunde invasiver Art vorzunehmen, wenn sie dies in der Ausbildung gelernt haben und wenn es erforderlich ist, um eine Lebensgefahr und Folgeschäden vom Patienten abzuwenden", sagt die Bundestagsabgeordnete Emmi Zeulner (CSU). Die Politikerin ist seit Jahren mit dem Thema befasst, hat sich vehement für die Gesetzesänderung stark gemacht - und zeigt sich im Gespräch mit der BR erleichtert, dass das Ziel endlich erreicht ist. "Ich bin unendlich froh, dass wir das endlich durchgekriegt haben."

Die sei ein großer Schritt nach vorne, findet Ilker Özkisaoglu, Notfallsanitäter mit jahrelanger Berufserfahrung. Er kennt solche Situationen zur Genüge. Manchmal fährt der Rettungsdienst an und stellt erst vor Ort fest, dass Verletzungen oder Erkrankungen schwerer sind als vorher angenommen. Dann wird der Notarzt nachgefordert. In einem Gebiet wie dem Landkreis Kulmbach kann es dann schon einmal ein wenig dauern, bis der eintrifft: Quälend lange Minuten in einer Situation, in der schnelles Handeln wichtig ist.

"Es war eine ständige Gratwanderung. Wir wussten genau, was zu tun ist - aber wir durften es eigentlich nicht." Die Gesetzesänderung bedeute eine große Erleichterung für Notfallsanitäter, so Özkisaoglu. "Jetzt kann ich, wenn es nötig ist, auch solche Maßnahmen vornehmen und muss keine Angst haben, dass mir jemand hinterher Schwierigkeiten macht."

Dass es bisweilen Schwierigkeiten geben kann, wissen alle Beteiligten. Immer wieder einmal tauchten in den letzten Jahren in den Medien Berichte auf von Rettungsassistenten, die in bester Absicht gehandelt haben - und dafür Ärger bekamen.

Das kann nun nicht mehr passieren. Und das ist richtig so, meint auch Manuel Stumpf, so wie Ilker Özkisaoglu Notfallsanitäter beim BRK-Kreisverband Kulmbach. Stumpf war einer der ersten, der die neue, dreijährige Ausbildung zum Notfallsanitäterabsolviert hat (siehe Infobox). In der Ausbildung habe man die unterschiedlichsten Notfall-Situationen immer wieder trainiert. "Wir können das. Ich hätte mir schon zum Ende meiner Ausbildung 2017 gewünscht, dass wir das auch offiziell dürfen", so Stumpf, der vor allem auch eines deutlich macht: "Wir nehmen solche Maßnahmen ja nicht vor, weil wir das endlich auch mal machen wollen - sondern weil wir dem Patienten helfen wollen!"

Verantwortungsbewusst

Dieser Aspekt ist auch Frank Wilzok wichtig. Wilzok, in vielen Funktionen aktiv, sitzt selbst ab und zu auf dem Rettungswagen. Im Bemühen um eine Gesetzesänderung hat er Emmi Zeulner als Vertreter des BRK in fachlichen Fragen unterstützt. Er weiß, dass es Mediziner gibt, die in dieser Sache Vorbehalte haben und sich darauf berufen, dass heilkundliche Maßnahmen nun einmal die Sache der Ärzte seien. Deshalb sei es enorm wichtig, dass mit dem neuen Gesetz nun Rechtssicherheit geschaffen wurde. "Es geht ja keiner der Kollegen leichtsinnig damit um", betont er. Notfallsanitäter seien sich da durchaus ihrer Verantwortung bewusst. Wilzok betont allerdings auch, dass es im Raum Kulmbach schon von jeher ein gutes Einvernehmen zwischen dem Rettungsdienst und den Notärzten gebe, und dass es die erwähnen Probleme hier nie gab.

Das bestätigt Patrick Kölbel. Der Kulmbacher Arzt kennt beide Seiten gut. Vor seinem Medizinstudium hat er als Rettungsassistent beim BRK Kulmbach gearbeitet. Nun trifft er immer wieder als Notarzt mit den Kollegen von damals zusammen. "In Kulmbach ist das Verhältnis zwischen Rettungsdienst und Ärzten gut. Hier kann sich jeder auf den anderen verlassen". Auch Kölbel begrüßt die Gesetzesänderung. "Wenn jemand etwas beherrscht, dann soll er auch Rechtssicherheit haben, wenn er es anwendet."

Notfallsanitäter ist ein Heilberuf im Rettungsdienst. Die Berufs- bzw. Tätigkeitsbezeichnung existiert in Deutschland seit 2014.

Der Beruf des Notfallsanitäters (in Deutschland in der Regel NotSan abgekürzt) hat den bisherigen Rettungsassistenten als höchste berufliche, nicht ärztliche Qualifikation im Rettungsdienst abgelöst.

Ausbildung Um der medizinischen Entwicklung im Rettungsdienst auch in der Ausbildung Rechnung zu tragen, dauert die Ausbildung zum Notfallsanitäter drei Jahre (früher Rettungsassistenten zwei Jahre).

Für Rettungsassistenten mit Berufserfahrung gibt es die Möglichkeit der Nachqualifikation.